Erst dachten alle, es sei ein Spuk. Im Hause Sesemann ging etwas Unheimliches vor. Jeden Morgen stand die Haustür offen, aber weit und breit war niemand zu sehen. Dieses nächtliche Treiben brachte die Dienerschaft an den Rand der Verzweiflung, und auch Vater Sesemann haderte langsam mit sich, ob er nicht vielleicht doch an Gespenster glauben sollte. Aber die kleine weiße Gestalt, die schließlich eines Nachts auf der Türschwelle bei frischer Tat ertappt wurde, war niemand anderes als Heidi.
Das Mädchen aus den Bergen, das in Frankfurt im Lesen unterrichtet werden sollte und damit die großen Lebensfragen gleich mit dazulernte, hatte einen immer wiederkehrenden Traum: »Dann mein ich, ich sei beim Großvater, und draußen hör ichʼs in den Tannen sausen und denke: Jetzt glitzern so schön die Sterne am Himmel, und ich laufe geschwind und mache die Tür auf an der Hütte, und da istʼs so schön! Aber wenn ich erwache, bin ich immer noch in Frankfurt.« Alsbald folgte die Diagnose des Hausarztes: Das Kind litt an akutem Heimweh. Heidi musste nach Hause.
Der 1880 von Johanna Spyri verfasste Kinder- und Jugendroman Heidis Lehr- und Wanderjahre hat seitdem nichts an Aktualität eingebüßt. Er traf nicht nur damals, sondern auch heute, speziell aber in der Nachkriegszeit, den Nerv der Entwurzelten.
Ein Mädchen, das auf Lehr- und Wanderjahre geschickt wird, sich mit der neuen Umgebung schwertut und sich damit ungefragt mit der eigenen Identität beschäftigen muss, ist mehr als eine 140 Jahre alte Momentaufnahme, die später zur Klischeeliteratur der Schweiz abgeschliffen wurde. Der Text von Spyri ist eine Allegorie auf die Entfremdung und den Umgang damit. Der Topos Heimat und das Spannungsfeld zwischen Natur und Stadt werden dabei in literarischer Akribie durchgespielt.
»Heidi Bat HeHarim«
Der Frage nach Identität, Entwurzelung und den Umständen, warum Heidi insbesondere beim israelischen Publikum nach 1948 so sehr ins Schwarze traf, geht Nurit Blatman nach. Die Züricher Kulturforscherin dissertiert über Heidi Bat HeHarim (Heidi, Tochter der Berge), wie das Buch bis heute in Israel heißt. Das sei nicht immer so gewesen, sagt die Forscherin. Die erste Übersetzung von 1946 ins Hebräische, die aus der Feder Israel Fishmans stammt, betitelte das Werk mit Heidi Bat HaAlpim (Heidi, Tochter der Alpen).
»Doch unmittelbar nach dem Krieg hat ein Kulturtransfer stattgefunden, als die Überlebenden der Schoa, deutschsprachige Juden also, nach Israel kamen«, so Blatman. »Mit den Alpen war der klare Bezug zur europäischen Bergkette und damit zur verlorenen Heimat hergestellt.« Dieses Problem habe erst gelöst werden müssen. Das neue Leben mit den ganzen Traumata im Gepäck fiel den Einwanderern schwer genug. »Nach dem Krieg hatte sich das Verhältnis zu Deutschland und auch zur deutschen Sprache verändert.
Die deutschsprachigen Emigrantinnen und Emigranten versuchten, sich von der schmerzhaften Vergangenheit zu distanzieren und im damaligen Palästina neu anzufangen mit einer eigenständigen, aus der hebräischen Sprache heraus definierten kulturellen Identität.« Gleichzeitig hätten viele aber noch ein starkes Verbundenheitsgefühl zur zurückgelassenen deutschsprachigen Kultur empfunden, was sich laut Blatman auch in der importierten Kaffeehaus-Kultur, die sich vor allem in Tel Aviv etabliert hatte, entfaltete. »Da war diese Liebe zur alten Heimat, die nicht mehr sein durfte.«
Annäherung und Distanzierung
Diese Ambivalenz wurde auf verschiedenen Ebenen spürbar, so auch in einem literarischen Werk wie Heidi. Daher hätten sich in den ersten Ausgaben Annäherung und Distanzierung ständig abgewechselt. Ab den 50er-Jahren erschienen zu Fishmans Übersetzung, die immer wieder neu aufgelegt wurde, kürzere Ausgaben von Heidi, die sich auch an kleine Kinder richteten. »Es machte offenbar Sinn, dass aus den spezifisch europäischen Alpen ganz allgemeine Berge wurden. Dieses noch junge Publikum war in Israel zur Welt gekommen und hatte nicht mehr diesen emotionalen Bezug zu den Alpen«, so Blatman.
Die Änderungen zeigen die Entwicklung der israelischen Gesellschaft und der eigenen Identität.
