Interview

»Gedenken ja, Denkmal nein«

Piotr Kadlcik Foto: privat

Zum 70. Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstands fordern christliche Polen ein zentrales Denkmal der Dankbarkeit für die polnischen »Gerechten unter den Völkern der Welt«. Was halten Sie davon?
Der Name für ein solches Denkmal ist gut gewählt, denn wir Juden sollten dankbar sein für die Rettung eines jeden Einzelnen von uns im Zweiten Weltkrieg. Auch der Staat sollte dankbar sein für die Rettung eines jeden seiner Staatsbürger – manchmal aus den Händen der Deutschen, manchmal aus denen eines anderen polnischen Staatsbürgers.

Wo sollte ein solches Denkmal entstehen?
Ich persönlich bin gegen die Idee eines weiteren zentralen Denkmals. Es sollten Gedenktafeln entstehen, die in einer Stadt, an einem Haus daran erinnern, dass hier so großherzige Menschen lebten. Wir haben eine Neigung zum Zentralismus. Aber für diese »Gerechten unter den Völkern«, für die Helden in unmenschlicher Zeit wäre es doch am ehrenvollsten, wenn die gesamte Nachbarschaft erfahren würde, dass sich so eine fantastische Rettungsgeschichte nur zwei, drei Türen weiter ereignet hat.

Also weder zentral noch im ehemaligen Ghetto?
Es sollte nicht im ehemaligen Ghetto stehen: Ein Denkmal zu Ehren derjenigen, die Juden gerettet haben, auf dem Gräberfeld derjenigen, die nicht gerettet werden konnten, ist keine gute Idee. Aber ein Dankbarkeitsdenkmal, oder besser: Tausende Dankbarkeitstafeln in ganz Polen – ja, unbedingt!

Warum ist bislang kein solches Denkmal entstanden?
Es gibt durchaus bereits Denkmale, eines steht direkt neben dem Denkmal der Ghettohelden und ist der Judenhilfsorganisation Zegota gewidmet. An der Allerheiligenkirche, die direkt an die Ghettomauer stieß, hängt eine große Gedenktafel für die »Gerechten unter den Völkern«. Es gibt zahlreiche nach Irena Sendler benannte Schulen, die an die Krankenschwester erinnern, die jüdische Kinder aus dem Ghetto schmuggelte. In Warschau soll es auch zwei Straßen geben, die an die Gerechten erinnern.

Wenn es schon so viele Gedenkorte gibt, warum fordert dann Wladyslaw Bartoszewski, der auch ein »Gerechter unter den Völkern« ist, noch ein Denkmal?
Das weiß ich auch nicht. Mir ist seine Motivation nicht ganz klar. Denn als Mitglied der Judenhilfsorganisation Zegota hat er ja schon ein Denkmal. Es steht in unmittelbarer Nähe des Denkmals der Helden des Ghettoaufstands, dort also, wo nun nach dem Vorschlag von Bartoszewski eine Mauer mit allen Namen der Gerechten entstehen soll. Die Jüdische Gemeinde in Warschau hat schon vor einiger Zeit vorgeschlagen, eine ganze Gedenkallee mit den Namen aller Gerechten Polens auf dem alten jüdischen Friedhof in Warschau‐Bródno zu schaffen. Da wäre genug Platz, da der Friedhof in den 60er‐Jahren zerstört wurde. Aber bislang hat niemand darauf reagiert.

Mit dem Vorsitzenden des Jüdischen Gemeindebundes Polens sprach Gabriele Lesser.

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