Albanien

Flamingos gegen Kushner

Demonstranten in Tirana Foto: picture alliance / NurPhoto

Tirana ist derzeit Schauplatz zahlreicher Demonstrationen. »Albanien steht nicht zum Verkauf« ist auf vielen Transparenten zu lesen. Ebenfalls omnipräsent sind pinke Flamingos aus Papier und Plastik, deren Hälse aus der Menge der Protestierenden herausragen.

Denn viele Albanerinnen und Albaner befürchten, dass durch eine neue Luxus-Ferienanlage, die auf einer vorgelagerten Insel gebaut werden soll, auch die einzigartige Tierwelt gefährdet werden könnte – so auch in der Narta-Lagune unweit der Insel Sazan, wo tatsächlich viele Flamingos leben. Im Wasser tummeln sich auch Meeräschen, Brassen sowie der rhombische Nagelrochen und die gefährdete Mittelmeer-Mönchsrobbe. An der Küste brüten Krauskopfpelikane, Korallenmöwen und Kiebitzregenpfeifer und in den Sanddünen legen Meeresschildkröten ihre Eier ab.

Genau dort wollen Atlantic Incubation Partners LLC bauen – ein Unternehmen, das mit den Firmen von Jared Kushner, Schwiegersohn und Sondergesandter Donald Trumps, in Verbindung steht. Dem Unternehmen wurde von der Regierung unter Ministerpräsident Edi Rama der Status eines »strategischen Investors« zugesprochen, was beschleunigte Verfahren ermöglicht.

Legitimer Protest und antisemitische Kommentare

Die Proteste, die nun stattfinden, richten sich nicht nur gegen intransparente Entscheidungsprozesse und die Gefährdung der Biodiversität. Es ist noch nicht einmal geklärt, wem einige der Grundstücke überhaupt gehören. Man vermutet, die Regierung verkaufe diesen paradiesischen Küstenabschnitt nur, damit sich befreundete Geschäftsleute bereichern können.

In den Protest der Bürgerinnen und Bürger mischten sich jedoch auch antisemitische Kommentare. So hieß es in den sozialen Medien, das Areal soll an das israelische Militär oder »jüdische Milliardäre« verkauft werden. Kushner wurde dabei offenbar mit Israel gleichgesetzt und seine jüdische Herkunft in antisemitischer Weise als »Hinweis« für eine verborgene politische Agenda gewertet.

Protestplakat mit Anspielung auf die Parole »From the river to the sea« Foto: picture alliance / NurPhoto

Insgesamt ist Antisemitismus jedoch kein prägendes Merkmal der Protestbewegung. Vielmehr kritisieren die Demonstranten, dass Premier Rama sich schon seit Jahren zu sehr bei US-Präsident Trump anbiedern würde.

Albanien nahm jüdische Flüchtlinge auf

Überhaupt ist Antisemitismus in Albanien eher wenig verbreitet. Als Teil des Osmanischen Reiches nahm man sefardische Vertriebene aus Spanien und Portugal auf. Offiziell wurde die jüdische Gemeinde 1937 anerkannt. Albanien war damals auch ein Zufluchtsort. Tiranas Botschaft in Berlin stellte noch 1938 Visa aus. Rund 2000 Jüdinnen und Juden fanden in dem kleinen Balkanland, das zunächst vom faschistischen Italien besetzt war, Schutz. Als die Deutschen Italien als Besatzer ablösten, wurden die meisten dieser Flüchtlinge in Dörfern versteckt und versorgt. Der albanische Ehrenkodex, besser bekannt als »Besa«, schützte sie vor der Auslieferung, sodass fast alle Jüdinnen und Juden überlebten.

Albanien war der einzige europäische Staat unter Nazi-Besatzung, in dem es nach der Schoa mehr Jüdinnen und Juden gab als zuvor.

Damit war Albanien der einzige europäische Staat unter Nazi-Besatzung, in dem es nach der Schoa mehr Jüdinnen und Juden gab als zuvor. Später wanderten die meisten von ihnen nach Israel aus, nur wenige blieben in der kommunistischen Diktatur, die alle Religionen bekämpfte. 

Der Präsident erklärte, die Proteste seien Teil eines »hybriden Krieges« der von den »Feinden Albaniens und Feinden Israels« geführt werde.

Premier Edi Rama versucht derweil, seine Kritiker zu diskreditieren, indem er ihnen Antisemitismus vorwirft. So erklärte er, dass die Proteste gegen das Immobilienprojekt Teil eines »hybriden Krieges« seien, der von den »Feinden Albaniens und Feinden Israels« geführt werde. »Wäre es nicht Jared, würde es sie einen Scheißdreck interessieren.« Rama ging sogar so weit, dass er den Iran hinter den Umweltprotesten wähnte. Tatsächlich aber befürchtet der Premier, dass sich die Proteste ausweiten könnten und seine Macht gefährden.

An dem Bauprojekt sind auch viele albanische Investoren und Firmen beteiligt, weshalb die Antikorruptionsbehörde SPAK seit Juni den Fall näher unter die Lupe nimmt: Dubiose Eigentümerwechsel von Grundstücken und die Neuausrichtung einiger Umweltschutzgebiete werfen Fragen auf. Rama hat sich in der Vergangenheit damit gebrüstet, Antisemitismus zu bekämpfen. Nun missbraucht er dieses Anliegen für seine politischen Interessen.                

Die Autorin ist seit 2012 Südosteuropa-Korrespondentin der österreichischen Tageszeitung Der STANDARD. Sie berichtet von Sarajevo aus über die Region.

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