Lettland

Entdeckung der Judenretter

Die Insel Kipsala ist eine schmale Landzunge im Daugavafluss gegenüber der Rigaer Altstadt. Wo heute die Reichen ihre Prachtvillen errichten, lebten früher Fischer und Handwerker, so wie Janis Lipke und seine Familie. Noch heute zeugt das kleine schwarze Holzhaus mit Hundehütte und Gemüsegarten von jenem Ort, an dem der Lette während der Schoa Juden vor dem Tod bewahrte. In einem unterirdischen Bunker habe Lipke sie nicht nur vor den mordenden Nazis versteckt, erklärt die Museumspädagogin Lolita Tomsone, sondern »er war auch von neugierigen Nachbarn umgeben, die jederzeit bereit waren, ihn an die deutschen Besatzer zu verraten«.

Lettlands Hauptstadt ist in diesem Jahr Europäische Kulturhauptstadt. Dabei soll es vor allem um die Kultur des Alltags gehen – eines Alltags, der in der Vergangenheit auch unbekannte Helden kannte. Die Veranstalter wollen dies zum Anlass nehmen, um an Janis Lipke und alle anderen zu erinnern, die Anfang der 40er-Jahre Juden retteten.

Wehrmacht Vor dem Holocaust waren Zehntausende Juden in Lettland zu Hause. Nur wenige überlebten. Nach einem Jahr des kommunistischen Terrors war Lettland Anfang Juli 1941 von der deutschen Wehrmacht besetzt worden. Die Nationalsozialisten sahen es auf die Vernichtung der Juden ab und fanden willige Helfer vor allem im lettischen »Selbstschutz«, einer paramilitärischen Freiwilligenorganisation.

Nach dem Krieg wurde Lettland erneut von der Sowjetmacht besetzt. Viele, die mit den Deutschen kollaboriert hatten, seien hart bestraft worden, sagt der Historiker Margers Vestermanis, der selbst den Holocaust in Lettland überlebt hat. Seit der Unabhängigkeit 1991 täten sich die Letten schwer, mehr Licht in die eigene Vergangenheit zu bringen, sagt Vestermanis. »Sie fühlen sich als Opfer der sowjetischen Besatzung und wollen sich nicht als Mittäter am Holocaust sehen.«

Vestermanis hat jahrelang in einer internationalen Historikerkommission die lettische Mithilfe an der Judenvernichtung untersucht – doch konnte er mit seinen Ergebnissen weder Politik noch Bürger erreichen. Deshalb macht er sich seit Langem für die Entdeckung der Judenretter in Lettland stark. Wenn man erst einmal die Retter ins lettische Bewusstsein gerückt habe, könne man auch das Thema »Mithilfe an der Schoa« leichter ansprechen, ist Vestermanis seit Jahren überzeugt. Doch inzwischen hat der heute 89-Jährige ein wenig resigniert: Es gebe zwar mitten in der Stadt ein Denkmal für die Judenretter, sagt er, »doch nur einmal im Jahr versammeln sich dort Politiker, Diplomaten und Bürger zum Holocaustgedenken. Sonst bleibt der Platz immer leer.«

Ähnlich sieht es auf der Insel Kipsala aus. Bereits vor sechs Jahren wurde neben dem einstigen Wohnhaus von Janis Lipke eine Gedenkstätte mit Museum eröffnet. Aber nur selten finden Einheimische den Weg dorthin. Die Letten seien seit 1990 vor allem mit sich selbst und ihrer Opferrolle im Sozialismus beschäftigt, sagt Museumsleiterin Lolita Tomsone. »Aber im Kulturhauptstadtjahr 2014 ist es an der Zeit zu entdecken, was damals im Krieg bei unseren Nachbarn geschehen ist.« Unter anderem wolle man die Menschen im Land mithilfe eines neuen Kinderbuchs an die Themen Judenretter und Holocaust heranführen: Der Junge mit einem Geheimnis, so der Titel. Darin wird die Judenrettung aus Sicht von Zigis Lipke erzählt, dem achtjährigen Sohn von Janis Lipke.

Mittäter Margers Vestermanis hat in den vergangenen Jahren mehr als 500 Letten ausfindig gemacht, die während der deutschen Besatzung in Städten und in der Provinz Juden vor den Nazis versteckten. In seinem Jüdischen Museum in der Skolasstraße hat er den Rettern eine eigene Abteilung gewidmet. Im Kulturhauptstadtjahr sollen demnächst 57 neue Namen in das Denkmal im Zentrum von Riga eingemeißelt werden. Vestermanis lässt nicht locker. Er will erreichen, dass sich die Letten endlich dem Thema ihrer Mittäterschaft am Holocaust öffnen. »Aber leider sieht es noch immer so aus, als sei die lettische Gesellschaft nicht bereit, sich moralisch zu befreien.«

Große Hoffnungen setzt Vestermanis in die nächste Generation. Im Kulturhauptstadtjahr sollen »die jungen Leute und das Gespräch« eine wesentliche Rolle spielen, sagt er. In einem Projekt werden zehn Schüler in den kommenden Monaten die letzten Überlebenden und Retter treffen, mit ihnen sprechen und kleine Porträtfilme drehen.

Unterstützung erhält Vestermanis von seinem Kollegen Martins Mitenbergs. Der bietet auf einer interaktiven Webseite www. pagridesriga.lv einen Stadtrundgang durch Riga an, auf dem sich die Geheimnisse so mancher Gebäude entdecken lassen. »Wie oft gingen die Bürger achtlos an ehemaligen Hochschulen, Cafés, Kinos oder Wohnhäusern vorbei, in denen während des Holocaust verfolgte Juden versteckt wurden?«, fragt Mitenbergs. Im Frühjahr lädt der Historiker zu persönlichen Führungen »auf den Spuren der Retter« ein.

Ghettomuseum Auch Rabbiner Menachem Barkhan befasst sich seit Jahren mit dem Thema. Er baut ein »Ghetto- und Holocaustmuseum« auf. Auf riesigen Stellwänden hat er die Namen der 70.000 Juden aufgelistet, die in Lettland ermordet worden sind. Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres sollen demnächst Tafeln aufgestellt werden mit den Namen jener 25.000 Juden, die 1941 und 1942 aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei nach Lettland deportiert wurden. Fast alle haben eine Zeitlang im Rigaer Ghetto zugebracht, das damals ausschließlich von Letten bewacht wurde.

Barkahn bemüht sich zu verstehen, warum die Mithilfe am Judenmord in Lettland noch immer verdrängt wird. Um das Schweigen der Menschen zu brechen, will er noch in diesem Jahr ein Denkmal für Janis Lipke enthüllen. Wie der Historiker Vestermanis ist er überzeugt, dass es nur über die Würdigung der Retter gelingen wird, in Lettland ein Bewusstsein für die Mitschuld an der Schoa zu schaffen.

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