Interview

»Freiwillige haben enorme Hilfe geleistet«

»Wir hoffen, dass alle älteren Gemeindemitglieder in den nächsten Tagen eine Impfung bekommen«: Gemeindechef František Bányai Foto: Kilian Kirchgessner

Herr Bányai, die Corona-Pandemie trifft Tschechien derzeit besonders hart – es ist eines der Länder mit den weltweit höchsten Infektionsraten. Wie unterstützen Sie Ihre Gemeindemitglieder in dieser schwierigen Situation?
Wir stellen Medikamente zur Verfügung, verteilen Mittagessen und stehen in ständigem Kontakt mit ihnen.

In welcher Form ist jüdisches Gemeindeleben dieser Tage unter den besonderen Bedingungen des harten Lockdowns in Prag überhaupt noch möglich?
Wir halten Online-Gottesdienste ab, und die Sozialfürsorge, häusliche Pflege und alles, was sonst noch nötig ist, wird gemäß den besonderen Beschränkungen bereitgestellt. Die meisten unserer Mitarbeiter sind sich ihrer großen Verantwortung bewusst.

Was tun die Gemeinderabbiner über die Gottesdienste hinaus, um den Mitgliedern zu helfen?
Unsere beiden Rabbiner haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Aber es geht ihnen gut. Sie stehen den Gemeindemitgliedern, soweit es die Quarantänebeschränkungen zulassen, zur Verfügung.

Wie ist die Situation im jüdischen Alters- und Pflegeheim »Hagibor« in Prag?
Die Lage war ausgesprochen angespannt und stressig: 15 unserer Bewohner wurden positiv auf das Coronavirus getestet, und leider starben sechs von ihnen. Besonders schwierig war dann, dass auch viele von den Mitarbeitern krank waren oder sich in Quarantäne begeben mussten. Doch Gott sei Dank gab es etliche Freiwillige, die enorme Hilfe geleistet haben! Aber inzwischen hat sich die Situation schon fast wieder normalisiert.

Vergangene Woche wurde in Prag mit dem Impfen begonnen. Gibt es genug Impfstoff für die älteren Gemeindemitglieder?
Alle Bewohner von »Hagibor« sind bereits geimpft worden und auch die Pflegekräfte, die es wollten. Nächste Woche sollen dann all diejenigen geimpft werden, die von unserem Pflege- und Sozialdienst betreut werden, das sind rund 200 Personen.

Etliche der älteren Mitglieder Ihrer Gemeinde sind Schoa-Überlebende. Wie geht es ihnen angesichts der Corona-Pandemie, und was können Sie als Gemeinde für sie tun?
Glücklicherweise gab es unter ihnen keine schweren Fälle von Covid-19. Wir hoffen, für sie alle in den nächsten Tagen eine Impfung zu bekommen. Und ja, man muss sagen: Die Arbeit der Sozialarbeiter ist anspruchsvoller geworden.

Was ist angesichts der Corona-Krise Ihr größtes Problem als Gemeindevorsitzender, und wie lösen Sie es?
Unser größtes Problem war der Mangel an Arbeitskräften, denn etliche fielen aus, weil sie sich infiziert hatten. Doch mithilfe der Freiwilligen ließ sich das ausgleichen. Ein anderes großes Problem ist der finanzielle Verlust, den wir durch Corona haben. Zum Teil wird er durch Geschenke und Spenden ein wenig ausgeglichen. Aber die größte Herausforderung, vor der wir standen, war es, festzulegen, wo wir Kosten einsparen.

Eine wichtige Einnahmequelle der Gemeinde ist weggebrochen, da wegen Corona kaum noch Touristen nach Prag kommen.
Ja, die finanziellen Einbußen sind erheblich. Wir müssen jetzt äußerst sparsam haushalten und unternehmen große Anstrengungen, um Spender zu erreichen. Sehr wichtige Hilfe leisten der tschechische Staat und die Stadt Prag. Dafür sind wir dankbar, denn so können wir – mit leichten Einschränkungen – normal weiterfunktionieren.

František Bányai ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Prag. Die Fragen stellte Tobias Kühn.

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Polizei stellt Suche ein

Europol hat die Ermittlungen im Fall der in Wien vermissten Israelinnen übernommen. Auch der Mossad soll vor Ort sein. Es wird davon ausgegangen, dass Mutter und Tochter nicht mehr in der Stadt sind

 14.08.2026

Antisemitismus

»Schade, dass Hitler den Job nicht vollendet hat«

Ein Mann aus Irland äußerte sich bei einer Begegnung mit jüdischen Touristen in einem französischen Supermarkt antisemitisch und drohte dem Paar gar mit Erschießung.

 14.08.2026

Wien

Vermisste Israelinnen: Gerüchte sorgen für Aktiensturz

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter in Österreich haben Gerüchte in den sozialen Medien zu einem Kurssturz bei der israelischen Bank geführt, bei der eine der Frauen arbeitet

 13.08.2026

Italien

Ein Tempel für alle

Über der Biennale in Venedig schwebt eine Synagoge. Was sich die ukrainische Künstlerin Anna Kamyshan dabei dachte und wie sie es geschafft hat

von Sophie Albers Ben Chamo  13.08.2026

Judenhass

Tourist mit Kippa in Rom zweimal attackiert

Antisemitische Vorfälle in Italien nehmen seit Jahren zu. Nun wurde ein junger Tourist in der Hauptstadt gleich zweimal angegriffen. Er trug eine Kippa

von Severina Bartonitschek  12.08.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität

von Nicole Dreyfus  12.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Familie befürchtet das Schlimmste

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter gibt es neue Details. Unter anderem über die Unterkunft in Wien. In Israel wurde eine Nachrichtensperre erlassen

 12.08.2026 Aktualisiert

Schweiz

Den eigenen Weg gehen

Kollektive Begeisterung macht blind und dumm, ganz gleich, ob sie von rechts oder links kommt, findet Berns Botschafter in Israel. Und liefert literarische und filmische Quellen als Inspiration für das Schwimmen gegen den Strom

von Simon Geissbühler  11.08.2026

Frankreich

Schrecken der Milliardäre

Der jüdische Ökonom Gabriel Zucman fordert eine stärkere Besteuerung der Superreichen. Beim Geldadel stoßen seine Ideen jedoch auf heftigen Widerstand

von Christine Longin  11.08.2026