Serbien

Geteiltes Erinnern in Belgrad

Das westliche Ufer der Save ist ein angenehmer Ort. Hier, gegenüber dem Belgrader Stadtzentrum, kann man ungestört am Fluss entlang flanieren. Während drüben gebaut wird, gibt es hier Brachland. Zwischen den maroden Länderpavillons der 1937 erbauten Alten Messe hängt Wäsche auf Leinen. Kinder spielen. Nur im schattigen Garten des serbischen Restaurants »So i Biber« (Salz und Pfeffer) ist etwas mehr Betrieb.

Was heute der Gastraum ist, war vor 74 Jahren das Krematorium des KZ Staro Sajmiste (Alte Messe). Ein paar Meter weiter, in der ehemaligen Krankenbaracke, befindet sich heute ein Fitnessstudio.

Ende 1941 richteten die Nazis unter der Kollaborationsregierung von Milan Nedic hier ein Lager für Jüdinnen und Roma ein – nachdem die Männer zuvor exekutiert worden waren. Schon 1942 galt Serbien als »judenfrei«, und aus dem »Judenlager« wurde ein Anhaltelager für Zwangsarbeiter. Etwa 7000 jüdische Frauen und Kinder wurden in Gaswagen erstickt, mehr als 3000 Roma und Zwangsarbeiter kamen hier um.

Nach 1945 brachte die Föderative Volksrepublik Jugoslawien die Ausgebombten in den Baracken unter, Künstler bekamen Ateliers im Messeturm. Vermutlich hatte man so dem Ort den Schrecken nehmen wollen – und legte den Grundstein für das Vergessen.

Alte Messe Heute ist die Geschichte der Alten Messe kaum bekannt. Dabei liegt das Gelände mitten in Belgrad – man blickt von der Altstadt direkt hinüber. Eine Gedenkstätte aber gibt es hier bis heute nicht.

»Wir warten seit 70 Jahren darauf, unserer Opfer gedenken zu können«, sagt Aleksandar Necak. Der ehemalige Vorsitzende der Föderation jüdischer Gemeinden in Serbien wurde 1938 geboren. Jahrzehntelang musste er mit ansehen, wie das Areal verfiel. Und obwohl die Stadt Belgrad das Gelände schon 1987 zum Kulturerbe erklärte und 1992 einen Entwicklungsplan für den Ausbau zu einer Gedenkstätte vorlegte, ist bisher nichts umgesetzt worden.

Nikola Radic Lucati vom Belgrader Zentrum für Holocaust‐Studien erinnert sich, dass bereits 1991, während des Krieges mit Kroatien, serbische Historiker die Idee eines »serbischen Yad Vashem« hatten. »Das war wohl die erste Initiative für ein Gedenkzentrum«, sagt der Historiker. Danach gab es noch unzählige andere Konzeptideen: die Restaurierung der Alten Messe, ein Museum für Toleranz, eine unterirdische Bibliothek.

arbeitsgruppe Vor vier Jahren setzte die Stadt dann endlich eine Arbeitsgruppe ein, die ein Gedenkstättenkonzept entwickeln sollte. »Die Mehrheit der Juden der Region ist hier im Zentrum von Belgrad ermordet worden. Wir brauchen einen zentralen Gedenkort«, sagt Ruben Fuks, der für die jüdische Gemeinde, deren Vorsitzender er ist, in der Kommission sitzt.

Der Start war nicht einfach. Nachdem die Arbeitsgruppe zwei Jahre über Konzeption und Rechtsfragen, Stadtplanung und Denkmalschutz diskutiert hatte, wurde sie 2014 zum Teil neu besetzt. Die Verwirrung war von Anfang an groß, zumal es keine öffentlichen Berichte über die Arbeit gibt. Mitglieder sind neben Vertretern der jüdischen Gemeinde Historiker sowie je ein Vertreter der Roma und der Veteranen des Zweiten Weltkriegs. Den Vorsitz hat der orthodoxe Bischof Jovan Culibrk.

