Brüssel

Früherer EJC-Chef Kantor von EU-Sanktionsliste gestrichen

Wjatscheslaw Mosche Kantor war von 2007 bis 2022 Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses Foto: REUTERS

Der ehemalige Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC), Wjatscheslaw Mosche Kantor, wird von der EU-Sanktionsliste gestrichen. Das berichteten am Freitag übereinstimmend mehrere Medien aus Brüssel.

Die Delistung geschah offenbar auf Druck der ungarischen Regierung, die der Verlängerung der EU-Sanktionen um sechs Monate nur unter der Bedingung zustimmen wollte, dass Kantor sowie zwei weitere sanktionierte Personen gestrichen werden. Die sogenannten »restriktiven Maßnahmen« der EU müssen von den 27 Mitgliedsstaaten einstimmig beschlossen und alle sechs Monate bestätigt werden.

Im April 2022 - zwei Monate nach dem russischen Überfall auf die Ukraine - wurde Kantor mit EU-Strafmaßnahmen belegt. In der Begründung hieß es, er sei »für die materielle oder finanzielle Unterstützung von Handlungen verantwortlich, die die territoriale Integrität, Souveränität und Unabhängigkeit der Ukraine untergraben oder bedrohen«. Kantor sei »ein russischer Oligarch, der ein Hauptaktionär der Acron-Gruppe ist, einem der größten russischen Düngemittelproduzenten. Er steht in enger Verbindung zu Präsident Wladimir Putin.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Der 71-jährige bestritt das vehement, trat aber als Chef des EJC zurück, dem er seit 2007 vorgestanden hatte. Dem Dachverband sind jüdische Gemeinden in ganz Europa angeschlossen, darunter auch der Zentralrat der Juden in Deutschland.

Der Milliardär, der seit einigen Jahren die britische Staatsbürgerschaft besitzt und zwischenzeitlich in London lebte, wurde auch von der dortigen Regierung als Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin eingestuft. Die damalige Außenministerin Liz Truss sagte 2022, Kantor sei eine jener Personen, die Putin »zur Stützung seiner Kriegswirtschaft nutzt« und für den Kreml »von entscheidender strategischer Bedeutung sind«. In der Folge wurden Kantors private Vermögen in der EU und in Großbritannien eingefroren und ihm Reisebeschränkungen auferlegt. Er lebt seitdem in Israel.

Lesen Sie auch

Kantors Nachfolger als EJC-Präsident, der Österreicher Ariel Muzicant, und Vorsitzende jüdischer Gemeinden in ganz Europa setzten sich für die Aufhebung der Sanktionen gegen den langjährigen EJC-Präsidenten ein. In einem offenen Brief an Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron schrieb Muzicant im Jahr 2023: »Dr. Kantor ist lediglich einer der Eigentümer eines russischen Unternehmens, das Düngemittel herstellt. Die Hälfte seiner Familie ist ukrainisch. Er hat Russland vor über dreißig Jahren verlassen und ist jetzt britischer Staatsbürger.«

Für seine Einstufung als Putin-nah gebe es »keine Beweise, keine Erklärung«, so Muzicant. Er lobte Kantors Engagement für jüdisches Leben in Europa und das Gedenken an die Schoa. »Als Gründer und Vorsitzender der World Holocaust Forum Foundation hat Moshe Kantor fünf internationale Foren organisiert, das letzte 2020 in Yad Vashem in Zusammenarbeit mit dem israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin anlässlich des 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Mehr als fünfzig europäische und internationale Staats- und Regierungschefs kamen zu diesem Anlass zusammen, um sich zu verpflichten, die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren und den Antisemitismus zu bekämpfen.«

Doch eine Klage Kantors vor dem Europäischen Gerichtshof blieb ohne Erfolg. Im Januar urteilten die Luxemburger Richter unter anderem, dass Kantor über Beteiligungsgesellschaften tatsächlich die Acron-Gruppe kontrolliere. Auch Verstöße gegen Kantors Recht auf rechtliches Gehör sowie etwaige Beurteilungsfehler seitens der EU konnten die obersten EU-Richter nicht erkennen. mth

Spanien

Grabschändung in Barcelona - Bürgermeister verurteilt die Tat

Die Stadt und das israelische Außenministerium reagieren mit scharfer Kritik

 25.01.2026

Georgien

Zwischen Tel Aviv und Tiflis

In Israel geboren, kaukasische Wurzeln und in Mailand entdeckt: Tammy Aligo ist als Top-Model überall zu Hause

von Mikheil Khachidze  25.01.2026

Gespräch

»Israel ist stark und schützt uns«

Kommende Woche wird sie im Bundestag die Rede zum Holocaust-Gedenktag halten. Gemeinsam mit ihrem Enkel Aron Goodman spricht Tova Friedman im Interview über ihre Sicht auf Deutschland - und ihre Aktivitäten auf TikTok

von Michael Thaidigsmann  23.01.2026

Studien

Trauma, Resilienz und Lebenswille: Warum manche Schoa-Überlebende so alt werden

Die Forschung ist einem bemerkenswerten Phänomen auf der Spur: Viele Überlebende des Holocausts werden auffallend alt

 23.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  22.01.2026

USA

Ein Stück Heimat

1943 gründeten Flüchtlinge aus Europa einen Stammtisch in New York. Mehr als acht Jahrzehnte war er eine Institution. Mit dem Tod einer der letzten Überlebenden aus dieser Zeit endet eine Ära

von Heidi Friedrich  22.01.2026

Bosnien

Unsichere Zukunft auf dem Balkan

Die kleine jüdische Gemeinde von Sarajevo erlebt gerade schwierige Zeiten. Ein Ortsbesuch

von Peter Bollag  22.01.2026

Ukraine

Die Kältefolter

Rund drei Stunden mit Licht und Wärme, gefolgt von etwa zehn Stunden ohne: So sieht heute der Alltag – oder vielmehr der Überlebenskampf – der meisten Kyiver aus

von Michael Gold  21.01.2026

Entscheidung

Noam Bettan startet beim ESC für Israel

Mehrere Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme den Eurovision Song Contest 2026. Jetzt wurde entschieden, wer für das Land in diesem Jahr bei dem Musikwettbewerb an den Start geht

von Cindy Riechau  21.01.2026