Frankreich

Gesinnung von der Stange

Fashion Victim kann man bekanntermaßen ganz schnell werden. Eine gänzlich andere Bedeutung aber bekommt das Wort, wenn man sich in die Untiefen der Branche begibt. Es herrscht dort ein unschöner Ton gegenüber jüdischen Unternehmern und Modeschöpfern, nicht selten unausgesprochen, dafür aber geschickt kodiert und von giftiger Farbigkeit. In Instagram-Storys oder sogar Luxus-Kampagnen zeigt sich: Feilgeboten werden nicht nur edle Stoffe und Geschmeide, sondern auch wohlverpackte Angriffe gegen jüdische Kunden und Konkurrenten. Nicht zu vergessen antisemitische Spitzen als Zugabe für besonders hofierte Kunden.

Auf einem hart umkämpften Terrain zählt die Macht des Konsumenten. Die Waage neigt sich seit Jahren auf die Seite muslimischer Verbraucher. Sie leben in den wichtigsten Wachstumsregionen eines globalen Luxusgütermarkts, der im kommenden Jahrzehnt voraussichtlich ein Volumen von 500 Milliarden Dollar erreichen wird.

Luxusgüter, die islamischen Anforderungen und Vorschriften entsprechen, sind omnipräsent

»Halal Luxury«, also Luxusgüter, die islamischen Anforderungen und Vorschriften entsprechen, sind inzwischen omnipräsent. Findige Designer respektieren islamische Kleidungsnormen. Sogar die italienische Marke Dolce & Gabbana versuchte 2016, mit einer Hijab- und Abaya-Kollektion muslimische Käuferschichten zu erschließen. Eine »verzaubernde Bildergeschichte über die Anmut und Schönheit der wundervollen arabischen Frauen« hatten die Designer im Sinn.

Feilgeboten werden nicht nur edle Stoffe, sondern auch Angriffe gegen Juden.

Der französische Semiotiker Roland Barthes analysierte bereits in den 60er-Jahren, wie Kleidungsstücke mit Bedeutungen aufgeladen werden. Das geschieht in Schrift und Bild. Der Stoff wird zum Träger von Mythen, das Gewebe zum Code und im Extremfall zum Propagandamaterial. Der Vorteil von Mode als Messenger liegt darin, dass der Designer oder Unternehmer nicht verantwortlich gemacht werden kann für die Wahrnehmung potenzieller Kunden. Es sind Bilder in sozialen Medien, Influencer und Prominente, die das Image eines Labels organisch und selbstläufig gestalten.

So prägt Michèle Lamy, Ehefrau und Geschäftspartnerin des gehypten Designers Rick Owens, entscheidend die Marke ihres Partners mit. Sie ist mehr als Muse und betont gern ein wild-barbarisches Image, was sich nicht nur in Owens apokalyptisch-sakraler Mode zeigt, sondern in einer offen judenfeindlichen Haltung. Ausgerechnet am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, behauptete sie auf Instagram, der Mossad habe Kennedy ermordet. Kein Wort zu den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus, stattdessen eine schamlose antisemitische Verschwörungslegende.

Suggestive Kommunikation und Agitation

Nicht selten tauchen auch die Vorwürfe vom Genozid im Gazastreifen auf. Rick Owens selbst kann dieser Haltung nicht bezichtigt werden, er profitiert jedoch von der suggestiven Kommunikation und Agitation seiner Partnerin, die beste Drähte in die postkoloniale, anti-israelische Szene hat. So trat Lamy öffentlich bei Modenschauen selbst von Hitler-Bewunderer Kanye West (Ye) auf.

Dass Marken-Images verstärkt durch Models, Influencer und das Umfeld der Künstler geprägt werden, die Designer selbst aber unantastbar bleiben und eine reine Weste wahren, zeigt sich auch bei Balenciaga. Zwar hatte sich die zum Kering-Konzern gehörende Marke von Ye getrennt, die anti-israelische Haltung aber wird im Umfeld weiter propagiert. Bella Hadid, die als Model für High-Fashion-Labels wie Balenciaga und in Kampagnen von Adidas auftritt, ergreift öffentlich eindeutig Position für die palästinensische Seite im Nahostkonflikt und wettert beständig gegen Israel.

Dass Mode heute politische Positionen transportiert, zeigte sich 2025 in einer Saint-Laurent-Kampagne, die den palästinensischen Rapper Saint Levant inszenierte. Dieser ist bekannt für seine Gewaltfantasien gegen israelische Fußballfans. Die Wahl dieses Musikers führte zu Boykottaufrufen, kritischen Artikeln und Debatten über moralische Verantwortung. Parallel tat sich auch die Sängerin Dua Lipa, Gesicht der YSL-Beauty-Kampagne Libre, als politische Aktivistin hervor und machte durch äußerst kritische Bemerkungen gegenüber Israel von sich reden.

Geschichte von Aufstieg und Fall des gefeierten Modegenies John Galliano

In Erinnerung bleibt auch die Geschichte von Aufstieg und Fall des gefeierten Modegenies John Galliano. 2011 zerstörte er seinen Ruf durch Beleidigungen von Juden. Das Modehaus Dior trennte sich umgehend von ihm, und Galliano musste sich gesellschaftlicher Ächtung und juristischen Konsequenzen stellen.