Zum aktuellen Stand der Arbeit sagt Ruben Fuks: »Es soll ein Gedenkkomplex für die Opfer des Zweiten Weltkriegs entstehen, in dem alle Gruppen und Konfessionen eine eigene Gedenkstätte haben.« Konkret bedeutet das: eine Holocaust‐Gedenkstätte für die jüdischen Opfer, ein Porajmos‐Memorial für die Roma, einen Ort für die Opfer des Genozids an den Serben, einen für die Kämpfer gegen die Okkupation, einen für die Antifaschisten, einen für die unschuldigen Zivilisten.

nationalgeschichte Dieses kleinteilige Konzept ist in gewisser Weise die Umkehrung der Nationalgeschichte des alten Jugoslawiens, deren roter Faden der gemeinsame antifaschistische Kampf war. Aus Angst vor Konflikten hütete man sich, die Opfergruppen zu spalten.

Der Holocaust als solcher spielte keine Rolle. Verschwiegen worden, wie es heute oft heißt, sei er aber nicht, sagt Fuks. »Vielleicht war der Holocaust hier sogar eher Thema als in anderen Ländern.« Problematisch sei allerdings gewesen, »dass der Opfer des Holocausts nur in Verbindung mit anderen Opfern gedacht wurde«.

Genau das soll sich nun ändern. Das ursprüngliche Konzept des gemeinsamen Erinnerns scheiterte letztlich an der jüdischen Gemeinde. »Die entscheidende Frage der Kommission war sehr lange, ob die Gemeinde einem Gedenkzentrum zustimmen würde, dessen Konzeption dem Konsensprinzip folgt«, sagt Nikola Radic Lucati, der – selbst Gemeindemitglied – den Prozess von Anfang an beobachtete. Schon 2012 habe die Gemeinde das Konzept vorsichtig abgelehnt. Die Geschichte des Holocausts einer serbischen Version der Geschichte des Zweiten Weltkriegs unterzuordnen, einem Konzept, das letztlich auch auf Kosten der Fakten ginge – das wollte die Gemeinde nicht.

Man bat also die Stadt Belgrad um die Nutzung des Deutschen Pavillons. An diesem symbolträchtigen Ort sollte ein Holocaust‐Gedenkzentrum eingerichtet werden. Und der Staat willigte 2015 tatsächlich ein.

Geschehen ist dennoch nichts. »Kurz darauf wurde der Abriss verkündet – obwohl das Gebäude ein Teil der Messe und des KZ gewesen ist«, so Radic Lucati. Der Pavillon war von der Stadtverwaltung nur deshalb übernommen worden, um den Weg für eine Verbindungsstraße frei zu machen. Eine skandalöse Entscheidung, die für die Zukunft nichts Gutes ahnen lässt.

Ruben Fuks bleibt dennoch optimistisch: »Der jüdischen Gemeinde wurde eine Lösung versprochen, und wir warten auf das Angebot.« Er hat eine klare Vorstellung von dem, was die Gedenkstätte leisten soll: Sie soll sich der Forschung und Bildung widmen, sich allgemein mit Diskriminierung, Vorurteilen und der Geschichte des Genozids auseinandersetzen. »Es gibt eine hässliche Tendenz des Vergessens, der Gleichgültigkeit, nicht nur, was den Holocaust betrifft. Das Gedenkzentrum soll diese Tendenz ändern«, so Fuks.

Finanzierung Tatsächlich ist in den vergangenen Monaten etwas geschehen. Der zentrale Turm wurde geräumt, um dort ein administratives Zentrum der Gedenkstätte unterzubringen. Trotz Protesten wurden die Künstler aus dem maroden Bau umgesiedelt. Offiziell ist der Turm nun leer. Bis heute ist das Erdgeschoss bewohnt. »Soweit ich weiß, steht die Finanzierung für seine Instandsetzung und den Ausbau«, sagt Fuks.

