Interview

»Gedenken ja, Denkmal nein«

Zum 70. Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstands fordern christliche Polen ein zentrales Denkmal der Dankbarkeit für die polnischen »Gerechten unter den Völkern der Welt«. Was halten Sie davon?
Der Name für ein solches Denkmal ist gut gewählt, denn wir Juden sollten dankbar sein für die Rettung eines jeden Einzelnen von uns im Zweiten Weltkrieg. Auch der Staat sollte dankbar sein für die Rettung eines jeden seiner Staatsbürger – manchmal aus den Händen der Deutschen, manchmal aus denen eines anderen polnischen Staatsbürgers.

Wo sollte ein solches Denkmal entstehen?
Ich persönlich bin gegen die Idee eines weiteren zentralen Denkmals. Es sollten Gedenktafeln entstehen, die in einer Stadt, an einem Haus daran erinnern, dass hier so großherzige Menschen lebten. Wir haben eine Neigung zum Zentralismus. Aber für diese »Gerechten unter den Völkern«, für die Helden in unmenschlicher Zeit wäre es doch am ehrenvollsten, wenn die gesamte Nachbarschaft erfahren würde, dass sich so eine fantastische Rettungsgeschichte nur zwei, drei Türen weiter ereignet hat.

Also weder zentral noch im ehemaligen Ghetto?
Es sollte nicht im ehemaligen Ghetto stehen: Ein Denkmal zu Ehren derjenigen, die Juden gerettet haben, auf dem Gräberfeld derjenigen, die nicht gerettet werden konnten, ist keine gute Idee. Aber ein Dankbarkeitsdenkmal, oder besser: Tausende Dankbarkeitstafeln in ganz Polen – ja, unbedingt!

Warum ist bislang kein solches Denkmal entstanden?
Es gibt durchaus bereits Denkmale, eines steht direkt neben dem Denkmal der Ghettohelden und ist der Judenhilfsorganisation Zegota gewidmet. An der Allerheiligenkirche, die direkt an die Ghettomauer stieß, hängt eine große Gedenktafel für die »Gerechten unter den Völkern«. Es gibt zahlreiche nach Irena Sendler benannte Schulen, die an die Krankenschwester erinnern, die jüdische Kinder aus dem Ghetto schmuggelte. In Warschau soll es auch zwei Straßen geben, die an die Gerechten erinnern.

Wenn es schon so viele Gedenkorte gibt, warum fordert dann Wladyslaw Bartoszewski, der auch ein »Gerechter unter den Völkern« ist, noch ein Denkmal?
Das weiß ich auch nicht. Mir ist seine Motivation nicht ganz klar. Denn als Mitglied der Judenhilfsorganisation Zegota hat er ja schon ein Denkmal. Es steht in unmittelbarer Nähe des Denkmals der Helden des Ghettoaufstands, dort also, wo nun nach dem Vorschlag von Bartoszewski eine Mauer mit allen Namen der Gerechten entstehen soll. Die Jüdische Gemeinde in Warschau hat schon vor einiger Zeit vorgeschlagen, eine ganze Gedenkallee mit den Namen aller Gerechten Polens auf dem alten jüdischen Friedhof in Warschau-Bródno zu schaffen. Da wäre genug Platz, da der Friedhof in den 60er-Jahren zerstört wurde. Aber bislang hat niemand darauf reagiert.

Mit dem Vorsitzenden des Jüdischen Gemeindebundes Polens sprach Gabriele Lesser.

Italien

»Warum jetzt schon verurteilen?«

Nach der Wahl der rechtsextremen »Fratelli d’Italia« zeigt sich die jüdische Gemeinde abwartend

von Daniel Mosseri  01.10.2022

Mexiko

»Jüdische Taliban« fliehen aus Haft

Rund 20 minderjährige Mitglieder der Lev-Tahor-Sekte türmen aus staatlicher Unterbringung im Süden des Landes

 30.09.2022

Nach Haftentlassung

Putin-Kritiker verlässt Russland

Der jüdische Oppositionelle Leonid Gosman ist wieder frei und nach Israel ausgereist

 29.09.2022

Jerusalem

Wie viele Juden weltweit gibt es?

Die Jewish Agency for Israel hat ihre neue Statistik vorgestellt

 28.09.2022

Moskau

Düstere Botschaft von Putin an Russlands Juden

Rosch-Haschana-Gruß aus dem Kreml klingt wie eine Drohung – Jerusalem verurteilt Referendum in der Ostukraine

von Sabine Brandes  28.09.2022

Interview

»Kanonenfutter für Putin«

Der israelische Historiker Samuel Barnai über die Folgen von Putins Teilmobilisierung und der Scheinreferenden in den besetzten ukrainischen Gebieten

von Michael Thaidigsmann  28.09.2022

Italien

»Parallelen zu den 30er-Jahren«

Vor den Wahlen äußern sich Juden in Südtirol besorgt und wütend über die postfaschistische Partei »Fratelli d’Italia«

von Blanka Weber  25.09.2022

USA

Süße Frucht fürs süße Jahr

Im Süden Kaliforniens werden Granatäpfel angebaut – auch für Rosch Haschana

von Daniel Killy  24.09.2022

USA

Honig von Herzen

Wie aus einer Idee in Atlanta eine landesweite Spendenaktion für die Hilfsorganisation ORT erwuchs

von Jessica Donath  24.09.2022