Frankreich

Im Licht der Wunderlampe

Noch viel Platz für weitere Übersetzungen Foto: Frank Albinus

Es ist eine ehrgeizige Mission, die Abraham Radkin und seine Mitstreiter mit dem »Projekt Aladin« angetreten haben. Denn ihr Ziel ist kein geringeres als die Bekämpfung des Antisemitismus in der islamischen Welt. Ihre Waffen dafür sind: Bücher!

Das Übersetzerteam überträgt von Primo Levi über Anne Frank bis hin zu weniger bekannten Texten alles, was mit der Schoa zu tun hat, ins Arabische, Persische und Türkische. Damit wollen sie helfen, die in muslimischen Ländern verbreiteten Vorurteile gegenüber Juden abzubauen. Die übersetzten Werke werden später in eine virtuelle Bibliothek (www.aladdinlibrary.org) gestellt, wo sie für jeden zugänglich sind.

Ignoranz Abraham Radkin, der das Projekt ins Leben gerufen hat, hält den freien Zugang zur Schoaliteratur für unabdingbar für die Überwindung von Ignoranz und Intoleranz. »Um die Geschichte beurteilen zu können, muss man sie zunächst kennen«, erklärt er. »Deshalb stellen wir den Internetnutzern Texte zur Judenverfolgung in einer ihnen verständlichen Sprache zur Verfügung.« Die meisten Besucher der virtuellen Bibliothek stammen laut Radkin aus dem Iran. »Ich selbst stamme von dort und kann sagen, dass es im Iran immer eine jüdische Gemeinde gegeben hat. Der Antisemitismus ist kein Problem innerhalb der Bevölkerung, sondern der Regierung.«

Neben der Übersetzung organisieren die Projektmitarbeiter regelmäßig Veranstaltungen, zu denen, sofern es möglich ist, Zeitzeugen eingeladen werden. Die Schilderungen von persönlich Betroffenen können den Menschen das Thema Judenverfolgung am besten näherbringen und die damit verbundenen Mythen zerschlagen. Im Rahmen des Internationalen Tages zum Gedenken an die Opfer des Holocaust soll bis in die erste Februarhälfte hinein an mehreren Leseabenden in Tunesien, Marokko, Ägypten, der Türkei und sogar im Irak aus Primo Levis autobiografischem Bericht Ist das ein Mensch? gelesen werden.

vorurteile Für Nazijäger Serge Klarsfeld, den Vizepräsidenten des Projekts, ist das Engagement in den muslimischen Ländern selbst der einzige Weg, einen Dialog herzustellen. »Jemand, der wie ich hundert Mal in Auschwitz war, der kann nicht tatenlos zusehen, wie der Negationismus weltweit immer mehr zunimmt. Angesichts der aktuellen Herausforderungen, muss man das ehrliche Gespräch suchen und vor Ort präsent sein«, argumentiert er und fügt hinzu: »Bücher sind sehr wichtig für den Dialog. Als ich zum Beispiel die Geschichte von Sophie Scholl gelesen habe, habe ich meine Vorurteile gegenüber den Deutschen verloren.«

Die Initiatoren des Projekts wollten dem in der muslimischen Welt herrschenden Trend zu antisemitischer Literatur entgegenwirken. Dort, wo Hitlers Mein Kampf hohe Auflagen erzielt, setzen sie an und leisten längst fällige Übersetzungsarbeit. Seit der Gründung vor zwei Jahren sind bereits über 10.000 Werke in die virtuelle Bibliothek aufgenommen worden.

Was 2008 als Projekt der Pariser Fondation pour la Mémoire de la Shoah begonnen hat, wurde mit Unterstützung der Unesco und der französischen Regierung im März 2009 zu einer offiziellen, autonomen Struktur erklärt. Heute arbeiten drei feste Mitarbeiter von Paris aus mit einem internationalen Netzwerk aus Regierungsvertretern, Kulturschaffenden, Übersetzern und verschiedenen Persönlichkeiten zusammen.

Großmufti Aus dem Projekt Aladin ist eine Assoziation geworden, die langfristige Ziele verfolgt. Jean Mouttapa, Gründungsmitglied und Vorsitzender der Bücherkommission, glaubt an die Nachhaltigkeit der initiierten Dialogbemühungen. »Wir waren erstaunt, wie viele muslimische Persönlichkeiten an der Gründungszeremonie in der Unesco teilnahmen«, sagt er. Die Hälfte der insgesamt 1.000 Unterstützer sind Muslime, darunter Staatsmänner wie Senegals Präsident Abdulaye Wade und religiöse Würdenträger wie der Großmufti von Ägypten.

Wie man sieht, zielt das Projekt Aladin jedoch vor allem auf die intellektuellen Eliten ab, die ohnehin empfänglich für derartige Initiativen sind. Doch die weniger gebildeten, ärmeren Schichten, die in vielen muslimischen Ländern die Bevölkerungsmehrheit stellen, werden damit nicht erreicht. Doch genau dort müsste man ansetzen, wenn man auf Dauer etwas in den Köpfen verändern will.

Rückkehr

Wiener Stadttempel nach Restaurierung wiedereröffnet

Nach mehr als zehn Monaten Bauzeit konnte die jüdische Gemeinde in Wien wieder in ihre Synagoge zurückkehren. Nun steht ein großes Fest an - auch zum runden Jubiläum des größten Gotteshauses seiner Art in Österreich

von Johannes Peter Senk  10.09.2026

9/11

Das Gift des Terrors

Ein Vierteljahrhundert nach den islamistischen Anschlägen auf Amerikas Zentren der Macht findet tatsächlich ein Regime Change statt. Allerdings nicht in den Täterländern, sondern in den USA. Ein persönlicher Rückblick

von Hannes Stein  10.09.2026

Schweiz

Neues Holocaust-Memorial in Bern

In Bern soll bis Ende 2027 eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet werden, das den Namen »Unfolded minute« trägt

von Nicole Dreyfus  09.09.2026

Emirate

Generation Golf

Dubai boomt als Reiseziel für Israelis. Doch schon vor dem Beitritt zu den Abraham-Abkommen ist eine Gemeinde gewachsen, für die der jüdische Alltag in einem arabischen Land Normalität ist

von Mark Feldon  09.09.2026

Meinung

Ein Sonntag genügt!

Was gehen uns in der Schweiz die Wahlen in Sachsen-Anhalt an? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten wird klar: Das Problem ist nicht nur die Partei selbst

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.09.2026

Nachruf

Gloria Steinem: Ein Leben im Dienst der Gleichberechtigung

Die Journalistin und feministische Aktivistin starb im Alter von 92 Jahren. Mit ihrem Magazin »Ms.« veränderte sie den Blick auf Frauen nachhaltig

 04.09.2026

Schweiz

»Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!«

Der neunjährige Nathan Hertig ist eines von 25 jüdischen Kindern des FC Hakoah Zürich, die die Profis des FC Zürich ins Stadion begleiten durften. Im Interview erzählt er von diesem Erlebnis

von Nicole Dreyfus  03.09.2026

Terezín 2050

Theresienstadt: Zwischen Gedenken und Weiterleben

Einst Habsburger Festung, dann NS-Ghetto, heute tschechische Kleinstadt: Terezín (Theresienstadt) ist Erinnerungsort und lebendige Stadt zugleich. Internationale Forscher suchen nach Perspektiven für den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft

 03.09.2026

Ungarn

Jüdisches Leben nach Orbán

Die neue Regierung verspricht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Judenhass – und Partnerschaft auf Augenhöhe

von György Polgár  03.09.2026