Ukraine

Fünf Jahre nach dem Maidan

Gedenken an die getöteten Maidan-Aktivisten (Kiew, Februar 2018) Foto: dpa

Fünf Jahre sind seit dem Tag vergangen, an dem eine Entscheidung des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch die Zukunft der Ukraine veränderte. Damals entschied sich Janukowitsch plötzlich, trotz jahrelanger Vorbereitung das von vielen gewünschte Assoziierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen.

Am selben Abend versammelten sich vor allem junge Leute auf dem Maidan, dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz, um dagegen zu protestieren. Ende November räumte die Polizei das Zeltlager der Demonstranten – was noch größere Proteste auslöste. Letztlich kam es, vor allem im Februar 2014, zur Eskalation, bei der mehr als 100 Menschen getötet wurden.

KRIM Janukowitsch floh nach Russland, das die neue prowestliche Regierung in Kiew nicht anerkennen wollte. Russland annektierte die Halbinsel Krim, und es begannen die blutigen Kriegshandlungen in der ostukrainischen Donbass-Region.

»All das war im November 2013 noch unvorstellbar«, erzählt Claudia, eine ursprünglich aus der Zentralukraine stammende Jüdin, die damals in Kiew Jura studierte und sich während der ersten Phase der Revolution oft auf dem Maidan engagierte. »In den ersten Tagen hatten wir überhaupt keine Hoffnung, Janukowitsch aus dem Amt zu werfen. Das schien vollkommen unrealistisch. Wir wollten nur diese fatale Entscheidung rückgängig ma­chen. Ich denke, hätte man die Demons­tranten nicht angegriffen, wäre der Protest wohl erfolgslos zu Ende gegangen.«

Nach der Annexion begannen die blutigen Kriegshandlungen in der ostukrainischen Donbass-Region.

Ob es sich aus Claudias Sicht, deren Eltern von der Maidan-Revolution nicht sehr überzeugt waren, angesichts der schwierigen Entwicklungen auf der Krim und im Donbass gelohnt hat? »Für diese sogenannten Konsequenzen ist allein Russland verantwortlich und nicht wir. Moskau versucht gezielt, unsere Errungenschaften zu vernichten. Das wird aber nicht gelingen, auch wenn es gelegentlich Teilerfolge gibt.«

Allerdings räumt Claudia ein, dass sich in diesen fünf Jahren die Lage der Juden im Land kaum verbessert hat. Der Antisemitismus habe durch das Erstarken der rechten Kräfte wahrscheinlich eher zugenommen, sagt sie. Teile der Bevölkerung wittern hinter dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und Regierungschef Wladimir Grojsman eine »jüdische Verschwörung«, die die Reichtümer der Ukraine stehlen wolle. »Wenn ich das höre, und das passiert oft, frage ich mich, ob wir als Gesellschaft wirklich einen Schritt nach vorn gemacht haben«, kritisiert die heute 26-Jährige die Entwicklung.

BABI JAR »Bei allen Berichten über antisemitische Angriffe in der Ukraine ist deren Zahl im Durchschnitt deutlich kleiner als in den meisten anderen europäischen Ländern. Man soll die Lage also nicht überbewerten«, beschwichtigt Josef Zissels, der Vorsitzende der Vereinigung der jüdischen Organisationen und Gemeinden der Ukraine (Vaad). Zissels gehört zu den Verbündeten der aktuellen Regierung und des für die umstrittene Geschichtspolitik verantwortlichen Instituts für Nationale Erinnerung. Dass man an das Massaker von Babi Jar nun auf staatlicher Ebene erinnert – der 75. Jahrestag wurde zum Beispiel von den bisher größten Gedenkfeierlichkeiten aller Zeiten begleitet –, sei »ein großer Fortschritt und ein Zeichen dafür, dass sich die Ukraine von dem sowjetischen Erbe langsam emanzipiert«, so Zissels.

Janukowitsch floh nach Russland, das die neue prowestliche Regierung in Kiew nicht anerkennen wollte.

Doch längst nicht alle sehen auch das Thema Babi Jar unkritisch, denn weder der ukrainische Staat noch das Institut für Nationale Erinnerung wollen zum Beispiel die Mitschuld der Organisation Ukrainischer Nationalisten, deren Mitglieder derzeit als Helden verehrt werden, anerkennen. Zusammen mit der Existenz vieler rechtsradikaler Organisationen, die neben judenfeindlichen Aktionen für Angriffe auf Roma verantwortlich sind, schafft das große Besorgnis.

»Dennoch habe ich das Gefühl, dass sich junge Juden heute stärker politisch engagieren. Sie haben keine Angst mehr«, hebt Claudia hervor. Sie glaubt, dass die Maidan-Revolution ihnen ein neues Selbstbewusstsein gegeben hat.

Porträt

Geboren in Auschwitz

Angela Orosz-Richt kam im Dezember 1944 in einer Baracke des deutschen Vernichtungslagers zur Welt. Im Januar wird sie bei der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag sprechen. Unserem Autor hat sie ihr bewegtes Leben geschildert

von Michael Thaidigsmann  09.10.2026

Österreich

»Die schönste Synagoge der Welt«

Nach aufwendiger Renovierung wurde der Wiener Stadttempel feierlich wiedereröffnet

von Stefan Schocher  08.10.2026

Miami

Tage wie Zwiebeln, Tage wie Honig

Zwei Überlebende des Nova Festivals haben drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 über den Tag gesprochen, der alles veränderte

von Katrin Richter  08.10.2026

7. Oktober

London: Maskierte Aktivisten protestieren gegen jüdischen Dachverband

Antiisraelische Aktivisten haben den Jahrestag des 7. Oktober 2023 zum Anlass genommen, das Board of Deputies of British Jews verbal anzugreifen. Es gab mehrere Festnahmen

 07.10.2026

Top 50

Die einflussreichsten Juden

Wie in jedem Jahr hat die »Jerusalem Post« ihr Ranking veröffentlicht – mit mehr Frauen und Gruppenplätzen

von Michael Thaidigsmann  07.10.2026

Meinung

Seht her, Berlin und New York: Es geht auch anders

Gerade am 7. Oktober wäre von linker Seite mehr Feingefühl zu erwarten. Zürich zeigt es diesmal vor.

von Nicole Dreyfus  07.10.2026

Fußball

Boykott gegen Israel – schließt sich das Schweizer Frauennationalteam den irischen Männern an?

Der Schweizerische Fußballverband reagierte offen, betonte jedoch, dass der Sport im Zentrum stehen solle

von Nicole Dreyfus  07.10.2026

Schweiz

Leerstellen im Mengele-Dossier

Nicht nur geschwärzte Namen sorgen im Mengele-Dossier des Nachrichtendienstes für Fragen. Auch wichtige Unterlagen fehlen – und niemand kann heute mehr genau erklären, warum.

von Nicole Dreyfus  06.10.2026

Großbritannien

»Die Grünen sind jetzt eine extremistische Partei«

Ein Parteitagsbeschluss der englischen Grünen, in dem der Zionismus als eine Spielart des Rassismus bezeichnet und zur Befreiung Palästinas aufgerufen wird, ist nicht nur in Großbritannien auf heftige Kritik gestoßen

 05.10.2026