Schweden

»Es ist ein Privileg, mit ihm befreundet zu sein«

»Größtmöglicher Respekt«: Walter Frankenstein Foto: Uwe Steinert

»Die Nazis haben mich gezeichnet, Deutschland hat mich ausgezeichnet.« Das sagt der Schoa-Überlebende Walter Frankenstein. Den »Judenstern« und das Bundesverdienstkreuz, mit dem er vor zehn Jahren für sein Engagement als Zeitzeuge ausgezeichnet wurde, bewahrt er gemeinsam in einer Schatulle auf. »Beides gehört für mich zusammen«, meint Frankenstein, der in Stockholm lebt.

Am 30. Juni wird sein Telefon unentwegt klingeln, viele Besucher – sogar Mitarbeiter von Hertha lassen es sich nicht nehmen – werden kommen. Denn dann wird er 100 Jahre alt – und kann auf ein außergewöhnliches Leben zurückblicken, in dem er schwierige Situationen oft mit seiner »Frechheit«, seinem Humor, guten Freunden und viel Glück überstand, wie er stets betont. Seit 1956 lebt er mit seiner Familie in Schweden. Das gerahmte Porträtfoto seiner verstorbenen Frau Leonie begleitet ihn immer.

Die Fotos versteckte er im Grunewald - und fand sie später wieder

Als Jugendlicher bekam er eine Kamera von seiner Mutter geschenkt. Die vielen Fotos, die er gemacht hat, versteckte er 1942 in einer Schatulle im Grunewald. Später fand er sie wieder und stellte sie vor ein paar Jahren dem Jüdischen Museum Berlin zur Verfügung. Die Aufnahmen zeigen ihn mit seiner Mutter vor deren Geschäft im westpreußischen Flatow, wo er geboren wurde, eine andere ihn mit seinen beiden älteren Brüdern, die ins damalige Palästina emigrierten.

Ein späteres Foto hält einen Hochsprung bei einem Sportfest fest, das vom Berliner Auerbach’schen Waisenhaus organisiert wurde, in das er 1936 als Zwölfjähriger kam. Frankenstein nennt es die »Insel im braunen Meer«. Es war ein Ort, an dem er sich als jüdischer Jugendlicher sicher gefühlt hat. Dort lernte er auch seine spätere Frau Leonie kennen. Er absolvierte eine Maurerlehre und musste Zwangsarbeit leisten.

Die Familie traf sich später in Berlin wieder und beschloss, ins damalige Palästina auszuwandern.

1943 heirateten Leonie und Walter. Schließlich gingen sie mit ihrem sechs Wochen alten Sohn in die Illegalität. Leonie kam mit einer falschen Identität als ausgebombte Mutter mit ihrem ersten Sohn bei einer Bäuerin unter, Walter hingegen floh von einer Unterkunft zur nächsten und schaffte es, dank vieler Helfer, zu überleben. Ihr zweiter Sohn kam 1944 auf die Welt.

Die Familie traf sich später in Berlin wieder und beschloss, ins damalige Palästina auszuwandern. Leonie und die beiden Söhne konnten bald ausreisen, Walter erst später. Doch in Israel mochten sie nicht bleiben. 1956 zogen sie weiter nach Stockholm, da ein Freund aus dem Auerbach´schen Waisenhaus dort lebte und ihnen eine Wohnung überließ. Mit über 40 fing Walter Frankenstein noch ein Ingenieurstudium an.

Seine Zuneigung zu Hertha besteht seit fast 90 Jahren

Seit seiner Pensionierung reist er wieder nach Deutschland. Dort setzt sich Frankenstein für die Anbringung von Gedenktafeln und die Würdigung seiner früheren Helfer ein, geht zu vielen Spielen von Hertha. Seine Zuneigung zu dem Fußballverein besteht mittlerweile seit fast 90 Jahren. Mit seinen Freunden pilgerte er als Jugendlicher regelmäßig an die »Plumpe« in Gesundbrunnen, wo damals die Heimspiele der Blau-Weißen stiegen. Zur selben Zeit besuchte Frankenstein während der Olympischen Spielen gemeinsam mit seinem Onkel aber auch erstmals das Olympiastadion.

An jenen Ort, der in der Zwischenzeit zum »Wohnzimmer« von Hertha BSC geworden war, kehrte er erst knapp 82 Jahre später zurück. Seitdem pflegen der Hauptstadtclub und Frankenstein, der längst auch eine Mitgliedschaft abgeschlossen hat, engen Kontakt. »Walter Frankensteins Lebensgeschichte ist unglaublich bewegend. Dennoch hat er über all die Jahre die Liebe zu den Menschen genauso wenig wie zu unserem Verein verloren. Seine Bedeutung als Herthaner und Zeitzeuge, ob in Gesprächen mit Fans oder Nachwuchsspielern, kann nicht genug gewürdigt werden. Ihm gebührt der größtmögliche Respekt«, erklärt Geschäftsführer Thomas E. Herrich.

Frankensteins größte Motivation für seine Besuche in Berlin dürften die Begegnungen mit Schülern sein. »Was ich an Walter schätze, ist seine offene Art, auf Menschen zuzugehen. Er macht es jungen Menschen leicht, sich mit dem Thema Schoa auseinanderzusetzen«, sagt Sandra Witte, Mitarbeiterin der Israelischen Botschaft in Berlin, über ihn.

Sie begleitet ihn oft bei seinen Auftritten. »Ich bewundere sein sagenhaftes Gedächtnis: Er erinnert sich auch mit 100 Jahren noch präzise an Namen, Daten, Orte und Begebenheiten. Sein Humor ist wunderbar, und viele seiner Redensarten werden mich mein Leben lang begleiten.« Es sei ein Privileg, mit ihm befreundet zu sein.

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