Slowakei

Ende des Verdrängens

Ein wenig versteckt hängt die Tafel, die über lange Zeit die einzige Erinnerung an das Grauen war: »In den Jahren 1940 bis 1945 waren hier illegale Mitarbeiter des Widerstands, Teilnehmer am slowakischen Nationalaufstand und wegen ihrer Rasse Verfolgte eingesperrt«, heißt es darauf.

Die Jahre haben der gelben Schrift auf schwarzem Marmor stark zugesetzt. Jetzt ist die Tafel ein Teil des neuen Holocaust‐Museums im slowakischen Sered. Und genau genommen ist auch sie ein Exponat der aufwendig gestalteten Ausstellung: Wie sehr die Slowaken diesen Teil ihrer Geschichte über 70 Jahre hinweg vernachlässigt haben – dafür steht diese unscheinbare Tafel, die über Jahrzehnte der einzige Ort des Gedenkens an die Opfer war und die Juden mit keinem Wort erwähnt.

»Es kommen immer wieder Besucher, die sagen: Da vorne, da war ich während meines Militärdienstes einquartiert«, sagt Matej Beranek. Der Historiker ist Programmleiter des Museums. Er hat sein Büro in der hintersten der fünf Baracken, die zum Gelände der Gedenkstätte gehören.

Wenn er über die hohe Betonmauer schaut, die das Museum umgibt, sieht er auf dem benachbarten Grundstück eine große Halle, in der schwere Militärlastwagen in Tarnfarben geparkt sind. Die Kaserne ist noch in Betrieb. Sie war schon hier, bevor das erste Arbeitslager errichtet wurde. Und sie wurde wiedereröffnet, nachdem die Slowakei am Ende des Zweiten Weltkriegs befreit war. Generationen von jungen Soldaten haben hier, wo in den 40er‐Jahren Juden interniert und ermordet wurden, ihre Grundausbildung absolviert. Erst vor Kurzem ist zumindest ein Teil des Kasernengeländes zur Gedenkstätte geworden.

Anfänge »Wir hatten bislang mehr als 9000 Besucher. Die meisten von ihnen waren Schülergruppen, die oft auch an einem Seminar bei uns teilgenommen haben«, sagt Matej Beranek. Vor weniger als einem Jahr erst ist das Museum nach jahrelanger Vorlaufzeit eröffnet worden. Es ist die erste Gedenkstätte dieser Art in der Slowakei.

»Im Gebäude eins geht es um die slowakische Beteiligung am Holocaust, das Gebäude vier ist allen ermordeten Juden gewidmet«, sagt Beranek. Die Baracken dazwischen stehen leer, sie warten noch auf eine Renovierung.

Die Ausstellung selbst ist aufwendig gestaltet: In einem Kiesbett stehen Tafeln aus Metall und Glas, sie vermitteln einen Überblick über die Slowakei in der Zeit der Judenverfolgung. Es ist ein düsteres Panorama, das hier gezeichnet wird.

»Wir Slowaken haben uns ohne Zwang entschieden, die Juden loszuwerden«, fasst Beranek zusammen. Als Deutschland die Tschechoslowakei »zerschlug«, wie es im Nazi‐Jargon hieß, und zunächst die Gebiete der Sudetendeutschen und dann ganz Tschechien besetzte, wurde die Slowakei 1939 zum ersten Mal eigenständig.

Die Regierung stellte die Partei des katholischen Priesters Jozef Tiso. Im Jahr 1941 verabschiedete sie den sogenannten Judenkodex. »Die strengsten Rassengesetze gegen Juden sind slowakisch«, brüstete sich damals die Zeitung »Ludove Noviny« auf der Titelseite. »Inhaltlich war es vor allem ein ökonomischer Antisemitismus«, urteilt der Historiker Beranek. Es ging darum, das Eigentum der jüdischen Familien zu stehlen.