Auch der Tschechoslowakische und der Italienische Pavillon sollten bald geräumt werden. Die Umsiedlung der Bewohner ist indes keine neue Idee. Seit Jahren wird darüber diskutiert, denn die Pavillons waren nie zum Wohnen gedacht, sanitäre Einrichtungen gibt es kaum. Hier leben die ganz Armen, viele von ihnen sind Roma. »Sogar Nachkommen der KZ‐Insassen leben hier«, sagt Radic Lucati, dessen Forschungszentrum auch zum Genozid an den serbischen Roma arbeitet. Dass hier auf den Massengräbern Menschen leben, ist einer der großen Skandale.

Schnell gehen dürfte die Räumung jedoch trotz der Beschlüsse nicht. Im Stadtbudget für 2017 ist jedenfalls noch kein Geld für das Messegelände vorgesehen.

verzögerungen Was aber sind die Gründe für die jahrelangen Verzögerungen? Ganz sicher hat die nationalpopulistische Regierung unter Aleksandar Vucic über Jahre ein Geschichtsnarrativ in die Schulen und ins Bewusstsein der Bürger gebracht, das fast ausschließlich am Leid der Serben interessiert ist. Platz für den Holocaust bleibt da kaum. Im Gegenteil: Zurzeit läuft die offizielle Rehabilitierung des Kollaborateurs Milan Nedic.

In Serbien wird gern abgestritten, dass die Schoa auf dem eigenen Staatsgebiet und mit der Hilfe serbischer Polizisten durchgeführt wurde. Das Judenlager Semlin gilt als KZ im »System Jasenovac«, jenem Vernichtungslager des faschistischen »Unabhängigen Staates Kroatien« (NDH), in dem Zehntausende Serben ermordet wurden. Auch die Belgrader Messe lag auf dem Gebiet des NDH – aber sie stand unter serbischer Verwaltung. Eine Erinnerung an den Holocaust jenseits von Jasenovac gibt es nicht.

Ein Beispiel dafür ist jenes einzige Monument am Ufer der Save, das den Opfern des KZs Sajmiste gewidmet ist – und jenen von Jasenovac. Von der Schoa ist hier keine Rede. »Auf dem Denkmal steht, die Ermordeten hätten gegen den Faschismus gekämpft – aber können Babys kämpfen?«, fragt Aleksandar Necak und setzt hinzu: »Sie mussten sterben, weil sie Juden waren.«

Aufgestellt wurde das Denkmal ausgerechnet 1995, als die kroatische Armee die serbisch besetzte Krajina eroberte. Die politischen Interessen sind nicht zu übersehen, und daran zeigt sich die Tragödie der Erinnerungspolitik.

Parlament Die Arbeit der Gedenkstättenkommission hat aber auch viele rechtliche Fragen aufgeworfen, die bisher nicht geklärt sind und zu Verzögerungen führen. So zum Beispiel das wackelige Verbot von Abriss und baulicher Veränderung. »Es ist ein Gesetzentwurf auf dem Weg ins Parlament, um das Gelände als Denkmal von nationaler Bedeutung anzuerkennen«, sagt Ruben Fuks.

Und das ist dringend nötig. Obwohl ein Verkauf bisher tabu war, wachsen die Begehrlichkeiten. Das Areal ist das letzte kaum bebaute in der Innenstadt, noch dazu in Uferlage. Teures Bauland. Und dies umso mehr, seit auf der anderen Flussseite das milliardenschwere Neubauprojekt »Belgrad am Wasser« begonnen hat. Es kursieren bereits Entwürfe, die auch Teile der Messe einbeziehen. Die Stadt könnte einfach weiter auf die Bremse drücken – bis die maroden Gebäude aus Sicherheitsgründen oder wegen dringender Infrastrukturprojekte abgerissen werden müssen. Die geplante Verbindungsstraße könnte der erste Schritt dahin sein.

Wie aber geht es weiter? Nikola Radic Lucati ist nicht sehr optimistisch. Dennoch sieht er ein Gutes an dem jahrelangen Hin und Her. Er beschreibt es als »Lackmustest« für die eher zurückhaltende jüdische Gemeinde. »Die Auseinandersetzungen haben jedoch auch gezeigt, dass das Gedenken an die Opfer des Holocaust immer noch ein Kampf ist«, sagt der Historiker.

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