Italien

Händler, Ärzte und Gelehrte

Bild der Ausstellung: »Die heilige Familie und die Familie des Täufers« von Andrea Mantegna Foto: T. Lodigiani

Die Renaissance spricht Hebräisch» (Il Rinascimento parla ebraico). So heißt eine Ausstellung, die derzeit im Nationalmuseum für italienisches Judentum und für die Schoa (MEIS) in Ferrara zu sehen ist. Die von den Berliner Judaistik-Professoren Giulio Busi und Silvana Greco kuratierte Schau stellt die historische Entwicklung des jüdischen Lebens von der zweiten Hälfte des 14. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts in einen anschaulichen Kontext und beleuchtet vor allem den offenen Kulturaustausch mit der christlichen Mehrheitsgesellschaft.

Angelpunkt der Renaissance in Italien war Florenz. Von da aus verbreitete sie ihre neuen geistigen und künstlerischen Konzepte in ganz Italien. Eng verbunden ist sie mit den Namen großer Persönlichkeiten wie Niccolò Machiavelli und Leonardo da Vinci. Nicht ganz so bekannt, doch durchaus präsent, waren jüdische Protagonisten.

Auch Miniaturen und andere Werke jüdischer Künstler sind in der Ausstellung zu sehen.

Zu Begegnungen kam es vor allem an den Höfen. Dort hieß man Juden als Ärzte, Gelehrte, Händler oder Verleiher durchaus willkommen – doch waren sie gleichzeitig das Objekt von Vorurteilen und Ausgrenzung. Florenz, Ferrara, Mantua, Venedig, Rom, Pisa oder Palermo waren die Schauplätze christlich-jüdischer Begegnung, eines gegenseitigen Beobachtens.

schriften «Sicher haben (die Juden) Dinge übernommen, imitiert, wiedergegeben», erklärt Kurator Giulio Busi. «Aber sie haben auch gegeben, beeinflusst, inspiriert.» Die christlichen Humanisten sammelten jüdische Schriften, tauchten mit der Unterstützung jüdischer Gelehrter in die heilige Sprache ein. Lorenzo de’ Medici, Federico da Montefeltro, Isabella d’Este, Giovanni Pico della Mirandola, Angelo Poliziano waren Mäzene, Sammler, Forscher und durchaus am Judentum interessiert.

Busi zitiert als beispielhaft die von Giovanni Pico im Jahr 1486 veröffentlichten Conclusiones und hebt hervor, wie sie von den Geheimnissen des jüdischen Mystizismus durchdrungen waren. Sie wurden zuerst verboten, dann auf Anordnung von Papst Innozenz VII. verbrannt. Busi schlussfolgert: «Die katholische Kabbala, kaum geboren, hatte sofort den Geruch von Häresie.»

Die Ausstellung im MEIS offenbart dennoch die Teilhabe der Juden an der fruchtbaren Renaissance-Kultur im Land. So findet man unerwartet hebräische Inschriften in den Werken bedeutender Maler. Beispielhaft ist das Bild «Die heilige Familie und die Familie des Täufers» (1504–1506), das Andrea Mantegna für seine eigene Totenkappelle in der Basilika von Sant’Andrea in Mantua malte. Auf dem Gemälde ist Josef mit einem Band zu sehen, auf dem in Hebräisch das Wort «Vater» steht.

«Die Ausstellungsidee entstand schon 2017. Doch gingen ihr 30 Jahre Studium voraus», betont Silvia Greco.

Auf dem Bild «Die Geburt der Jungfrau» (1502–1507) von Vittore Carpaccio ist eine hebräische Tabelle zu erkennen. Und auf dem Gemälde «Der zwölfjährige Jesus im Tempel lehrend» (1519–1525) von Ludovico Mazzolino sind es ebenso hebräische Inschriften.

Bücher Neben Gemälden mit jüdischem Bezug zeigt die Ausstellung jüdische Schriften wie den Führer der Unschlüssigen des mittelalterlichen jüdischen Gelehrten Maimonides in einer kürzlich vom italienischen Staat erworbenen Ausgabe der Familie Norsa von 1349.

Kuratorin Silvana Greco erläutert: «Die Ausgabe wurde 1516 von dem Bankier und Bücherfreund Mosche ben Netanel Norsa erworben und ist dann über die Jahrhunderte innerhalb der Familie weitergegeben worden.» Dies zeuge von dem «reichen Buchbestand der italienischen Juden in der Renaissance und der Fortdauer ihres kulturellen Vermächtnisses».

Auch Miniaturen und andere Werke jüdischer Künstler sind in der Ausstellung zu sehen, darunter der älteste italienische Aron Hakodesch. Er wurde für die Ausstellung leihweise aus Paris zurückgeholt. Gezeigt wird außerdem eine uralte Torarolle aus Piemont, die noch heute in Gebrauch ist.

«Die jüdischen Künstler dieser Epoche haben uns nur selten ihre Namen hinterlassen», sagt die Kuratorin Silvana Greco. «In der Ausstellung befindet sich zum Beispiel eine illustrierte Ausgabe des Tanach aus Venedig aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts, mit Gravierungen des jüdischen Künstlers Mosche da Castellazzo. Aber auch in diesem Fall ist der Illustrator nicht verzeichnet.»

Dieses Geflecht wieder zu entwirren, bedeutet aufzuzeigen, welchen Anteil Juden an der italienischen Kultur hatten und wie oft der fruchtbare Austausch in bedeutende Werke mündete. Die Ausstellung zeigt, dass die jüdische Renaissance ein wichtiger Teil der italienischen Kulturgeschichte ist, die sogar für die Bildung der italienischen Identität entscheidend war. Zugleich weist sie darauf hin, dass die jüdisch-christliche Durchdringung nicht immer sanft und harmonisch vor sich ging.

Die Kuratorin ist davon überzeugt, dass «die Ausstellung auch für ein internationales Publikum interessant» ist.

dauerausstellung Mit dieser Ausstellung widmet sich das MEIS, nach der Eröffnungsausstellung über die ersten 1000 Jahre, die heute Teil der Dauerausstellung ist, einem weiteren wichtigen Kapitel der jüdischen Geschichte Italiens.

«Die Ausstellungsidee entstand schon 2017. Doch gingen ihr 30 Jahre Studium über die Interaktion zwischen Judentum und Christentum in Italien vom 14. bis 15. Jahrhundert voraus», betont Silvia Greco.

Die Kuratorin ist davon überzeugt, dass «die Ausstellung auch für ein internationales Publikum interessant» ist. So sind im Rahmen der Schau Veranstaltungen in Berlin, Paris und New York geplant. «Wir hoffen, dass auch die Ausstellung selbst an anderen Orten gezeigt werden kann – wenn auch die Problematik der internationalen Leihgaben natürlich sehr komplex ist.»

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. September zu sehen.

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026