Interview

Fünf Minuten mit ...

Herr Schwarz, wie kamen Sie darauf, das Buch »Darf man Juden Ezzes geben« zu schreiben?
Ich habe an der Uni neben Publizistik auch Judaistik studiert und war dort plötzlich der Paradejude, weil die meisten der Professoren und über 90 Prozent der Studenten nicht jüdisch sind. Ich habe eine Kippa getragen und wurde sofort der, der ständig Fragen beantwortet. Ich habe festgestellt, dass viele Studenten ihre Fragen nicht beantwortet bekommen, weil es in der Judaistik eben um anderes geht als um das banale, das alltägliche Judentum. Daraus ist viele Jahre später die Idee zu einer Vorlesung entstanden. Aber statt der erwarteten 10, 15 Leute kamen 80 bis 100. Und aus der Vorlesung ist dann dieses Buch entstanden.

Eine Ihrer zentralen Botschaften lautet: Ja, man darf Jude sagen. Ja, man soll es sogar, denn es ist kein Schimpfwort. Gleichzeitig merken Sie in Ihrem Buch an, dass manche Medien gerne darauf hinweisen, dass eine Person jüdisch ist. Was stört Sie daran?
Manchmal habe ich das Gefühl, dass vielleicht doch latenter Antisemitismus dahintersteckt. Wenn zum Beispiel über ein großes Wirtschaftsdelikt berichtet wird, und es steht da, der Täter Bernie Madoff sei jüdisch, dann unterstelle ich, dass sich der Autor dabei vermutlich ins Fäustchen gelacht hat. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass hinter Vielem ein sehr starker Philosemitismus steckt. Es gibt Journalisten und generell Menschen, die immer überall gerne den Juden suchen und finden wollen, weil sie sagen, das sei besonders. Das ist dann das andere Extrem.

Gehen Ihnen prononcierte Philosemiten auf die Nerven?
Per se nicht. Es gibt aber Menschen, die mich zu einem Abendessen nur deshalb einladen, weil ich Jude bin. Doch ich will nicht nur eingeladen werden, weil es schick ist, einen Juden einzuladen.

Ist es denn heute schick, einen Juden einzuladen?
Wenn es so sein sollte, dann ist es besser, als wenn es nicht schick wäre.

Amüsant erzählen Sie eine Episode, wie Ihnen von nichtjüdischen Bekannten ein Pessachmenü gekocht und als koscher vorgesetzt wurde.
Auch hier gilt: Vorher fragen! Aber bitte nicht immer wieder dasselbe. Wenn wir schon mehrmals miteinander essen waren und ich schon wieder gefragt werde, ob denn Hühnchen koscher ist, dann sage ich: »Lest doch nach!« Es ist heute so einfach, an Informationen zu kommen. Jeder zückt sein Smartphone und liest auf Wikipedia nach. Warum nicht auch zu diesem Thema?

Sie beschreiben in Ihrem Buch die vielen Richtungen des Judentums und bezeichnen sich selbst als modern-orthodox. Ins Auge sticht in diesem Kapitel der Begriff »flexodox«. Was versteht man darunter?
Das Wort kommt aus Amerika und ist mit einem Augenzwinkern gemeint. Ich glaube, der modern-orthodoxe Weg ist der schwierigste im Judentum, weil man sich auf eine Gratwanderung begibt. Ich befinde mich auf der Kante eines Gipfels, und links und rechts kann ich fallen. Manchmal gelingt mir diese Gratwanderung nicht. Dann bin ich ein bisschen flexodox, also flexibel, und gehe etwas in die eine oder in die andere Richtung.

Wäre das zum Beispiel dann der Fall, wenn Sie am Freitagabend arbeiten, weil es einen wichtigen Termin gibt?
Ich würde eher sagen: Wenn ich mich mit den Kollegen zur Weihnachtsfeier treffe, bestehe ich nicht auf ein koscheres Lokal. Dazu gehört schon eine gewisse Flexibilität.

Mit dem Autor sprach Alexia Weiss.

Rafael Schwarz: Darf man Juden Ezzes geben?, Metro Verlag, Wien 2011, 128 Seiten, 14,90 €

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