Nicht nur der Titel erfuhr eine Umortung, auch die Figuren und Orte im Roman wurden aus ihrer ursprünglichen Beziehung zu Europa gelöst. Fishman entschied sich für Namensänderungen: »Peter« wurde zu »Pierre« und die »Sesemanns« zu den »Gérards«. Nur die strenge Gouvernante »Fräulein Rottenmeier« konnte ihre Herkunft nicht abstreifen, wenngleich auch in späteren Adaptionen nicht mehr von Frankfurt die Rede war, sondern von einer »großen Stadt«.
In einer Theateraufführung von 1956 wurde Heidi gar nach Venedig verpflanzt. Blatman erklärt die mentalitätsgeschichtlichen Phänomene wie folgt: »Bereits anhand kleiner Abänderungen lässt sich die Entwicklung der israelischen Gesellschaft und die Bildung einer eigenständigen, israelischen Identität widerspiegeln und nachzeichnen.« Je weiter die Schoa zurücklag, desto mehr näherten sich die Übersetzungen wieder dem Original an, und Heidi ging wieder nach Frankfurt zu den Sesemanns.
Den Text für Kinder »heimisch« klingen lassen
Frühe hebräische Übersetzer nutzten ein einfacheres, aber dennoch literarisches Hebräisch, um den Text für Kinder »heimisch« klingen zu lassen – als wäre Heidi selbst eine Art Jischuw-Mädchen. Manche christlich-religiösen Elemente aus Spyris Original, wie das Gottvertrauen, wurden abgeschwächt, Aspekte von Natur, Arbeit und Gemeinschaft stärker betont. Das Mädchen, das sich in der Natur so sehr zu Hause fühlte, blieb für junge Menschen in Israel, die Negatives erlebt hatten, dennoch ein wichtiges Vorbild.
»Viele Kinder wuchsen ohne eigene Eltern auf, weil sie sie im Krieg verloren hatten. Auch Heidi war ein Waisenkind und fand durch die Familie Sesemann in Frankfurt ihre Ersatzfamilie. Das transportierte etwas Positives.« So sei das Buch keinesfalls auf einen Heile-Welt-Text zu reduzieren. Der Natur-Topos könne zudem als zentrales Motiv des Romans verstanden werden und war im jungen jüdischen Staat eine willkommene Metapher.
»Die Liebe zur Natur reihte sich in den Zeitgeist der Kibbuzim ein. Das Leben in Einfachheit, die Nähe zur Natur und keine materiellen Unterschiede konnten als Chiffre für das Leben der Pionierzeit angenommen werden.« Gewisse Übersetzungen hätten die Almhütte des Großvaters in den Schweizer Bergen beinahe so dargestellt, als könne sie auch ein Pionierdomizil in Palästina sein.
Eingang in den israelischen Sprachgebrauch
Selbst wenn der Aspekt der Heimatfindung für das zeitgenössische israelische Lesepublikum heute nicht mehr von großer Bedeutung sei, so bleibe die Natur dasjenige Element, womit man sich durch die Jahrzehnte bei Heidi identifiziere, so Blatman weiter. Dabei habe der Originaltitel Heidi Bat HaAlpim sogar Eingang in den israelischen Sprachgebrauch gefunden: Wer für Instagram vor atemberaubender Natur posiert, kommentiert damit gern sein Bild.
Durch ein Werk wie Heidi wird für Blatman, die in ihrer Doktorarbeit bewusst die Grenze zwischen Populär- und Kinderliteratur aufhebt, deutlich, welche Bedeutung und welchen Einfluss beide Literaturgattungen auf eine Gesellschaft haben. Im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Zürich wirkte sie im Jahr 2019 an der Ausstellung Heidi in Japan mit, die damals im Landesmuseum Zürich zu sehen war. Die Ausstellungsmacher gingen der Entstehung des berühmten »Heidi«-Animes von 1974 auf den Grund, der international jahrelang im Fernsehen lief.
So kam Blatman auch mit dem Literaturwissenschaftler und »Heidi«-Experten Peter Büttner vom Schweizer »Heidiseum« in Kontakt, der sie auf die hebräische Ausgabe hinwies. In enger Zusammenarbeit mit dem Heidiseum wurde zwei Jahre später die Ausstellung Schatten und Licht. Heidis Erfolgsgeschichte in Israel – Eine Spurensuche eröffnet, die von Blatman kuratiert wurde und in der sie die Roman-Rezeption in Israel sowie die Vielfalt der hebräischen Veröffentlichungen darstellen wollte. Einige Zeit später war die Ausstellung auch im Jüdischen Museum München zu sehen.
»Memory of the World«
Heute gehören die beiden Kinderbücher Heidis Lehr- und Wanderjahre und Heidi kann brauchen, was es gelernt hat von Johanna Spyri mit rund 60 Millionen verkauften Exemplaren und Übersetzungen in mehr als 70 Sprachen zu den bekanntesten und wohl auch einflussreichsten Kinderbüchern der Welt.
Auch in Israel zählen die Bücher seit der Staatsgründung zum Kanon der Kinderliteratur und die Hebraica-Sammlung des »Heidiseum« seit 2023 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe »Memory of the World«. 2019 legte Kinderbuchforscherin und Übersetzerin Hanna Livnat zudem eine neue hebräische Gesamtübersetzung vor. Ein weiterer Meilenstein in Heidis Erfolgsgeschichte in Israel.