Charkiw

Hilfe für Holocaust-Opfer

Julia Entin Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Die Bombardements auf Kiew und Charkiw lassen Julia Entin kaum noch schlafen – nicht, weil sie in der Ukraine um ihr Leben fürchtet, sondern weil sie sich im fernen Los Angeles um andere sorgt. Der 39-Jährigen liegt das Schicksal jener Ukrainerinnen und Ukrainer besonders am Herzen, die schon einmal schlimmstes Grauen durchlebt und überlebt haben: den Opfern des Holocaust.

Um sie aus dem Kriegsgebiet zu retten, arbeitet Julia Entin fieberhaft gemeinsam mit ihrer Kollegenschaft von Bet Tzedek Legal Services, einer US-Organisation mit Sitz in Los Angeles, die Rechtsbeistand für jährlich Zigtausende Bedürftige bietet. Entin, die sich seit Jahren in den USA um Holocaust-Überlebende kümmert, hat nun die Koordinierung für die Evakuierungsbemühungen aus der Ukraine übernommen.

Netzwerk »Sie haben schon einmal ein schweres Trauma überlebt«, sagt Entin. »Und in diesem Krieg erleben sie dieses Trauma noch einmal.« Julia Entin ist selbst Enkelin eines Holocaust-Überlebenden und aus der früheren Sowjetunion geflohen. Ihre Organisation ist Teil eines rasch geflochtenen Netzes von Hilfswerken - jüdischen und nicht-jüdischen –, die versuchen, gemeinsam mit Bus- und Taxiunternehmen Menschen aus den umkämpften Städten zu holen. Viele Familien in den USA hätten sich wegen ihrer Arbeit mit Holocaust-Opfern direkt an sie gewandt und um Hilfe für Angehörige in der Ukraine gebeten, sagt Entin.

Zuerst greift sie zum Telefon und versucht, den direkten Kontakt zu den Menschen im Kriegsgebiet herzustellen. »Ich stelle mich vor und sage ihnen, wer ich bin – die Enkelin eines Holocaust-Überlebenden«, erklärt Entin. Das passiert auf Russisch, und gleich zu Beginn des Telefonats entschuldigt sich die Anruferin dafür, dass sie nicht Ukrainisch spricht.

»Ich erzähle ihnen, dass mein Großvater nicht evakuiert wurde und die Nazi-Besetzung durchleben musste«, sagt die Helferin. »Das hilft, Vertrauen aufzubauen.« Dennoch sei es oft extrem schwierig, die alten Menschen zu überzeugen, in einen Bus oder ein Taxi zu steigen und ihre Heimat zu verlassen, um der Gewalt zu entkommen.

Flucht Ein Mann Ende 80 habe dieser Tage das Evakuierungsangebot zunächst ausgeschlagen, weil er Angst hatte, auf der Flucht getötet zu werden, berichtet Entin. »Ihn zu überzeugen, war eine wirkliche Herausforderung, denn man kann nicht garantieren, dass so etwas nicht passiert – niemand kann das.«

Ein 87 Jahre alter Holocaust-Überlebender aus Charkiw lehnte die Bitte, in die USA zu kommen, gemeinsam mit seiner ein Jahr älteren Frau komplett ab. »Er weigert sich zu gehen, er will nicht wegziehen«, sagt Svetlana Jitomirskaya. Die Professorin an der Universität von Kalifornien hatte versucht, den Freund ihres Vaters zum Verlassen Charkiws zu bewegen.

Waleri Semenowitsch Scharkowski hingegen hat Charkiw den Rücken gekehrt. Zusammen mit seiner Tochter und der achtjährigen Enkelin ist der 81 Jahre alte Holocaust-Überlebende inzwischen in Deutschland angekommen. Hier lebt bereits sein Bruder, aber auch die Verwandtschaft in den USA atmet auf: »Ich bin so erleichtert zu hören, dass sie alle aus dem Gefahrengebiet und an einem sicheren Ort sind«, sagt Scharkowskis Cousine Marina Sonina aus der Nähe von Chicago.

Noch am Tag vor der Flucht über die Grenze habe sie mit ihrem Vetter gesprochen. »Er hatte Angst, weil die Situation wirklich schlimm war«, sagt Sonina. »Und sein Gesundheitszustand ist auch nicht gut.« Deshalb sei die Erleichterung nun umso größer.

Propaganda Wie alle um sie herum leiden auch die hochbetagten Holocaust-Opfer in der Ukraine unter einem Krieg, der ihnen nach russischer Propaganda angeblich Freiheit bringen soll: Denn der russische Präsident Wladimir Putin hat seinen Einmarsch in der Ukraine mit dem vorgeblichen Ziel verknüpft, das Nachbarland zu »entnazifizieren«. Ein bitterer Zynismus - der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj ist selbst Jude, und auch aus seiner Familie wurden Angehörige von den Nazis ermordet.

Entin und ihre Mitstreiter lassen derweil nicht nach, möglichst viele Menschen aus den belagerten Städten zu retten. »Ich bin seit 38 Stunden wach und versuche, das zu regeln«, sagt die Amerikanerin über Bemühungen, drei Paaren in Charkiw zu helfen, darunter eines, das kein Wasser und keine Heizung mehr hat. »Es war eine lange, harte Nacht«, sagt Entin. »Die Frau sagt, dass sie nicht glaubt, dass ihr Mann noch lange überlebt.« AP

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