Ungarn

Geklitterte Geschichte

Eigentlich war die Eröffnung bereits im offiziellen Gedenkjahr 2014 vorgesehen. Mit dem »Haus der Schicksale« genannten Holocaust-Museum sowie dem neuen Denkmal der deutschen Besatzung wollte die rechtspopulistische Regierung Viktor Orbáns ihr nationalkonservatives Programm der Geschichtsumschreibung fortsetzen. Demgemäß sei Ungarn im Laufe des 20. Jahrhunderts hauptsächlich ein unschuldiges Opfer historischer Tragödien und diverser Aggressionen durch ausländische Großmächte gewesen.

Die heftigen Proteste der jüdischen Gemeinde sowie der überwiegenden Mehrheit der ernst zu nehmenden Historiker konnten dann im letzten Moment das seltsame Vorhaben blockieren: Der zuständige Minister János Lázár versprach, zumindest in diesem empfindlichen Politikbereich auf die üblichen Alleingänge zu verzichten. Das fertiggestellte »Haus der Schicksale« wartet seitdem auf seine Eröffnung, die nicht mehr zu kommen scheint.

Initiatorin Doch die umstrittene Initiatorin des Projekts, die regierungsnahe Historikerin Mária Schmidt, lässt nicht locker und treibt die Debatte in die nächste Runde. Seit mehr als 15 Jahren ist Schmidt die Direktorin eines anderen Museums, das sehr viele kontroverse Diskussionen ausgelöst hat. Das »Haus des Terrors« mitten auf der Flaniermeile Andrássy widmet sich den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts und deren ungarischen Opfern.

Bereits bei der Eröffnung dieses ersten Stücks nationalkonservativer Geschichtspolitik beklagten die Kritiker im Jahr 2002 die Einseitigkeit der Perspektive: In diesem Narrativ sind die Ungarn, zumindest die »wahren Ungarn«, so gut wie nie Täter während der unterschiedlichen faschistischen, stalinistischen und post-stalinistischen Diktaturen. Vielmehr betont die Ausstellung stets das Leiden der ungarischen Nation unter dem Joch fremder Ideologien, die ihr durch Nazi-Deutschland oder durch die Sowjetunion unter militärischer Besatzung aufgezwungen worden seien.

Kollaboration Das Hauptargument gegen eine solche Interpretation der Geschichte ist natürlich, dass weder der Holocaust noch die Verbrechen der 50er-Jahre ohne ein hohes Maß an ungarischer Kollaboration, also ohne eine Mittäterschaft, überhaupt möglich gewesen wären. Selbst unter der strengsten militärischen Besatzung ist es einfach nicht denkbar, dass eine ausländische Macht ein Land völlig umkrempelt, ohne dass die Einheimischen systematisch mitspielen.

Zahlreiche Forschungsbeiträge der Historiker belegen diese These für beide totalitäre Kapitel der jüngeren ungarischen Geschichte. Mehr noch: Der Holocaust, die Massendeportationen in den Jahren 1944 und 1945 können nicht sinnvoll von der Vorgeschichte des ungarischen Faschismus und Antisemitismus abgelöst werden. Doch genau das versucht die Ausstellung im »Haus des Schicksals«, und das ist auch der Grund, warum die jüdische Gemeinde ihre Opposition zu diesem Projekt besonders klar artikuliert hat.

Mária Schmidt, die die Hoffnung offenbar nicht aufgegeben hat, ein zweites Museum leiten zu dürfen, ist unterdessen in den vergangenen Jahren zu einer Art Chefideologin der Orbán-Regierung geworden. Ihre schrillen Äußerungen führten nicht selten zu offenen Konflikten, unter anderem mit dem Verband der jüdischen Gemeinden (MAZSIHISZ) – etwa als sie behauptete, die Organisation sei rassistisch und wolle die Holocaust-Forschung zu einem jüdischen Monopol machen.

absprache Die richtige Darstellung der Tatsachen wäre dabei freilich weniger dramatisch: Der Verband war und bleibt gegen das Vorhaben, ein neues Holocaust-Museum ohne Absprache mit den jüdischen Gemeinden im Land zu eröffnen, weil es ein Alleingang der Regierung war, weil das Konzept revisionistisch ist und auch, weil international anerkannte Historiker eine viel angemessenere Besetzung wären als Mária Schmidt.

Hinzu kommt, dass es in Budapest bereits ein Holocaust-Gedenkzentrum gibt, das aus wissenschaftlicher Sicht fundiert sei und auch seit Jahren zahlreiche ungarische und ausländische Besucher anziehe, sagt der MAZSIHISZ-Vorsitzende András Heisler.

Vor diesem Hintergrund schien die Idee eines neuen, durch die Regierung konzipierten und betriebenen Museums von Anfang an eher eine Art Konkurrenzveranstaltung zu sein, die den bekannten revisionistischen Thesen eine Bühne bietet. Dabei handelt es sich selbstverständlich nicht bloß um einen weiteren Schritt auf dem Weg zu einer rechtspopulistischen Umschreibung der Geschichte, die Ungarn als unschuldiges Opfer der Großmächte und fremden Feinde darstellt. Vielmehr sollen damit bestimmte gegenwärtige Entscheidungen der Orbán-Regierung indirekt gerechtfertigt werden.

einverständnis Ein eklatantes Beispiel dafür bot unlängst Mária Schmidt selbst in einem Gespräch mit der Autorin und Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum, das allerdings ohne das Einverständnis der Letzteren auf Schmidts Blog veröffentlicht wurde. »Die Deutschen haben schon einmal entschieden, mit wem wir nicht zusammenleben dürfen, und jetzt wollen sie entscheiden, mit wem wir zusammenleben müssen«, heißt es dort.

Hinter dem eher grenzwertigen und geschmacklosen Versuch, eine Art Parallele zwischen dem Holocaust und dem heutigen Thema der Verteilung der Flüchtlinge innerhalb der EU zu ziehen, fällt hier auf, wie eine bestimmte Art der Geschichtserzählung für ein ganz konkretes politisches Ziel instrumentalisiert wird.

Hinter den vermeintlichen historischen Kontinuitäten entgegengesetzter essentialistisch verstandener Paare – »die Deutschen« gegen »uns Ungarn« – bietet dieser einzige Satz einen Einblick in die Manipulationstechniken, die in der offiziellen Rhetorik der Orbán-Regierung allgegenwärtig sind. Kein Wunder, dass die jüdische Gemeinde sich auf dieses Spiel nicht einlassen möchte.

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