Amsterdam

Gewalt an den Grachten

In diesen Tagen wird Salo Muller häufiger angerufen als sonst. Bekannte fragen ihn, wie er die Lage einschätzt: Ob es wohl sicher sei, auf die Straße zu gehen? »Ich kenne andere Holocaust-Überlebende, die sich nicht mehr hinaustrauen«, berichtet der 88-Jährige. »Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas noch einmal erleben muss. Wenn es so weitergeht, sind wir bald wieder an demselben Punkt wie 1938.«

Was Muller zu diesem Schluss führt, sind die Bilder, die vor einer Woche aus seiner Heimatstadt Amsterdam weltweit auf Bildschirme und in die Schlagzeilen gelangten. Anhänger des israelischen Fußballmeisters Maccabi Tel Aviv, die nach einem Europa-League-Spiel in Amsterdam – jener Stadt, die wie wenige andere in Westeuropa für ihre jüdische Geschichte bekannt ist – durch die Straßen gejagt, geprügelt und getreten wurden, auch als sie längst wehrlos am Boden lagen.

»Wir gehen auf Judenjagd, Junge«

Die Täter sind meist arabischstämmige junge Amsterdamer, teils trugen sie Palästina-Flaggen, auf manchen Videos riefen sie »Allahu akbar«. Ein Mann filmte sich am Steuer seines Autos und sagte: »Wir gehen auf Judenjagd, Junge.« Die Attacken gegen israelische Fans wurden vor dem Spiel in Chatgruppen verabredet. »Judenjagd, wie damals die Deutschen«, kommentiert Muller. Seine Eltern kamen dabei ums Leben, er war noch ein kleines Kind. Später wurde er bekannt als Physiotherapeut der erfolgreichsten Ära Ajax Amsterdams.

Auch Chanan Hertzberger, Vorsitzender des Zentralen Jüdischen Beratungsorgans (CJO), zieht historische Vergleiche. Nur Stunden vor dem Gewaltausbruch sprach er in der Portugiesischen Synagoge beim Gedenken für die Opfer der sogenannten Kristallnacht. »Unsere Hauptstadt war am Abend der Gedenkfeier die Kulisse eines Pogroms, das Nazi-Deutschland nicht schlecht zu Gesicht gestanden hätte«, sagt er dem Journalisten. Hertzberger schätzt »die Lage der jüdischen Gemeinschaft in den Niederlanden und der niederländischen Gesellschaft sehr düster ein« und fordert »harte Maßnahmen«.

»Die Bilder transportieren für viele Juden eine beängstigende Botschaft: ›Versteck, wer du bist! Sag nicht, wo du herkommst! Du bist hier nicht sicher.‹«

Eddo Verdoner

Die Auswirkungen der Geschehnisse auf die jüdische Bevölkerung spürt auch Emile Schrijver, der Direktor des neuen Nationaal Holocaust Museum. In den vergangenen Tagen, sagte er dem Lokalsender AT5, habe er mit jungen Menschen gesprochen, die über die Ängste ihrer Eltern bisher eher gelacht hätten. »Nun kommen sie mit Fragen zu mir. Berichte in Telegram-Gruppen von Menschen, die auf Judenjagd gehen, lassen niemanden kalt.« Das Museum bekommt nun, wie andere jüdische Einrichtungen Amsterdams, zusätzlichen Schutz, so ist es am Freitag im Rathaus beschlossen worden.

Die Eröffnung des Museums im März wurde von »propalästinensischen« Demonstranten gestört, weil der israelische Präsident Isaac Herzog angereist war. Ehrengäste, darunter Schoa-Überlebende, wurden von einem aggressiven Mob vor dem Eingang angeschrien und beleidigt. Im Rahmen der zunehmenden Unsicherheit und Bedrohung der jüdischen Bevölkerung und ihrer Entfremdung von ihrer Stadt war jener Sonntag im März ein Tiefpunkt. Der Donnerstag vergangener Woche war ein weiterer, der ungleich schwerer wog.

Gewalt und antisemitische Parolen

»Die Gewalt und die antisemitischen Parolen haben enorme Auswirkungen auf die jüdische Gemeinschaft in den Niederlanden«, kommentiert Eddo Verdoner, seit 2021 Nationaler Koordinator der Regierung zur Bekämpfung des Antisemitismus. »Die Bilder transportieren für viele Juden eine beängstigende Botschaft: ›Versteck, wer du bist! Sag nicht, wo du herkommst! Du bist hier nicht sicher. Wenn sie wissen, wer du bist, verfolgen sie dich, schlagen dich zusammen oder werfen dich in die eiskalte Gracht.‹«

Als sich das Szenario des Schreckens nach dem Spiel entfaltete, klingelte David Beesemers Telefon. »Panik-Anrufe von Israelis, die sich nicht mehr trauten, in Taxis zu steigen«, erklärt der Vorsitzende von Maccabi Nederland. »Also errichteten wir im Maccabi-Hauptquartier in Amstelveen eine Notunterkunft. Und dann trafen hier ein paar Hundert Israelis ein, völlig bestürzt und manche auch verletzt«, berichtet er im YouTube-Kanal der Organisation Christenen voor Israël.

