Radsport

Grand Tour mit Hindernissen

Bald ganz vorne mit dabei? Omer Goldstein vom Team Israel Start-Up Nation Foto: picture alliance / Roth

An Herausforderungen wächst man. »Es ist ein harter Anfang hier für mich bei der Tour de France«, erzählt Omer Goldstein in der nordfranzösischen Hafenstadt Lorient der Jüdischen Allgemeinen. Goldstein bestreitet seine erste Tour de France. »Man hat viel Stress hier, vor allem im Peloton. Auf den ersten Etappen will jeder vorn sein, die Klassementfahrer, ihre Helfer, die Sprinter, einfach alle. Es ist sehr hektisch und nervös«, meint der mehrfache israelische Radsportmeister.

Erfahrungen mit großen Rundfahrten hat er bereits. Die Vuelta a Espana, die kleinste der dreiwöchigen Rundfahrten im Straßenradsport, bestritt er schon. Aber die Tour, auch genannt die »Mutter aller Radrennen«, ist noch eine Nummer größer.

STÜRZE Zum allgemeinen Stress im Peloton kommen die Stürze. »Sieben von unseren acht Mann lagen bereits auf der Straße«, erzählt André Greipel der Jüdischen Allgemeinen. Der deutsche Sprinter gehört ebenfalls zum Touraufgebot von Israel Start-Up Nation. Auch ihn erwischte es, trotz der Erfahrung von mittlerweile zwölf Tour-de-France-Teilnahmen.

Stürze kann man in diesem Sport nicht immer vermeiden. Statistisch gesehen, fällt jeder Tour-de-France-Fahrer mehr als zwei Mal während der dreiwöchigen Rundfahrt. Das hat eine Auswertung des Ärzteteams des deutschen Rennstalls Bora-hansgrohe ergeben.

Tourneuling Omer Goldstein will in der schweren dritten Woche sein Glück versuchen.

Momentan scheint es aber, als wäre dieses Soll bereits nach der ersten Woche erfüllt. Zorn machte sich breit im Peloton. Von einer unvorsichtigen Zuschauerin wurde bereits am ersten Renntag ein Massensturz ausgelöst. Weitere wurden durch die Streckenführung zumindest billigend in Kauf genommen. Deshalb gab es einen Protest der Fahrer zu Beginn der 4. Etappe – angeführt übrigens von André Greipel. Er ist einer der erfahrensten Profis im Peloton, er will Verantwortung übernehmen, auch für die jüngeren Kollegen.

ALTSTAR Der vierfache Toursieger Chris Froome (2013, 2015, 2016 und 2017) hielt sich bei dem Protest allerdings zurück. Er gehört ebenfalls zum Aufgebot des israelischen Rennstalls, ist ebenfalls gleich zu Beginn der Tour gestürzt und soll vor allem ein Werbebotschafter für Israel Start-Up Nation sein. Teameigner Sylvan Adams zahlt ihm pro Jahr 5,5 Millionen Euro – ganz in der Hoffnung, dass dem Altstar in den Farben Israels ein fünfter Toursieg gelingen möge. »Wir glauben weiter an Chris«, sagte Adams vor der Tour tapfer.

Im Rennen allerdings fährt Froome nicht vorne weg, sondern kämpft um Anschluss. Nach einem schweren Sturz im Jahr 2019 ist er noch immer nicht auf seinem alten Niveau. »Dieses Jahr werde ich die Tour sicher nicht gewinnen«, sagte er realistisch.

Über einen Etappensieg würde er sich aber doch freuen. »Vor drei Jahren hätte ich daran keinen Gedanken verschwendet. Im Fokus stand da allein der Toursieg. Mittlerweile haben sich meine Ziele aber verändert, und ein Tageserfolg wäre fantastisch«, sagte er.

Der Rennstall ist kein Neuling mehr im Radsport.

Damit hat er die gleiche Ambition wie Tourneuling Omer Goldstein. Der Kletterer will vor allem in der schweren dritten Woche der Tour sein Glück versuchen.

moral »Jetzt kommt es für mich erst einmal darauf an, die Sturzverletzungen zu verkraften. Ich habe zwar nicht viel Haut verloren, die Schürfwunden halten sich in Grenzen. Aber ich habe Schläge auf die Beine bekommen«, erzählte er. Trotz aller Rückschläge sei die Moral im Team aber gut. »Wir werden in den nächsten beiden Wochen sicherlich noch etwas zeigen«, versprach er. Teamkollege Greipel steuerte immerhin einen zehnten Platz im Massensprint bei.

Und der kanadische Radprofi Michael Woods, der stärkste Fahrer im Team, nahm auf der 8. Etappe sein Herz in beide Hände. Er ging auf der ersten Alpenetappe in die Fluchtgruppe des Tages. Er attackierte auch aus der Gruppe heraus, führte sogar eine Zeit lang – und besorgte dem Team große Sichtbarkeit auf dem globalen Fernsehmarkt. Am Ende musste er sich aber dem Belgier Dylan Teuns und dem Spanier Ion Izagirre beugen.

Für den Kampfgeist des Kanadiers spricht, dass er sich auf den letzten Kilometern wieder an Tadej Pogacar herankämpfte. Der junge Slowene, der seit den Alpen die Tour anführt, hatte Woods bereits passiert. Der gab aber nicht auf und schaffte den Anschluss. Woods’ dritter Etappenplatz ist bislang das beste Ergebnis für das Team Israel Start-Up Nation.

ETAPPENSIEGE Bei den anderen beiden großen Rundfahrten, dem Giro d’Italia und der Vuelta a Espana gelangen schon Etappensiege. Auf den ersten Tageserfolg bei der Tour muss der Rennstall noch warten. Für seine weitere Entwicklung und auch des Radsports überhaupt in Israel wäre dies aber wichtig. Denn Straßenradsport ist noch ein zartes Pflänzchen im Lande – gut gehegt allerdings auch dank dem Team.

In Israel haben viele Kinder mit dem Radfahren begonnen – wegen des Teams.

Omer Goldstein weiß um die Bedeutung seines Rennstalls. »Viele Menschen zu Hause gucken jetzt dank uns die Tour. Man sieht auch sehr viele Kinder, die mit dem Radfahren begonnen haben. Und zu den Rennen kommen mehr Teilnehmer«, hat er beobachtet. Er sieht den Radsport wachsen in der Heimat.

»Man merkt es auch an unserem Continental-Team. Die Fahrer dort werden immer stärker. Und in ein paar Jahren wird es weitere Israelis bei der Tour geben«, zeigt er sich überzeugt.

KATALYSATOR Katalysator des Radsportbooms in Israel ist Sylvan Adams. Der aus Kanada stammende Sohn zweier Holocaust-Überlebender sorgte vor allem mit der Organisation des Starts des Giro d’Italia 2018 in Jerusalem für einen Schub. Er ist Miteigner des Rennstalls und ließ das Velodrom in Tel Aviv errichten. Sein erklärtes Ziel ist, das Vehikel Radsport zu nutzen, um Werbung für Israel zu machen.

Das klappte in den letzten Jahren auch sehr gut. Je mehr erreicht ist, umso schwerer fallen allerdings weitere Fortschritte. Der Rennstall ist kein Neuling mehr im Radsport. Der Exoten-Bonus ist aufgebraucht. Mit Alt-Star Froome hat Adams sich sportlich verschätzt. Insgesamt stagniert das Team. Bis zum 18. Juli, dem Ende der Tour, wäre Zeit für einen neuen Schub. Immerhin wurde André Greipel am Dienstag schon mal Etappensiebter.

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