Lettland

Heimweh nach der Ostsee

Wer Riga mit dem Bus besucht, findet sich gleich bei seiner Ankunft mittendrin im prallen Leben der lettischen Hauptstadt wieder. Über den Stadtkanal geht der Blick des Besuchers zum Zentralmarkt: fünf riesige Markthallen, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts noch Luftschiffe beherbergten.

Die meisten Touristen zieht es nach ihrer Ankunft in die entgegengesetzte Richtung, wo ein Kirchturm die hanseatische Altstadt erkennen lässt. Nur wenige wagen sich weiter nach Osten, hinter den Markt, hinein in die Moskauer Vorstadt. Dort wartet Ieva, eine junge Lettin Anfang 20 mit langen blonden Haaren, die kürzlich ihr Geschichtsstudium abgeschlossen hat, im Ghetto‐Museum geduldig auf Besucher.

Arbeiterviertel Wer es hierher geschafft hat, in das ehemalige Speicherviertel, eingeklemmt zwischen Zentralmarkt und Stadtautobahn, dem gibt Ieva eine persönliche Führung durch die Ausstellung. Sie zeigt Fotos von Häusern, in denen einst Juden wohnten, erzählt die Geschichten ihrer ehemaligen Bewohner in der Moskauer Vorstadt, damals wie heute ein eher verrufenes Arbeiterviertel. Wie aber ist es um das Leben der Juden im heutigen Riga bestellt? Ieva denkt nach. »Das ist eine schwierige Frage«, sagt sie und lächelt verlegen.

Man kann Lettlands Hauptstadt besuchen, ohne von seinen jüdischen Bewohnern Notiz zu nehmen. Dabei hat Riga mit 9000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde im Baltikum. In den Schlagzeilen war sie in letzter Zeit immer wieder, als es um das Thema der Rückgabe jüdischen Eigentums ging, das sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Staatsbesitz befindet. Sogar die frühere US‐Außenministerin Hillary Clinton nahm sich des Themas bei ihrem Staatsbesuch in Lettland vergangenes Jahr an.

Um mehrere Hundert Immobilien geht es, die nicht Einzelpersonen, sondern jüdischen Organisationen gehörten. Die lettische Regierung hält den Prozess der »Denationalisierung« für abgeschlossen und fürchtet bei Zugeständnissen an jüdische Organisationen, dass andere Gruppen Forderungen erheben.

Gemeindeleben Der Rigaer Rabbiner Mordechai Glazman jedoch will über das Thema nicht sprechen: »Das ist eine Frage der Politik.« Der Orthodoxe, der von Chabad Lubawitsch nach Lettland gesandt wurde, sitzt in der Peitav‐Schul in der Rigaer Altstadt. Die Synagoge überstand den Zweiten Weltkrieg, weil die Nazis ein Übergreifen der Flammen auf Nachbargebäude befürchteten. Glazman erzählt vom blühenden Gemeindeleben heute: »Wir haben einen jüdischen Kindergarten, zwei Schulen, ein koscheres Café. Es gibt alles, was man für ein jüdisches Leben braucht.«

In Riga fühlt sich der in Israel geborene Glazman nach eigenem Bekunden zu Hause. Russisch, die Muttersprache der meisten Gemeindemitglieder, spricht er inzwischen fließend. Überdies, erzählt er, seien die meisten seiner Kinder in Riga geboren. Zwölf Töchter und Söhne hat der Rabbi – »Gott sei gedankt!«

Wenn Rabbi Glazman von seiner Familie spricht, meint man, hinter seinem vollen Bart ein Lächeln zu erkennen. Wenige Momente später ist seine Stimme jedoch schneidend scharf. »Nein, einen solchen Liberalismus gibt es bei uns sicher nicht«, beantwortet er die Frage, ob der Nachweis jüdischer Herkunft in bestimmten Fällen lockerer gesehen werden könnte, wie dies beispielsweise aus polnischen oder litauischen Gemeinden berichtet wird. Dass viele Menschen in der Sowjetunion ihre jüdische Herkunft verbargen, weiß der Rabbiner. Doch der Nachweis einer jüdischen Mutter steht für ihn nicht zur Disposition: »Das ist Gottes Gesetz, da gibt es nichts zu diskutieren. Es gibt keine halben Juden. Man kann schließlich auch nicht halb schwanger sein.«