Es heißt, an den Übergriffen seien auch viele Uber-Fahrer beteiligt gewesen.

An den Übergriffen seien auch »sehr viele Uber-Fahrer« beteiligt gewesen, die »Leute an bestimmte Orte brachten, um sie dort zusammenschlagen zu lassen«. Beesemer folgert: »Es war vollständig organisiert und geplant. Eine Kristallnacht 2.0 am Tag der Kristallnacht-Gedenkfeier.« Er befürchte, die Ereignisse seien ein »Startsignal«, das »Veränderung in ganz Europa« bringe, »und dass wir das an mehreren Orten sehen«.

Beesemers Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten. So wird Paris zum Gastspiel des israelischen Fußballteams an diesem Donnerstag zur Hochrisiko­zone mit 4000 Polizisten. Israels nationaler Sicherheitsrat rief unterdessen Bürger, die im Ausland leben, auf, dortige Sport- oder Kulturveranstaltungen mit israelischer Beteiligung zu meiden. In Antwerpen wurden am Wochenende fünf Personen festgenommen, die für Aufrufe zur Gewalt im jüdischen Viertel verantwortlich sein sollen. Dazu tauchten in sozialen Medien zwei Videos von Angriffen und Misshandlungen jüdischer Personen auf. Zumindest einer der Vorfälle soll sich schon vor Wochen ereignet haben, meldet die Zeitung »De Morgen«.

Fünf Personen wurden festgenommen

Unterdessen berichtet die Polizei in Amsterdam am Wochenende, fünf Personen seien festgenommen worden. Vier von ihnen seien auch am Montag noch in Gewahrsam gewesen. Sie werden öffentlicher Gewaltakte verdächtigt, der Anklagepunkt, den die Staatsanwaltschaft vorläufig aufführt, um Täter schnell zur Rechenschaft zu ziehen. Antisemitische Motive können später erschwerend als Anklagepunkt ergänzt werden, hieß es bei einer Pressekonferenz am Freitag. Die neuen Verdächtigen kommen aus Amsterdam, Utrecht und dem Städtchen Heerhugowaard und sind zwischen 18 und 37 Jahre alt.

Dick Schoof, der parteilose niederländische Premier, berichtet am Montag von einem »sehr eindringlichen Gespräch mit Vertretern der jüdischen Gemeinschaft«. Deren Ängste und Unsicherheit seien »der Niederlande nicht würdig«. Schoof prangert den »reinen Antisemitismus« der Übergriffe an. Juden seien gejagt worden. Dabei sei »eine bestimmte Gruppe Jugendlicher mit Migrationshintergrund bei Hit-and-Run-Aktionen überdurchschnittlich vertreten« gewesen.

Am Abend präsentiert Bürgermeisterin Femke Halsema einen Überblick über die bis dahin ermittelten Fakten. Diese Rekonstruktion sieht »einen giftigen Cocktail aus Antisemitismus, Hooligan-Verhalten und Wut über den Krieg im Nahen Osten« an der Basis der Eskalation. Der Bericht erwähnt auch, dass Maccabi-Fans am Tag vor dem Spiel eine palästinensische Fahne von einer Fassade entfernten, eine andere verbrannten, ein Taxi zerstörten und die Polizei danach eine große Konfrontation mit Taxifahrern mit Mühe verhindern konnte.

Sicherheitsorgane erwogen eine Absage des Spiels

Nachdem die städtischen Sicherheitsorgane zwischenzeitlich ein Absagen des Spiels erwogen hatten, waren Maccabi-Fans am Nachmittag vor dem Anpfiff an Schlägereien im Stadtzentrum beteiligt. Nach dem Schlusspfiff seien Teile von ihnen mit Stöcken bewaffnet durch die Innenstadt gezogen, wobei es auch zu Zerstörungen gekommen sei.

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Viel Aufmerksamkeit in niederländischen Medien bekamen in den vergangenen Tagen Aufnahmen, die Maccabi-Fans beim Skandieren rassistischer, anti-arabischer und kriegsverherrlichender Slogans zeigen. »Propalästinensische« Aktivisten leiten daraus ab, die israelischen Anhänger hätten die Gewalt provoziert und seien die eigentlichen Schuldigen. Dies vertraten sie auch bei einer Demonstration, die am Sonntag trotz eines Verbots im Stadtzentrum von Amsterdam stattfand. 50 Teilnehmer wurden festgenommen.

Salo Muller, der als Physiotherapeut von Ajax Amsterdam einst eine landesweit bekannte Figur war, schläft in dieser Woche nicht gut. Es lässt ihm keine Ruhe, was sich in seiner Stadt abspielte. Diese wird im Volksmund auch in nichtjüdischen Kreisen liebevoll »Mokum« genannt, was auf das jiddische Wort für »Stadt« zurückgeht. »Mokum«, sagt Muller, »bedeutet eigentlich, dass dort viele Juden herumlaufen. Mit Kippa geht das schon lange nicht mehr. Aber dass wir jetzt hier öffentlich nach unseren Pässen gefragt werden, ist unglaublich. Es sind fürchterliche Zeiten!«

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