»Dieser Teil der Geschichte ist noch nicht aufgearbeitet, es gab keine große Selbstreflexion«, sagt Beranek. Selbst heute noch würden in der Slowakei Dinge am Zweiten Weltkrieg gelobt – dass Wohlstand herrschte, zum Beispiel. »Aber auf wessen Kosten? Sie haben eine Schicht der Gesellschaft bestohlen, die Juden – und als sie dann bestohlen waren, haben sie noch ihre Deportation beschlossen«, so Beranek.

Tatsächlich gab es 1942 eine Übereinkunft zwischen der slowakischen und der deutschen Regierung. Darin verpflichteten sich die Slowaken, für jeden Juden, den sie den Nazis auslieferten, eine »Aufwandsentschädigung« von 500 Reichsmark nach Berlin zu zahlen.

Zeitzeuge »Heute ist immer die Rede von Sered eins und Sered zwei«, sagt Pavol Gross. Er sitzt aufrecht auf seinem Sofa. Eine Dreiviertelstunde südwestlich von Sered lebt er in einem Plattenbau am Rande der Hauptstadt Bratislava. Als er kürzlich das erste Mal wieder dort war, wo sich früher das KZ befand, habe er gleich die Stelle erkannt, an der er mit seinen Eltern interniert war.

»Ich war sieben Jahre alt, meine Schwester drei Monate. Mit uns lag noch ein alter Mann in der Zelle. Wenn man sich abends hingelegt hat, war kein Zentimeter mehr Platz«, erinnert er sich.

Gross kannte das KZ in beiden Epochen, in der Phase eins und der Phase zwei. »Am Anfang war es ein Arbeitslager, betrieben von slowakischen Garden. Das war der Bodensatz der Gesellschaft. Sie trugen schwarze Uniformen, schwarze Mützen und ein Gewehr. Was wollten solche Primitiven sonst mehr?« Die zweite Etappe brach im Jahr 1944 an, als die Deutschen die Slowakei besetzten und auch die Hoheit über das KZ übernahmen.

Pavol Gross hat nach dem Krieg eine Karriere als Geologe gemacht. Er war für seine Feldarbeiten in der ganzen Slowakei unterwegs. Heute führt er seine Besucher in ein kleines Zimmer seiner Wohnung, in dem er seine beiden Leidenschaften während des Ruhestands pflegt: Ein Dutzend Modellflugzeuge hat er dort ausgebreitet – »die fliegen wirklich, und ich lasse sie regelmäßig in die Luft«, sagt er und deutet auf die Fernbedienung, die auf einem Sessel liegt. In einem Regal daneben ist seine Sammlung von Mineralien untergebracht. »Na ja, inzwischen bin ich ja selbst ein Fossil«, sagt er.

Das merke er immer, wenn er mit seinen Enkeln über die Kindheit spricht. »Für die sind das Geschichten aus einer anderen Welt«, sagt er. Er erzählt dann von seinem Vater, der Tischler war und damit vermutlich seiner ganzen Familie das Leben rettete.

»Man suchte damals Handwerker, und das hat uns wohl geschützt«, vermutet er. In Sered musste er in einer Tischlerwerkstatt für das Régime arbeiten. Die Bedingungen waren miserabel, aber zumindest war die Familie in Sicherheit.

So lief das mehr als zwei Jahre – bis zum slowakischen Nationalaufstand am 29. August 1944. Bürger lehnten sich gegen das klerikalfaschistische Régime von Jozef Tiso auf, gewannen die Oberhand und befreiten die drei Arbeitslager, die es in der Slowakei gab.

»Sie sagten uns: ›Geht heim!‹«, erinnert sich Pavol Gross. »Aber wo sollten wir hin? Die Werkstatt meines Vaters war arisiert, in unserer Wohnung lebten jetzt andere Slowaken.« Also versteckte man sich im Wald, viele Schicksalsgenossen gingen freiwillig zurück in die Lager.

Und dann kam bald die Zeit, die inzwischen als Sered zwei bekannt ist: Die Deutschen marschierten in die Slowakei ein, der Nationalaufstand wurde niedergeschlagen und die alte Regierung wieder eingesetzt. Nicht als Besatzer, sondern als Befreier wurden die Wehrmachtssoldaten damals in der offiziellen Lesart beschrieben. Sie griffen hart durch gegen die überlebenden Juden und die Aufständischen.