Pferdeschwanz Das Gegenbild zu Rabbi Glazman begegnet dem Besucher vor der Synagoge in der Person von Solomon. Der Grafikdesigner, Anfang 70, trägt sein weißes Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Den obersten Knopf seines Hemdes leger offen, raucht er eine Zigarette und scherzt mit dem Wachmann.

Solomon ist Rigaer in der fünften Generation – einer von wenigen in der Gemeinde. Geboren wurde er zwar in Russland – »wegen Hitler«, wie er sagt –, doch kehrten seine Eltern nach dem Krieg zurück. Deutsch kommt Solomon leicht von den Lippen, seine Muttersprache aber ist Jiddisch, das er in verschiedenen Dialekten beherrscht. So charmant und angeregt Solomon sich mit den Besuchern auch unterhält, begeistert über das zunehmende Interesse an der Synagoge ist er nicht. Lieber sähe er sie als einen stillen Ort des Rückzugs: »Es kommen viele Touristen – leider. Sie helfen uns nicht, indem sie kommen, und sich selbst helfen sie auch nicht.«

jugendstil Der Weg von der Synagoge zum jüdischen Gemeindezentrum führt von Rigas historischer Altstadt in die Neustadt mit ihren reich dekorierten Jugendstilfassaden. Ganz besonders wurde ihr Gesicht geprägt durch den Architekten Michail Eisenstein, den Vater des bekannten sowjetischen Regisseurs Sergej Eisenstein.

Nur wenige Meter entfernt von den großen Touristenstraßen befindet sich im Keller des jüdischen Gemeindezentrums das einzige koschere Café der Stadt: Es heißt »Lehaim«. Da der Platz für zwei getrennte Küchen fehlt, werden keine Milchspeisen serviert. Die Speisekarte vereint traditionell jüdisch‐lettische Küche mit Spezialitäten des Nahen Ostens wie Hummus und Falafel.

An einem Tisch in dem Café sitzt der 34‐jährige Juri mit seiner Tochter Alina. Oben, am schwarzen Brett des Gemeindezentrums, sucht Juri per Aushang Teilnehmer für einen Kurs in »Selbstverteidigung für Juden«. Das klingt nach Problemen, doch Juri wiegelt ab: Die Situation in Lettland sei friedlich, Juden hätten keine Diskriminierung zu fürchten. Nur die kürzlich gegründete arabische Gemeinschaft in Riga, die behalte man für alle Fälle lieber im Auge.

Ausbildung Die Araber kennt Juri noch aus Israel, wo er in der Armee das Kämpfen lernte. Eigentlich hat er kein schlechtes Bild von ihnen: »Die Israelis gehen am Schabbat, wenn die jüdischen Läden geschlossen sind, gerne bei den Arabern einkaufen.« Nach mehreren Jahren in Israel kehrte Juri wieder nach Lettland zurück, um eine Familie zu gründen. Schenkt man ihm Glauben, tun es ihm viele Auswanderer gleich: Nach ihrer Ausbildung in Israel kommen sie wieder in ihre Heimat. Juris Beobachtung steht allerdings im Gegensatz zur offiziellen Statistik: Demnach verlassen jedes Jahr noch immer mehr Letten das Land, als zurückkehren.

Unangenehm aufgefallen ist Juri in Israel eine Frage, die ihm, wie anderen Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, immer wieder gestellt wurde: »Wann haben Sie erfahren, dass sie Jude sind?« Für Juri ist der Fall klar: »Ich fühle mich als Jude, solange ich denken kann.« (mit n‐ost)

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