Grossbritannien

Gegen Corbyn und Konsorten

»Enough is enough«: Kundgebung am 16. September in Manchester Foto: Daniel Zylberstajn

Viele jüdische Briten werden sich am Versöhnungstag gefragt haben, ob sie wohl genug gegen den wachsenden Antisemitismus im Land getan haben. Kurz vor Jom Kippur hatte der britische Oberrabbiner Ephraim Mirvis in Manchester bei einer Protestkundgebung gegen den Judenhass der Labour‐Partei gesprochen. Unter dem Motto »Enough is enough« waren rund 2000 Menschen im Memorial Garden zusammengekommen.

»Wenn wir einmal auf diese Zeit zurückblicken und uns fragen, was wir getan haben, dann werden wir sagen: Wir sprachen uns laut dagegen aus – wir taten, was wir konnten.«

Bei derselben Veranstaltung forderte der Oberrabbiner Labour‐Chef Jeremy Corbyn und seine Partei auf, Teschuwa zu machen, also umzukehren, sich auf ihre Werte Gerechtigkeit und Gleichberechtigung zu besinnen und sich vom Antisemitismus abzuwenden.

Dachverband Aufgerufen zu der Pro­testkundgebung hatten der britisch‐jüdische Dachverband Board of Deputies (BoD) und das Jewish Leadership Council (JLC). Es war das zweite Mal, dass sich die jüdische Gemeinschaft des Vereinigten Königreichs mit einer öffentlichen Protestveranstaltung gegen den Antisemitismus in der Arbeiterpartei wandte. Bereits im März hatten die beiden Organisationen in London vor dem Parlament Labours Antisemitismus öffentlich beklagt. Laut JLC‐Chef Jonathan Goldsmith habe Corbyn erst dann auf die Stimmen aus der jüdischen Gemeinschaft gehört.

Jetzt, ein halbes Jahr später, sei die Situation keinesfalls besser – ja, der Antisemitismus in der Partei habe einen geradezu institutionellen Charakter angenommen, kritisiert Raphi Bloom vom United Jewish Israel Appeal (UJIA).

Er erinnert an die Behauptung des Gewerkschaftsführers Mark Serwotka, die Antisemitismus‐Anschuldigungen würden von Israel gesteuert, um von der eigenen Politik abzulenken, und an die Worte des Labour‐Stadtrats und ehemaligen Fraktionsabgeordneten Jim Sheridan, der »wegen dem, was die jüdische Gemeinschaft gegen die Partei tut, keinen Respekt mehr« vor den Juden im Land habe.

Ganz besonders kritisch sieht Bloom die Rolle, die Labour‐Chef Jeremy Corbyn spielt. Er »bezeichnet sich als militanten Gegner des Antisemitismus, doch er ist selbst ein militanter Verursacher von Antisemitismus«.

Corbyn gilt als Unterstützer der palästinensischen Bewegung und fiel in den vergangenen Jahren immer wieder durch seine antisemitische Einstellung auf. So wurde im August bekannt, dass er sich in den vergangenen Jahren mehrmals mit palästinensischen Terroristen getroffen hat. Britische Medien wie die Zeitung »Daily Mail« berichteten, dass Corbyn im Jahr 2014 an einer Kranzniederlegung für Mitglieder der Terrororganisation »Schwarzer September« teilnahm. Diese war für das Attentat auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1972 in München verantwortlich.

Die Spitze der jüdischen Gemeinschaft Großbritanniens kritisiert immer wieder, Corbyn sei in seiner Ideologie derart stark »auf seine weit links stehende Weltsicht fixiert, dass er der jüdischen Gemeinschaft instinktiv feindselig gegenübersteht«.

Marie van der Zyl, die Präsidentin des Board of Deputies, hat Corbyn aufgefordert, sich zu entschuldigen und die Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. »Die Partei muss endlich handeln«.

Trend Auch die jüdischen Labour‐Abgeordneten Louise Ellman und Margaret Hodge meldeten sich zu Wort. Ellman sprach von einem »neuen dunklen Trend«, dass beispielsweise Gewerkschaftler versuchten, Antisemitismus den Opfern in die Schuhe zu schieben. »Ihr würdet keine andere Minderheit so behandeln«, kritisiert Ellman. Die Politikerin fordert, Labour müsse endlich Abgeordnete disziplinieren, die sich antisemitisch äußern.

In einer Umfrage der Wochenzeitung Jewish Chronicle meinten Anfang des Monats 85 Prozent der befragten jüdischen Briten, die Arbeiterpartei und ihr Chef Jeremy Corbyn seien antisemitisch.

Wer während der Feiertage auf einen Wandel gehofft hatte, wartete vergeblich. Am vergangenen Sonntag konfrontierte der Journalist Andrew Marr den Labour‐Chef in einer Live‐Sendung des britischen Fernsehens mit verschiedenen als antisemitisch aufgefassten Aspekten seines Verhaltens und gab ihm die Möglichkeit, sich vor laufender Kamera mit einer Bitte um Entschuldigung an die jüdischen Briten zu wenden. Doch Corbyn weigerte sich und wiederholte stattdessen seine einstudierte Tirade, er sei schon sein ganzes Leben lang gegen Rassismus.

Parteitag In Liverpool protestierte diese Woche beim Labour‐Parteitag die Organisation Jewish Labour Movement erneut gegen den Judenhass in der Partei. Die jüdische Abgeordnete Luciana Berger empfand es als nötig, bei den eigenen Leuten mit zwei Leibwächtern zu erscheinen.

Die linke Momentum‐Bewegung und die ebenfalls linke Jewish Voice for Labour (JVL), die beide den Parteichef unterstützen, hatten demonstrativ ehemalige Labourmitglieder eingeladen, die in den vergangenen Jahren die Partei wegen Antisemitismus verlassen mussten.

Gewerkschaftsführer Len McCluskey heizte den Delegierten ein, verteidigte die Partei sowie Corbyn gegen die Antisemitismusvorwürfe und sprach von »Kanonenfeuer unserer Feinde von allen Seiten«.

Gegen Ende des Parteitags wurde es am Dienstagabend dramatisch. Es sollte ein neuer Film von Jackie Walker gezeigt werden. Walkers Mitgliedschaft bei Labour war vor zwei Jahren wegen antisemitischer Äußerungen auf Eis gelegt worden. Seitdem stilisiert sie sich zum Opfer einer politischen Hetzkampagne.

Wegen einer Bombendrohung konnte ihr Film jedoch nicht gezeigt werden. JVL‐Sprecherin Naomi Wimborne‐Idrissi erklärte, ein Mann habe bei der Rezeption des Gebäudes, in dem der Film gezeigt werden sollte, angerufen und behauptet, es würden dort zwei Bomben liegen, weil es sich, »um ein großes jüdisches Treffen« handele. Nach der Evakuierung stellte sich die Bombendrohung als falsch heraus. Walkers Lebenspartner behauptete später, der Anrufer habe gesagt, der Grund für die Bomben sei ein »antisemitisches Treffen« gewesen. Seiner Meinung nach wurde die Filmvorführung »von den Feinden der Demokratie« sabotiert.

Auf Twitter wurde diese Behauptung von anderen wiederholt, obwohl amtlich bestätigte Informationen bislang fehlen. Kerry‐Anne Mendoza, Chefredakteurin der linken Nachrichtenwebseite »The Canary«, schrieb in einem Tweet, die falsche Bombendrohung sei der »Preis freier Meinungsäußerung gegen israelische Apartheid« gewesen. Zweifellos ist das neue Jahr also noch lange nicht das Ende der antisemitischen Verstrickungen.

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