Venezuela

Hass im Wahlkampf

Venezuela gleicht derzeit einem politischen Hexenkessel. Nach 14 Jahren als Staatspräsident strebt Hugo Chávez am 7. Oktober seine dritte Amtszeit in dem lateinamerikanischen Land an, um die »Bolivarische Revolution« fortzusetzen. Aber der linkspopulistische Autokrat kämpft nicht nur gegen eine schwere Krebserkrankung, die ihn seit zwei Jahren zu mehreren Chemotherapien gezwungen hat, sondern auch gegen eine ständig wachsende Opposition, die nicht mehr an die vollmundigen Versprechungen des Ex-Militärs und selbsternannten »Commandante« von einer »gerechten Gesellschaft« glaubt: Inflation, Wohnungsnot, Lebensmittelpreise und die Arbeitslosigkeit haben sich sogar erhöht.

bandagen Mit Henrique Capriles Radonski, dem Kandidaten des oppositionellen Parteienbündnisses »Tisch der demokratischen Einheit« (Mesa de la Unidad Democrática – MUD), ist Chávez bei den Präsidentschaftswahlen zudem ein Mitbewerber ins Gehege gekommen, der erstmals reale Chancen auf eine breite Unterstützung hat. Seitdem wird mit harten Bandagen gekämpft. Im Gegensatz zu anderen Oppositionellen gehört der Rechtsanwalt Capriles Radonski eher dem linksliberalen Lager an und orientiert sich in seiner Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik an Personen wie dem ehemaligen Staatspräsidenten von Brasilien, Luiz Inácio Lula da Silva, und dessen Amtsnachfolgerin Dilma Rousseff.

»Heuchler« und »Komödiant« sind noch die harmloseren Worte, mit denen der venezolanische Staatspräsident seinen 40 Jahre alten Gegner, dessen jüdische Vorfahren aus Polen stammen, beschimpft. Während einer von Rundfunk und Fernsehen übertragenen Ansprache an das »venezolanische Volk« bezeichnete er Capriles als »minderwertig« und als »Kandidaten der Bourgeoisie, der Yankees und der Rechten«. Er werde ihm »die Maske runterreißen, egal worunter du dich versteckst. Du hast einen Schweineschwanz, Ohren wie ein Schwein, schnarchst wie ein Schwein – du bist also ein Schwein«, sagte Chávez im Fernsehen. Als Maranen, das altspanische Wort für Schweine, wurden im 15. und 16. Jahrhundert auf der Iberischen Halbinsel die zwangsgetauften Juden bezeichnet.

verunglimpft Besonders Begriffe aus dem Vokabularium des Antisemitismus benutzen Chávez und seine Meinungsmacher, wenn es gilt, Capriles zu verunglimpfen. Regierungsnahe Medien bezeichnen den Oppositionskandidaten abwechselnd als »Agenten des US-Imperialismus« oder als »zionistischen Agenten«. Der Journalist Adal Hernández schreibt in der Chávez verbundenen Internetzeitung »Patria Grande«, Capriles sei »Teil einer paramilitärischen und faschistischen Sekte, die sich Tradition, Familie und Eigentum nennt, in der perverse religiöse Riten praktiziert und selektive Verbrechen geplant werden gegen alle, die nicht Teil der nationalen arischen Rasse und der Oberklasse Venezuelas sind«.

Auch im staatlichen Fernsehen wurde Capriles in einem Beitrag mit dem Titel Der Feind ist der Zionismus als »verdeckter Repräsentant der israelischen Ideologie« bezeichnet. Die antisemitische Kampagne passt zu den rhetorischen Angriffen gegen Israel und den engen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen, die Chávez mit dem Iran pflegt.

Capriles, ein getaufter Christ und erklärter Verehrer der »Heiligen Mutter Gottes«, hat sich mehrmals öffentlich gegen die antisemitischen Anfeindungen des Präsidenten verwahrt. »Ich bitte, meine jüdischen Wurzeln und meine Urgroßeltern zu respektieren, die von den Nazis umgebracht und verscharrt worden sind«, sagte er.

polen Capriles stammt aus einer jüdischen Migrantenfamilie, die in den 30er-Jahren aus Polen fliehen konnte. Seine Eltern traten später zum Christentum über. In Venezuela kam die Familie zu einigem Wohlstand; heute gehören ihr eine der größten Kinoketten des Landes sowie Beteiligungen an Banken, Druckereien und Bauunternehmen.

Weil Capriles unverheiratet ist, unterstellen ihm Regierungskreise immer wieder subtil, homosexuell zu sein. Politisch engagiert er sich seit seinem Studium. Er war Präsident des Abgeordnetenhauses und ist seit 2008 Gouverneur des Bundesstaates Miranda, in dem eines der größten Armenviertel des Landes liegt.

protest Öffentlich hat gegen die antijüdischen Äußerungen besonders die Anti-Defamation League (ADL) reagiert. »Wie schon in der Vergangenheit benutzen Präsident Chávez und seine Regierung den Antisemitismus als polarisierendes politisches Werkzeug, um Juden zu Sündenböcken zu machen«, kritisierte deren Vorsitzender, Abraham H. Foxman. Bei den Wahlen in Venezuela wird versucht, den »Kandidaten der Opposition als ›jüdischen Verräter‹ darzustellen, der der Präsidentschaft nicht würdig ist«, urteilte Foxman. Ein Vertreter des Simon-Wiesenthal-Zentrums forderte ein Ende der »antisemitischen Kampagne«.

Die jüdische Dachorganisation des Landes, Confederación de Asociaciones Israelitas de Venezuela (CAIV), die in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel antisemitischer Angriffe war, hält sich im Wahlkampf zurück. Das Verhältnis zur derzeitigen Regierung gilt als angespannt, auch wenn Chávez immer wieder betont, er habe nichts gegen Juden – um im nächsten Moment Israel als den »Störenfried des Weltfriedens« zu geißeln. Eine Stellungnahme der CAIV sei derzeit nicht möglich, heißt es mit der Bitte, niemanden namentlich zu zitieren.

umfragen Die Situation sei mehr als heikel, erläutert jemand aus einer der Gemeinden in Caracas. »Keiner möchte sich äußern, um nicht eine Angriffsfläche für die Chavisten zu bieten.« Niemand glaube an ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das manche Umfrageinstitute zu erkennen meinen. Capriles kämpfe gegen einen eingespielten Apparat, der Staatsgeld für den Wahlkampf nutze, so das Gemeindemitglied.

In den jüdischen Gemeinden hat eine andere Abstimmung begonnen. Viele Juden haben sich in den vergangenen Jahren gegen den »Bolivarischen Staat« entschieden und sind ausgewandert. Die meisten haben sich in den benachbarten Ländern Lateinamerikas, der Karibik und den USA angesiedelt. Gab es vor zehn Jahren noch etwa 18.000 Gemeindemitglieder, sind es heute nur noch rund 9.000. Dass die Gemeinde wieder wächst, glaubt allerdings kaum jemand. »Der Exodus wird auch nicht aufhören, wenn Capriles gewinnen sollte«, fürchtet ein Mitglied der jüdischen Gemeinde in Caracas.

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