Ukraine

Gemeinsam für die Schwächsten

Seit Monaten gehen viele Nachrichten beim Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine ein, oft berührende Nachrichten. Zum Beispiel von Wira S., Jahrgang 1924, die während des Zweiten Weltkriegs von den Deutschen zur Zwangsarbeit ins thüringische Nordhausen verschleppt wurde.

Sie musste dort erst in einer Tabakfabrik, später in einem Bergwerk arbeiten. Wie viele ältere Menschen ist sie nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Land geblieben. Viele wollen ihre Heimat nicht mehr verlassen, nicht fliehen – oder können es nicht mehr.

MEDIKAMENTE Der Sohn von Wira S. schreibt aus der Oblast Mykolajiw in der südlichen Ukraine im Küstengebiet des Schwarzen Meeres: »Guten Tag, unserer Oma geht es so lala, wie es halt mit fast 100 Jahren gehen kann. Die Beine und Arme wollen ihr keine Ruhe geben, manchmal springt der Blutdruck. Aber wir geben nicht auf, wir bestellen verschiedene Salben für Beine, Arme und Rücken. Wenn sie die Medizin nicht nimmt, schwellen die Beine an. Die Lunge ist mit Wasser gefüllt. Man soll das Herz etwas unterstützen, damit es einigermaßen funktioniert.«

Es funktioniert, so wie es in hohem Alter und in Zeiten des Krieges eben funktionieren kann: einigermaßen. Denn auch das ist für Wira S. Alltag, wie der Sohn weiter berichtet: »Wir haben seit Beginn des Krieges kein Wasser mehr. Es gibt Probleme mit Licht, der Heizung und allem anderen. Nun ja, so geht es uns. (…) Danke für die Hilfe, viel Geld geht für die Medizin drauf. Wir hoffen auf das Beste in diesem Leben.«

Patenschaften ab zehn Euro im Monat helfen rund 100 Überlebenden und ihren Familien.

Wira S. ist eine von 716 Überlebenden der NS-Verfolgung in der Ukraine, die bisher von dem Hilfswerk unterstützt wurden, neben etwa 400 Angehörigen, denen auch geholfen wird. In der Regel gibt es Geld, ab und zu Medikamente, kaum sind es mehr als ein paar Hundert Euro.

sicherheit Die für diese Menschen schon vor dem Krieg prekäre Lage hat sich seit dem 24. Februar drastisch verschlechtert. Viele sind bettlägerig oder auf besondere pflegerische Unterstützung angewiesen. »Die finanzielle Soforthilfe gibt ihnen wenigstens ein Stück Sicherheit«, sagt Ragna Vogel, die Koordinatorin der Hilfen, der Jüdischen Allgemeinen. Als aktuelle Herausforderungen nennt sie »die ständigen Blackouts« in der Ukraine. Viele Menschen seien ohne Heizung. »Die russischen Angriffe auf die zivile Infrastruktur bedeuten einen lebensbedrohlichen Winter.«

Das Hilfsnetzwerk unterstützt, wo andere karitative Organisationen nicht helfen konnten oder nicht geholfen haben: Geschätzt gut 40.000 Überlebende der NS-Verfolgung, allesamt über 90 Jahre alt, leben in der Ukraine. Es sind Juden, Roma, ehemalige Zwangsarbeiter. Die älteste Begünstigte, Anastasia S., die zur Zwangsarbeit nach Thüringen verschleppt wurde, ist im Dezember 100 Jahre alt geworden.

Das Netzwerk wurde im März 2022 gegründet. Die Initiative ging von dem gemeinnützigen Verein KONTAKTE aus, der sich für einen engen Austausch mit den Ländern der ehemaligen Sowjetunion einsetzt.
Mittlerweile wirken 50 Gedenkstätten, Initiativen, Stiftungen und Erinnerungsorte mit: die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, KZ-Gedenkstätten, AMCHA Deutschland, Aktion Sühnezeichen und viele mehr. Patenschaften ab zehn Euro im Monat ermöglichen derzeit etwa 100 Überlebenden und ihren Familien eine regelmäßige Unterstützung.

Aber wer ist bedürftig? Und wie zu erreichen? Einen wichtigen Anteil der Arbeit nimmt die Recherche ein: Eine der Aktiven ist die Germanistin Ljuba Danylenko, die im April aus Kiew nach Deutschland geflüchtet ist. Sie kümmert sich nun von Magdeburg aus darum, potenziell Begünstigte und ihre Adressen herauszufinden. Der »taz« sagte sie: »In vielen Fällen wissen wir nichts.« Viele Verbindungen seien abgerissen, etwa wenn Menschen eiligst evakuiert werden mussten. Besonders schwer gestalte es sich, in den von Russland besetzten Gebieten zu helfen.

Trauma Die Aktionen haben auch eine klare politische Botschaft – gegen die russische Aggression. Christine Glauning, Leiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Niederschöneweide, sagte der Jüdischen Allgemeinen: »Mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist auch der Zweite Weltkrieg wieder gegenwärtig. Für viele Menschen in der Ukraine, die vor 80 Jahren als junge Menschen verschleppt und ausgebeutet wurden, bedeutet der Krieg in ihrem Heimatland ein erneutes Trauma.«

Die Aktionen haben auch eine klare politische Botschaft – gegen die russische Aggression.

Darum ging es auch in einem Interview, das Julia Romantschenko im vergangenen Sommer dem Deutschlandfunk gab. Sie ist die Enkelin von Boris Romantschenko, der mit 16 Jahren nach Deutschland verschleppt wurde, vier deutsche Arbeits- und Konzentrationslager überlebte und im März 2022 im Alter von 96 Jahren Opfer des russischen Krieges wurde. Ein Geschoss war in seine Wohnung in Charkiw eingeschlagen, zerstörte sie vollständig.

Romantschenko – er war Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora – sei »bekümmert und frustriert« über den Krieg gegen die Ukraine gewesen, berichtet die Enkelin: »Er hat nicht gedacht, dass ein Krieg im 21. Jahrhundert möglich ist.« Unter Tränen sagte Julia Romantschenko: »So einen Tod hat er nicht verdient.«

zeitzeugenarbeit Es geht neben der konkreten Hilfe auch um Zeitzeugenarbeit. Im Dezember lud das Hilfsnetzwerk gemeinsam mit dem Haus der Wannsee-Konferenz die ehemalige Zwangsarbeiterin Nadeshda Slessarewa und ihre Tochter Ludmilla nach Berlin ein. Sie waren aus der Ukraine in eine Kleinstadt bei Stuttgart geflüchtet und erzählten vor Schulklassen und im Gespräch mit Bundestagsabgeordneten über ihre bewegende Lebensgeschichte.

Auf der Homepage des Netzwerks werden regelmäßig Berichte von Empfängern der Spendengelder veröffentlicht. Anatolij W., Jahrgang 1944, aus der Donezker Oblast, dessen Mutter Zwangsarbeit für das nationalsozialistische Deutschland leisten musste, macht sich Hoffnung, dass es besser wird mit den Stromausfällen. Er versucht, optimistisch zu bleiben, und nennt seine Lage »insgesamt soweit erträglich«. Ljubow R., Jahrgang 1925, musste für die Nazis Zwangsarbeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb leisten. Auch ihre Tochter berichtet: »Die Lage ist sehr angespannt, Beschüsse fast jeden Tag.« Aber: »Wir halten durch, wir werden siegen …«

www.hilfsnetzwerk-nsverfolgte.de

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