Großbritannien

Hitler, Stalin, meine Eltern und ich

Lord Daniel Finkelstein Foto: picture alliance/AP Photo

Großbritannien

Hitler, Stalin, meine Eltern und ich

Daniel Finkelstein erzählt das wundersame Überleben seiner Eltern

von Christiane Laudage  19.01.2024 13:11 Uhr

Lord Daniel Finkelstein ist ein bekannter Journalist in Großbritannien. Er sitzt seit 2013 für die konservative Partei im Oberhaus (House of Lords) und ist im Vorstand des Fußballvereins FC Chelsea. Seine Existenz verdankt er nicht nur einem, sondern gleich mehreren Wundern. Denn die Familie seiner Mutter hat den Holocaust in den Niederlanden knapp überlebt, so wie die Familie seines Vaters die stalinistische Verfolgung während des Zweiten Weltkriegs in der Ukraine.

»Was meinen Eltern widerfahren ist, wird mir nicht so leicht widerfahren. Auch nicht meinen Kindern. Aber könnte es passieren? Ja. Auf jeden Fall«, sagt Daniel Finkelstein im Vorwort seines neuen Buches »Hitler, Stalin, meine Eltern und ich«. Er will sein Buch nicht nur als Würdigung seiner Eltern und ihrer schier unglaublichen Überlebensgeschichte verstanden wissen sondern auch als Warnung für die Gegenwart.

In seinem Buch schildert Finkelstein in abwechselnden Kapiteln die Überlebensgeschichte seiner Eltern Miriam Wiener und Ludwig Finkelstein. Er erzählt, »wie die gewaltigen Kräfte der Geschichte als Tsunami über das Leben zweier glücklicher Familien hereinbrachen; wie sie die Menschen erfassten und umherwarfen und die Überreste schließlich an Land spülten. Es ist eine Geschichte von Einfallsreichtum, großer Tapferkeit und nahezu unglaublichen Zufällen.«

Finkelstein schildert die Überlebensgeschichte seiner Eltern

Die gewaltigen Kräfte der Geschichte, die die Familien Wiener und Finkelstein trafen, waren der Nationalsozialismus und der Stalinismus. Der Autor stellt erfreut fest, dass das Interesse an der Geschichte seiner Mutter allmählich zunahm und das, was sie erlebt hatte, besser verstanden wurde. Es trifft ihn aber, dass das Gegenteil der Fall sei im Hinblick auf die Geschichte seines Vaters. »Das öffentliche Interesse an den Verbrechen Stalins kam nicht. Es ist nie gekommen. Niemand lud ihn ein, seine Geschichte in Schulen zu erzählen.«

Sein Vater Ludwik war das einzige, langerwartete Kind seiner Eltern Adolf und Lusia Finkelstein, die im damals polnischen Lwow (heute Lwiw, Ukraine) lebten. Adolf Finkelstein setzte sich in der Zwischenkriegszeit dafür ein, dass seine Heimatstadt zu einer modernen, liberalen, multiethnischen Stadt wurde, in der die jüdische Gemeinde einen gleichberechtigten Platz einnahm. Als mit Beginn des Zweiten Weltkriegs das Land Russland zufiel, wurde er zu Zwangsarbeit am Polarkreis verurteilt. Seine Frau Lusia wurde mit dem Sohn auf eine Kolchose in Sibirien verschleppt.

Als die Nazis 1941 die Sowjetunion überfielen, kam die kleine Familie Finkelstein dank einer Amnestie Stalins frei und fand wieder zusammen - abgemagert, erschöpft, aber entgegen allen Erwartungen noch am Leben. Ihre Großfamilie wurde im Holocaust ausgelöscht.

Großfamilie wurde im Holocaust ausgelöscht

Miriam Wiener stammte ebenfalls aus einer wohlhabenden, gebildeten jüdischen Familie, die sich in erster Linie als deutsch sah. Ihr Vater Alfred Wiener, Gründer des weltweit ersten Holocaust-Archivs, war nach Einschätzung von Daniel Finkelstein weitsichtiger als alle anderen. Er erkannte sehr früh die Gefahr, die von den Nazis bereits während der Weimarer Republik ausging, und versuchte aufzuklären.

