USA

Gefängnis für falsche Opfer

Ohne Augenbinde: Justitia geht mit den Betrügern scharf ins Gericht. Foto: Fotolia

Im Betrugsfall um die Jewish Claims Conference (JCC) in New York, der die Gerichte seit fast einem Jahr beschäftigt, ist nun das erste Urteil ergangen. Polina Anoshina, eine russisch‐jüdische Immigrantin, die im New Yorker Stadtteil Brighton Beach lebt, wurde im August zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Der U.S. District Court in Manhattan kam zu dem Schluss, Anoshina habe 9.000 Dollar ergaunert. Die 60‐Jährige hatte fälschlicherweise behauptet, sie sei eine Holocaust‐Überlebende. Richterin Deborah Batts ordnete an, dass Anoshina zudem 105.000 Dollar zurückzahlen müsse. Sie hatte geholfen, diese Summe an rund 30 andere Immigranten zu verteilen, die ebenfalls mit gefälschten Unterlagen Gelder von der JCC kassiert hatten.

Anoshinas Anwalt Mark Zawisny hatte eingewendet, sie sei nur ein sehr kleiner Teil eines großen Rades gewesen. Da sie im Russland der Nachkriegszeit aufgewachsen sei, habe sie geglaubt, ihr stünde Geld zu. Dies ist der erste Prozess um den Betrug mit JCC‐Geldern. Insgesamt hat die Organisation mehr als 42 Millionen Dollar veruntreut, und zwar bereits seit 1993. Nun will die JCC einen Ombudsmann einstellen.

Der Skandal hat eine Organisation erschüttert, die 1951 gegründet worden war, um Gutes zu tun. Die JCC mit Sitz in New York verteilt Geld, das Deutschland an Holocaust‐Überlebende zahlt, zuletzt waren das drei Milliarden Euro aus dem Zwangsarbeiterfonds. Außerdem beansprucht die JCC jüdisches Eigentum in Europa, für das es keine Erben mehr gibt, vor allem Immobilien. Chairman ist Julius Berman, der auch der Chairman des Allocation Committee ist, das Gelder verteilt.

Härtefallfonds Ein Teil dieses Geldes wurde in einen Härtefallfonds für russische Juden eingespeist, die zwar nicht unter der Nazi‐Besetzung gelebt hatten und die auch nicht in einem Konzentrationslager waren, die aber während des Zweiten Weltkriegs vor der Wehrmacht hatten fliehen müssen. Der Fonds zahlt 3.600 Dollar pro Person aus. Um diesen Härtefallfonds geht es in dem Betrugsfall.

Lange waren osteuropäische Juden nicht nur von Entschädigungen ausgeschlossen, ihnen war es auch verwehrt, die Sowjetunion zu verlassen. Das änderte sich erst ab 1988, als Michael Gorbatschow die Auswanderung von Juden erlaubte. Viele gingen nach Israel, aber auch in die USA. Das verstärkte sich noch nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums. Viele dieser russischsprachigen Juden ließen sich in Brighton Beach nieder, das bald »Little Odessa« genannt wurde.

Brighton Beach liegt im New Yorker Stadtteil Brooklyn, direkt am Meer. Hier und in anderen Enklaven wie Sheepshead Bay oder Graves End machten nun russische Geschäfte auf, Cafés und Strandrestaurants. Man bleibt unter sich. Auch Anoshina spricht nur Russisch.

Inserate Anfang der 90er‐Jahre fingen einige JCC‐Mitarbeiter an, Zuwanderer mit Anzeigen in russischsprachigen Zeitungen zu rekrutieren. Viele stellten Anträge auf Entschädigungen aus diesen Härtefallfonds. Anderen Mitarbeitern fiel irgendwann auf, dass mehrere Antragsteller dieselben biografischen Versatzstücke verwendet hatten.

So erzählte eine Frau, sie sei als Elfjährige durch einen Fluss in der Ukraine geschwommen, während deutsche Bomben auf sie niedergingen. Ein Mann sagte, er sei als 13‐Jähriger aus Kiew entkommen und habe sich danach wochenlang im Wald und in Scheunen versteckt. Aber: Die gleichen Schicksale fanden sich in Dutzenden von Anträgen. Manchmal waren sogar die gleichen Kinderfotos verwendet worden. Und vieles war frei erfunden.

Die JCC‐Führung ging zur Staatsanwaltschaft. Nachdem das FBI ein Jahr lang ermittelt hatte, wurden elf Verdächtige verhaftet, darunter sechs JCC‐Angestellte. Nach diesem ersten Urteil werden in den nächsten Monaten zehn weitere Angeklagte vor Gericht gestellt, acht haben bereits gestanden. Bisher wurden um die 5.000 gefälschte Anträge ermittelt.

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