Der englische Modeschöpfer zeigte jedoch Reue, führte sein Verhalten auf Sucht und Alkoholismus zurück und tat öffentlich bei einer Veranstaltung der jüdischen Gemeinde kund, dass er Verantwortung für sein Verhalten trage und an Wiedergutmachung arbeite. Der ihn begleitende Rabbiner lobte Gallianos ehrlichen Veränderungswillen und würdigte, dass er öffentlich seine Fehler eingeräumt habe.

Gallianos aufrechte Haltung aber ist ein rares Exempel in der Modebranche. Heute ist durch palästinensische und postkoloniale Aktivisten die Akzeptanz für »Israelkritik« so stark gewachsen, dass Aversionen gegen Juden leichthin toleriert werden. Es ist eine subtile, juristisch und kommunikationspolitisch kaum anfechtbare Strategie, die große Modekonzerne heute verfolgen: Antisemitismus wird über Bande gespielt, die Player sind Influencer, Models, Musiker und Künstler.

Die von Judenfeindlichkeit durchtränkte Vergangenheit vieler Modehäuser ist offensichtlich.

Offensichtlich aber ist die von Judenfeindlichkeit durchtränkte Vergangenheit vieler Modehäuser. Ein prominentes Beispiel ist das Haus Chanel. Es gibt historische Belege dafür, dass Gabrielle »Coco« Chanel antisemitisch eingestellt war. Sie äußerte sich in Briefen abwertend über Juden und versuchte, Pierre und Paul Wertheimer, die Kapitalgeber und Mehrheitseigner der Firma Parfums Chanel, 1941 enteignen zu lassen, weshalb sie mit den deutschen Besatzern kollaborierte. Geglückt ist es ihr nicht aufgrund eines rechtlichen Strategems der Brüder: Vor ihrer Emigration nach Amerika hatten sie ihre Anteile einem nichtjüdischen Freund übertragen, der sie ihnen nach Kriegsende verlässlich restituierte. Auch fortan dachten die Wertheimers strategisch und kooperierten im Interesse der Marke trotz deren Machenschaften mit Mademoiselle.

Immer wieder an den Rand gedrängt

Eine Ironie der Geschichte ist, dass Juden zwar einen entscheidenden Einfluss auf die Geschichte der Mode, Trends und Markenaufbau hatten, aber immer wieder an den Rand gedrängt wurden. Und wenn heute Marken wie Chanel, Balenciaga, Lanvin oder Givenchy ihre aktivistischen Models über den Laufsteg defilieren lassen, dann sei daran erinnert, dass der Wiederaufbau dieser Marken nach 1945 oft erst durch jüdische Investoren ermöglicht wurde.

Man kann sich seiner Vergangenheit verweigern, es wird aber immer Menschen geben, die hineinblicken in die Archive und sich nicht mit Glanz und Glitzer bescheiden. Anstatt der Mode ein aktivistisches Gewand überzustülpen, wäre es zukunftsträchtiger, sie als einen Hort der Freiheit zu begreifen. Oder mit Ralph Lifshitz, Mister Ralph Lauren höchstpersönlich, gesprochen: »Die Leute fragen oft: Wie kann ein jüdischer Junge aus der Bronx Kleidung im Preppy-Style entwerfen? Hat das etwas mit Klasse und Geld zu tun? Nein – es geht um Träume.«

München

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026

Statistik

Zahl antisemitischer Vorfälle in Österreich bleibt auf hohem Niveau

Der Ausnahmezustand sei zum Alltag geworden, beklagt eine Antisemitismus-Meldestelle in Österreich. Im ersten Halbjahr 2026 wurden erneut Hunderte einschlägige Fälle gezählt

 15.10.2026

»The Social Reckoning«

Empörungsköder

Der Whistleblower-Thriller zeigt die neue Weltordnung à la Facebook – und was Menschen nicht dagegen tun

von Sophie Albers Ben Chamo  15.10.2026

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  15.10.2026

Irland

Ausgerechnet eine Antisemitismuskonferenz fällt dem Judenhass zum Opfer

In Dublin fand eine Tagung von Antisemitismusbeauftragten und jüdischen Vertretern statt. Ein Hotel verweigerte die Unterbringung. Für Irlands Gemeindevorsitzenden zeigt das, wie Antisemitismus sich immer wieder neu manifestiert

von Maurice Cohen  14.10.2026

USA

Süß und gut zu werfen

»Sunkist Fruit Gems« gehören in vielen Gemeinden zum Feiern. Ihr angekündigtes Aus sorgte für Aufregung – nun kommen sie zurück

von Sophie Albers Ben Chamo  13.10.2026

»Imanuels Interpreten« (26)

Paul Simon: Der Brückenbauer

Seit den 60er Jahren schreibt und spielt der New Yorker Künstler Musik, deren Texte durchweg stark sind. Mehrere Generationen haben zugehört. Heute wird das jüdische Talent 85 Jahre alt

von Imanuel Marcus  13.10.2026

Katharina von Schnurbein

»Ich habe das Gefühl, den richtigen Weg gegangen zu sein«

Die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein wechselt von Brüssel nach Berlin. Sie folgt dort Felix Klein nach. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  14.10.2026 Aktualisiert