Interview

Fünf Minuten mit …

Herr Rabbiner, die französischen Vorstädte sind in den vergangenen Jahren immer wieder durch antisemitische Gewalt in die Schlagzeilen geraten. Sie arbeiten in einer Gemeinde in der Pariser Banlieue. Wie ist die Situation dort?
Die Juden in den Vorstädten sind weiterhin sehr nervös, auch wenn die Zahl der antisemitischen Taten gesunken ist. Viele können sich noch nicht von der Angst der vergangenen Jahre freimachen. Das sieht man vor allem daran, dass immer mehr ins Stadtzentrum ziehen, viele Gemeinden immer kleiner werden oder gar ganz verschwinden.

Viele antisemitische Straftaten wurden von Menschen arabisch-maghrebinischer Herkunft begangen. In vielen Vorstädten bilden sie die Mehrheit, ist auch das ein Grund dafür, dass Juden wegziehen?
In der Tat leben in den Banlieues mit starkem muslimischem Bevölkerungsanteil wenige Juden. Es gibt sogar Beispiele, dass sich in Vorstädten mit weniger muslimischen Einwohnern neue jüdische Gemeinden gebildet haben. Dennoch wäre es falsch, allein den muslimischen Antisemitismus oder den Nahostkonflikt für den Wegzug verantwortlich zu machen. Viele Juden sehnen sich nach einem soziokulturellen Angebot, das nur in den Innenstädten existiert, etliche machen Alija, und oftmals sind schlicht ökonomische Probleme der Grund.

Dennoch stehen die Wellen antisemitischer Gewalt in Frankreich doch unverkennbar in Zusammenhang mit den Konjunkturen des Nahostkonflikts.
Ja, der Beginn der zweiten Intifada markiert den Beginn des Schrumpfungsprozesses der Gemeinden in der Pariser Banlieue. Andererseits habe ich in vielen Gesprächen mit Bewohnern den Eindruck gewonnen, dass der Konflikt die meisten kaum interessiert. Es gibt aber interessierte Einzelakteure, die das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen in Frankreich mit dem Nahostkonflikt vermengen möchten. Ein Mitglied unserer Vereinigung für jüdisch-muslimische Freundschaft etwa verkündete während des Gazakrieges, alle Muslime würden die Organisation verlassen. Obwohl das absolut falsch war, wurde diese Erklärung von Islamisten und Medien extrem aufgeblasen.

Wie versuchen Sie, solchen Aufwiegelungsversuchen entgegenzutreten?
Wir touren seit sechs Jahren durch ganz Frankreich und organisieren öffentliche Veranstaltungen mit Vertretern der jüdischen und muslimischen Gemeinden. Außerdem haben wir einen landesweiten Tag der offenen Tür ins Leben gerufen, bei dem sich Muslime und Juden in ihren Gemeinden wechselseitig besuchen. Dazu versuchen wir beide Gruppen für die Diskriminierungserfahrungen der anderen zu sensibilieren. Ich habe zum Beispiel mit 20 Imamen eine Studienfahrt nach Auschwitz organisiert. Jeder von ihnen setzt sich heute aktiv gegen die unter Islamisten verbreitete Holocaustleugnung ein. Und die Reise soll auf Wunsch der Imame dieses Jahr wiederholt werden. Es gibt also genug Arbeit!

Mit dem Präsidenten der Gesellschaft »Amitié judéo-musulmane de France« sprach Tilman Vogt.

Meinung

Sauna der Toleranz - aber nur ohne Davidstern

Zwei Frauen werden in Barcelona wegen eines jüdischen Symbols verhört, als »Zionistinnen« aussortiert und schließlich hinausgeworfen – im Namen einer Offenheit, die sich selbst ad absurdum führt

von Sabine Brandes  02.06.2026

Essay

Wenn ein Platz nicht schweigt

Gedanken zum 85. Jahrestag der Zerstörung der alten Synagoge von Esch-sur-Alzette durch die Nationalsozialisten

von Andreas Albrecht  02.06.2026

Hintergrund

»Lady Gaza« kommt in die Schweiz

Ein sozialdemokratischer Abgeordneter hat die umstrittene französische Europaabgeordnete Rima Hassan nach Bern eingeladen und damit Empörung ausgelöst. Erste Stimmen fordern nun ein Einreiseverbot

von Nicole Dreyfus, Michael Thaidigsmann  02.06.2026

Punta Cana

Gal Gadot und Mila Kunis zeigen sich entspannt im Karibikurlaub

Die jüdischen Schauspielerinnen gehen in Puerto Rico ganz besonderen Freizeitaktivitäten nach

 02.06.2026

New York

Ronald Lauder: »Israel verliert den globalen Informationskrieg«

»Wenn man die Mainstream-Presse liest, muss man sich fragen, wie der einzige jüdische Staat zur meistgehassten Nation der Erde werden konnte«, sagt der Präsident des Jüdischen Weltkongresses

 02.06.2026

Bergen-Belsen

Holocaust-Überlebender Tomi Reichental gestorben

In Irland gehörte er zu den prominentesten Zeitzeugen des Holocaust. Tomi Reichental überlebte als Kind das KZ Bergen-Belsen. Jetzt ist er gestorben

von Karen Miether  01.06.2026

Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Er lehnte sich gegen eine spießige und militarisierte Gesellschaft auf und propagierte ein ökologisches Bewusstsein: Der US-Dichter Allen Ginsberg war ein Pionier der »Beat-Generation«. Seine Visionen sind heute wieder aktuell

von Holger Spierig  01.06.2026

Erinnerung

Jugendliche im Anne Frank Haus in Amsterdam - Ein Besuch

Rund eine halbe Million Jugendliche aus aller Welt besuchen jährlich das Anne Frank Haus in Amsterdam. Was denken sie, wenn sie das Versteck sehen? Und was ist ihr Eindruck vom vielleicht bekanntesten Tagebuch der Welt?

von Nina Schmedding  01.06.2026

Nachruf

Edgar Morin gestorben: Stimme des kritischen Denkens verstummt

Der französische Philosoph, Soziologe und Publizist wurde 104 Jahre alt

 01.06.2026