Frankreich

Intifada in Paris

Pro-palästinensische Demonstration am vergangenen Samstag in Paris Foto: dpa

Unter französischen Juden macht sich Angst breit. An mehreren Pariser Synagogen ist es in den vergangenen Tagen zu Gewalttaten gekommen. In allen Fällen besteht ein direkter Zusammenhang mit dem jüngsten Aufflammen des Nahostkonflikts. Präsident François Hollande warnte davor, die palästinensisch-israelische Kontroverse auf französischem Boden austragen zu wollen – jedoch genau dies scheint momentan zu geschehen.

Denn es liegt nahe, dass ausgerechnet Frankreich zum Nebenschauplatz des Nah-ostkonflikts wird: Dort lebt sowohl eine der größten jüdischen als auch eine der größten muslimischen Gemeinden Europas.

Unter dem Motto »Israel, wir lieben dich« hatte die Synagoge in der Pariser Rue de la Roquette am vergangenen Sonntag zu einem Solidaritätstreffen eingeladen. »Ein wunderbares Treffen zwischen Vertretern der drei Religionen. Wir wollen gemeinsam den Dialog gestalten und friedlich zusammenleben«, hieß es vorab auf der Facebook-Seite der Synagoge. Darunter war ein Bild zu sehen, das mehrere lächelnde Menschen zeigte. Wenig später ein weiteres Bild der gut besuchten Synagoge. »Gebet für den Frieden«, lautete der Kommentar.

Mit der friedlichen Stimmung war es jedoch bald vorbei. Am selben Tag fand in der Pariser Innenstadt eine pro-palästinensische Demonstration statt, die von der Metrostation Barbès bis zum Bastille-Platz zog. »Palästina hat unsere volle Unterstützung«, hieß es auf einem der Transparente. Manche Demonstranten trugen Plakate, die verletzte Kinder aus dem Gazastreifen zeigten.

Ausschreitungen Die Synagoge in der Rue de la Roquette liegt nur wenige Meter von der Bastille entfernt. Noch während die Gläubigen sich im Inneren der Synagoge versammelt hatten, kam es draußen zu massiven Ausschreitungen. Was genau passierte, ist schwer zu rekonstruieren. Die französischen Medien berichteten nur sehr knapp über die gewaltsamen Ereignisse. Jüdische und muslimische Websites liefern sehr unterschiedliche Berichte – ganz wie im tatsächlichen Nahostkonflikt.

Im Internet veröffentlichte Videos zeigen deutlich, dass aufgebrachte Demonstranten versuchten, gewaltsam in die Sy-nagoge einzudringen, und sie mit Steinen, Stühlen, Flaschen und anderen Gegenständen bewarfen.

Vor der Synagoge hatten sich mehrere Dutzend Mitglieder der jüdischen Verteidigungsliga versammelt, die sich mit den pro-palästinensischen Demonstranten heftige Gefechte lieferten. Bernard Abouaf, Korrespondent eines französischen jüdischen Radiosenders, sprach später von »Szenen einer Stadtguerilla«.

Spezialeinheiten Nach etwa einer Viertelstunde trafen die Spezialeinheiten der französischen Polizei (CRS) ein. Sie setzten Tränengas ein, um die Angreifer zu vertreiben. Erst als sich die Lage wieder beruhigt hatte, konnten die Menschen die Synagoge verlassen.

Viele französische Juden waren ge-schockt über die Ereignisse an dem Pariser Gotteshaus. »Was für ein bitterer Nachgeschmack. Unsere Synagoge, die sich so um den Dialog und das friedliche Zusammenleben bemüht, wurde gestern angegriffen«, heißt es auf der Facebook-Seite der Synagoge. »Es war eine Versammlung für den Frieden. Sie wollten es in Krawall verwandeln. Wenn sich der Rauch gelegt hat, werden wir unsere Synagoge, das Viertel, in dem wir leben, noch mit denselben Augen sehen?«

Auch an anderen Synagogen war es in den vergangenen Tagen zu Gewaltakten gekommen. Schon in der Nacht zu Samstag hatten Unbekannte einen Brandsatz in einer Getränkedose gegen die Synagoge von Aulnay-sous-Bois geschleudert. Es gab nur geringen Sachschaden, doch die Symbolwirkung war groß.

Pro-palästinensische Aktivisten griffen darüber hinaus eine Synagoge im multiethnischen Stadtteil Belleville und eine weitere im Marais an. Nach einem Bericht der Zeitung »Le Parisien« wurden insgesamt acht Menschen verletzt, sechs Polizisten und zwei Mitglieder der jüdischen Gemeinde.

Premierminister Manuel Valls verurteilte den Einsatz von Gewalt. »Attacken gegen religiöse Orte sind inakzeptabel. Es handelt sich um besonders schlimme Akte, gegen die die Regierung sehr entschlossen vorgehen wird«, betonte er. »Frankreich wird es nicht akzeptieren, dass durch Hetzreden oder gewalttätige Akte der israelisch-palästinensische Konflikt auf sein Gebiet importiert wird«, fügte er im Anschluss noch hinzu.

Bei französischen Juden liegen seit längerer Zeit die Nerven blank. Der Anschlag auf eine jüdische Schule in Toulouse im März 2012, das Attentat auf das Jüdische Museum in Brüssel im Mai 2014 – in beiden Fällen ähnelte sich das Profil der mutmaßlichen Täter: französische Muslime mit maghrebinischen Wurzeln, die dem is-lamischen Extremismus verfallen sind.

Aber antisemitische Töne sind in Frankreich auch von Nichtmuslimen zu hören – beispielsweise vom Altpräsidenten der rechtsextremen Partei Front National, Jean-Marie Le Pen, die bei den Europawahlen auf ein Viertel der Wählerstimmen ge-
kommen ist. Parteichefin Marine Le Pen, seine Tochter, zeigt sich eher islam- als judenfeindlich – doch bei vielen Parteianhängern ist Antisemitismus weiterhin tief verwurzelt.

Alija Im vergangenen Jahr haben sich deutlich mehr französische Juden zur Alija entschlossen als zuvor: 2185 waren es nach einem Bericht der Zeitung »Le Figaro« zwischen Januar und September 2013, etwa 50 Prozent mehr als im Vorjahr.

Doch es gibt auch Stimmen, die von der Auswanderung abraten. »Ausreisen ist keine Lösung«, meint etwa Sacha Reingewirtz, Präsident des Jüdischen Studentenverbandes. »Wir müssen stattdessen viel mehr Energie in den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus investieren.«

Eva Erben

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