Brasilien

Gedenken kostet

Im Morro de Pasmado: Hier soll das geplante Mahnmal entstehen. Foto: Andreas Nöthen

Es war der große Traum von Gerson Bergher: Rio de Janeiro sollte ein Holocaust‐Mahnmal bekommen. Dafür hatte er als Stadtrat und Abgeordneter des Bundesstaats Rio de Janeiro mehr als 20 Jahre lang gekämpft. Diesen Freitag soll auf dem Morro de Pasmado im Stadtteil Botafogo tatsächlich der Grundstein für die Gedenkstätte gelegt werden. Bergher selbst wird nicht dabei sein. Er ist im Mai 2016 mit 91 Jahren gestorben.

Die Nachricht, dass das Mahnmal errichtet werden soll, kam überraschend Anfang dieses Jahres. Rios neuer Bürgermeister Marcello Crivella, der einst Bischof der evangelikalen Igreja‐Universal‐Kirche war, hatte das Projekt auf seine Agenda gesetzt. Alle waren überrascht: Denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte Crivella kaum nach außen gewirkt. Er schwänzte sogar die Eröffnung des Karnevals, bei der er den Schlüssel der Stadt symbolisch an Narrenkönig Momo hätte übergeben sollen.

Angst vor einem unerlaubten Griff in die Stadtkasse kann es nicht gewesen sein, denn die ist leer. Nach den Olympischen Spielen hat die Stadt kein Geld mehr. Bedienstete warten monatelang auf ihre Gehälter, Schulen schließen, Polizisten und Feuerwehrleute streiken.

Karneval Der Karnevalsboykott kam Crivella teuer zu stehen, er verspielte viele Sympathien. Wie soll sich die Stadt angesichts der leeren Kassen ein Holocaust‐Mahnmal leisten? Kopfschütteln allerorten. Doch betrachtet man den OB isoliert, entsteht ein schlüssiges Bild. Er fühlt sich dem Land Israel tief verbunden, hat es Dutzende Male besucht. Auch seine erste Reise als Bürgermeister führte ihn nach Israel.

Das Land hat für die Igreja Universal, der Crivella angehört, eine wichtige Bedeutung. Und umgekehrt offenbar auch. So empfing Israels Premier Benjamin Netanjahu den Gründer der Igreja Universal, Edir Macedo, im Dezember wie einen Staatschef.

Dass es eine der ersten Amtshandlungen des neuen Bürgermeisters sein würde, die alte Idee für ein Holocaust‐Mahnmal neu zu beleben, kam auch für die rund 30.000 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde Rios überraschend. Auch für Max Nahmias, den Direktor des Jüdischen Museums von Rio. Von einer Arbeitsgruppe, die Crivella ins Leben rufen wolle, um über die Gestaltung des Mahnmals nachzudenken, habe er auch schon gehört. Auf ihn sei aber noch niemand zugekommen. »Ich habe meine Hilfe angeboten, aber noch keine Antwort erhalten«, sagt er.

Die Arbeitsgruppe umfasst sechs Personen. Eine davon ist Teresa Bergher. Sie ist langjährige Stadträtin von Rio und engagiert sich vor allem für soziale Themen und Menschenrechte. Und sie ist die Witwe von Gerson Bergher. »Es wäre eine große Freude für mich, dieses Projekt, das meinem Mann so am Herzen lag, zu Ende zu bringen«, sagt sie und betont, dass das Mahnmal nicht nur an die sechs Millionen ermordeten Juden erinnern soll, sondern auch an die Schwulen, Behinderten sowie Roma und Sinti, die im Dritten Reich ermordet wurden. Die Besucher sollten sensibilisiert werden, »wachsam zu sein, dass sich so etwas niemals wiederholt«, erklärt Teresa Bergher.

standort Ursprünglich hatte Gerson Bergher die Idee, das Monument auf der Grenze zwischen den Stadtteilen Flamengo und Botafogo zu errichten. Dort, nahe dem Strand, befindet sich ein Park und einige Hundert Meter entfernt ein Mahnmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Doch daneben verläuft eine sechsspurige Straße zum Flughafen. Ruhe und Besinnung wären dort kaum möglich.

Später war der neue Stadtteil Barra de Tijuca im Süden Rios als Standort im Gespräch. Doch vom Zentrum braucht man mit dem Auto 35 Minuten dorthin – ohne Stau. Touristen verirren sich kaum dahin. Und so kam man auf den Morro de Pasmado, am anderen Ende des Strandes von Botafogo, auf der Grenze zum berühmten Stadtteil Copacabana. Zur einen Seite bietet er einen traumhaften Blick auf den Zuckerhut. Dreht man sich um, sieht man die Christusstatue auf dem Corcovado. Mehr geht nicht.

Hinzu kommt, dass der Felsen geschichtsträchtig ist: Am 7. September 1976, dem Nationalfeiertag Brasiliens, wurde dort die Fahne des Landes geweiht. Später wurde das Plateau des Felsens umbenannt. Man widmete es dem ehemaligen israelischen Premier Yitzhak Rabin. Die Idee zum »Yitzhak‐Rabin‐Park« hatte: Gerson Bergher.

Dass das Mahnmal jetzt dort entstehen soll, ist Chefsache. »Den Standort hat Marcello Crivella persönlich ausgewählt«, sagt Teresa Bergher. Und der Bürgermeister achtet sehr darauf, dass das Projekt Formen annimmt. »Er fragt mich zehn Mal am Tag, wann es endlich losgeht«, scherzt Bergher. Grobe Pläne gebe es bereits: »Auf zwei flachen Podesten soll eine große Säule stehen, bestehend aus zehn Blöcken«, sagt Teresa Bergher. »Sie symbolisieren die Zehn Gebote.« Auf dem untersten, dem Fundament der Säule, soll »Du sollst nicht morden« stehen.

Spenden Umgerechnet rund zwei Millionen Euro soll das Projekt kosten. Bergher schätzt, dass es bis zu drei Millionen Euro werden – Geld, das die Stadt nicht hat, auch wenn der Bürgermeister versucht, das Budget an vielen Ecken zusammenzustreichen. So kündigte er vor einigen Tagen an, die Zuschüsse für Samba‐Schulen um 50 Prozent zu kürzen, was diese wiederum zu der Drohung verleitete, die Paraden zum Karneval 2018 ausfallen zu lassen. Das wäre für Rio nicht nur ein touristischer Supergau, es käme einer Bankrotterklärung gleich.

Also soll das Projekt erst dann vollendet werden, wenn die Bausumme durch Spenden zusammengekommen ist. Teresa Bergher wagt keine Prognose, wie lange dies dauern wird. Aber auch wenn die Baukosten noch nicht gesichert sind, wird das Projekt schon bald gefeiert: Am 7. Juli soll der Grundstein gelegt werden. Es wäre das zweite Mahnmal seiner Art in Südamerika.

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