Die Familie emigrierte kurz nach der Machtergreifung in die Niederlande, weil sie hoffte, dort vor den Nazis sicher zu sein - so wie die Familie von Anne Frank. Das war nicht der Fall. Als Alfred Wiener sein Archiv nach London geschafft und endlich die Papiere für seine Frau und die drei Töchter zusammen hatte, waren die Nazis in die Niederlande einmarschiert.

Grete Wiener und die Töchter kamen erst in das Sammellager Westerbork, dann in das KZ Bergen-Belsen. Wie sie es schafften, zu überleben? Durch Zufall und Glück, denn die Familie bekam über die Lados-Gruppe Pässe für Paraguay. Zu der in der Schweiz ansässigen Lados-Gruppe gehörten polnische Diplomaten, die illegale Reisepässe für Lateinamerika ausstellten und so Menschen retten konnten.

Seine Eltern haben offen über ihre Erlebnisse im Krieg gesprochen. »Meine Eltern waren liebenswerte Menschen mit einem feinen Sinn für Humor und einer sehr optimistischen Einstellung. Sie vertraten die Ansicht, dass fast nichts so schlimm sein konnte, wie das, was sie erlebt hatten, und hatten daher ein sehr gutes Augenmaß«, sagte er 2021 in einem Interview.

In seinem Buch würdigt Finkelstein seine Mutter, die seiner Meinung nach »den größten Anteil daran hatte, dass unsere Familie im modernen Großbritannien Wurzeln schlug.« Sie habe ihren Kindern ein Familienleben und eine glückliche Kindheit gegeben, die sie selbst nie hatte erleben können. »Unsere Familie hat überlebt. Die Liebe hat den Hass besiegt. Im Kampf gegen Hitler und Stalin gehört der Sieg Mum und Dad.«

Großbritannien

Grünen-Chef will Ermittlungen gegen Briten, die in Israels Armee dienen

Zack Polanski gehört ebenso wie Jeremy Corbyn zu den Unterstützern einer Kampagne, die sich gegen britische Staatsbürger im israelischen Militär richtet

 05.06.2026

Meinung

Entlarvte Gesinnung

Ausgerechnet jener Schweizer Politiker, der sich im Parlament gegen das Hamas-Verbot stellte, lädt die französische Abgeordnete und Israelhasserin Rima Hassan nach Bern ein

von Nicole Dreyfus  04.06.2026

Großbritannien

Unterhausabgeordneter unterstellt Israel »Blutdurst«

In einer Parlamentsdebatte zu Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon verstieg sich ein Parlamentarier zu antisemitischen Aussagen

 04.06.2026

Essay

Sündenfall des Big Apple

New Yorks Bürgermeister macht den Nahostkonflikt zur Innenpolitik und feiert BDS, während seine Frau den 7. Oktober rechtfertigt. Hinter der Fassade der Wohltäter steht die harte Ideologie der Ausgrenzung

von Louis Lewitan  04.06.2026

Brnenec

Museum in Oskar Schindlers Fabrik - Politiker sagen Unterstützung zu

Auf dem Gelände der früheren Fabrik von Oskar Schindler gibt es heute ein Museum. Noch zwickt es dort finanziell ordentlich. Aber Hilfe für die NS-Gedenkstätte ist zumindest am Horizont

von Alexander Brüggemann  03.06.2026

Meinung

Sauna der Toleranz - aber nur ohne Davidstern

Zwei Frauen werden in Barcelona wegen eines jüdischen Symbols verhört, als »Zionistinnen« aussortiert und schließlich hinausgeworfen – im Namen einer Offenheit, die sich selbst ad absurdum führt

von Sabine Brandes  02.06.2026

Essay

Wenn ein Platz nicht schweigt

Gedanken zum 85. Jahrestag der Zerstörung der alten Synagoge von Esch-sur-Alzette durch die Nationalsozialisten

von Andreas Albrecht  02.06.2026

Hintergrund

»Lady Gaza« kommt in die Schweiz

Ein sozialdemokratischer Abgeordneter hat die umstrittene französische Europaabgeordnete Rima Hassan nach Bern eingeladen und damit Empörung ausgelöst. Erste Stimmen fordern nun ein Einreiseverbot

von Nicole Dreyfus, Michael Thaidigsmann  02.06.2026

Punta Cana

Gal Gadot und Mila Kunis zeigen sich entspannt im Karibikurlaub

Die jüdischen Schauspielerinnen gehen in Puerto Rico ganz besonderen Freizeitaktivitäten nach

 02.06.2026