»Das Lager Sered stand ab da unter der Aufsicht von Alois Brunner, einem gefürchteten SS‐Mann«, sagt Pavol Gross, der mit seiner Familie wieder interniert wurde. »Tag für Tag gab es Prügel und ausgeschlagene Zähne.« Das einstige Arbeitslager wurde zur Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager, selbst am Tag der Befreiung im Jahr 1945 schickte Brunner noch einen letzten Zug auf den Weg.

Pavol Gross überlebte, und mit ihm seine Schwester und die Eltern. »Ich glaube nicht an Wunder«, sagt er und macht eine kurze Pause. »Aber das ist eines.«

Pogrome Doch die Ernüchterung kam schnell. Als die Familie, ausgelaugt von den Jahren im KZ, wieder in ihrem Heimatort Banovce ankam, begrüßte sie niemand. »Eine Frau raunte uns zu: ›Es kommen ja mehr von euch zurück, als weggegangen sind‹«, sagt Pavol Gross. »Das war der Moment, in dem uns klar war, dass wir dort nicht bleiben können.« Die Familie zog nach Bratislava. Von dort aus beobachtete sie, wie es in der Slowakei immer wieder zu Pogromen kam, auch lange nach dem Krieg.

Der Holocaust selbst war in der Slowakei ein Tabuthema: Die eigene Beteiligung verschwieg man, das KZ Sered wurde wieder in eine Kaserne zurückverwandelt. Auch die katholische Kirche bezog wegen der eigenen Verstrickungen nicht klar Position. Sie tut sich bis heute schwer mit dem Thema. Es ist also symptomatisch, dass es nach dem Krieg mehr als 70 Jahre dauerte, bis im vergangenen Jahr die erste Gedenkstätte eröffnet wurde.

Der Zeitpunkt ist indes pikant: Seit der Wahl im vergangenen März sind wieder Rechtsextreme im slowakischen Parlament vertreten. Die »Volkspartei – Unsere Slowakei« von Marian Kotleba kokettiert offen mit Symbolen aus dem Dritten Reich, und ihr Chef organisierte noch vor dem Einzug ins Parlament Demonstrationszüge, zu denen er in Fantasieuniformen antrat, die an die Nazis erinnern. Mehr als acht Prozent erhielt die Partei, die damit erstmals landesweit eine Rolle spielt.

Beobachter gehen davon aus, dass diese Entwicklung auch mit dem historischen Erbe zu tun hat, das noch nicht aufgearbeitet ist, teilweise nicht einmal vermittelt wird. In slowakischen Schulen ist zwar ein Block zum Zweiten Weltkrieg im Lehrplan vorgesehen, konkrete Ausgestaltung und Schwerpunkte obliegen allerdings den Lehrern.

Viele nehmen inzwischen die Angebote des Holocaust‐Museums in Sered an. Dort wird die Vergangenheit in zehn Workshops mühsam aufgedröselt: Darin geht es unter anderem um das KZ, um Jozef Tiso, den Judenkodex und die Nachkriegssituation.

Viele Schüler gehen betroffen nach Hause. Augenzeugen erzählen aber auch Geschichten von Halsstarrigkeit und Schoa‐Leugnung: von jenem Schüler zum Beispiel, der mit Tiso‐T‐Shirt zum Seminar kam und behauptete, die damalige Regierung habe 40.000 Juden vor den Nazis gerettet. Immer wieder komme es zu Diskussionen mit Teilnehmern, die sich den Zahlen verschlössen.

Pavol Gross, der Holocaust‐Überlebende, sitzt in seiner Wohnung in Bratislava und schüttelt den Kopf. Natürlich weiß er, wie schwierig es ist, beim Blick in die Vergangenheit ganz von vorne anzufangen. Das ist einer der Gründe dafür, dass er vor Schulklassen spricht, wenn er gefragt wird, und immer wieder seine Familiengeschichte erzählt. Und die Nazis im Parlament, die Partei um Marian Kotleba, machen die ihm keine Angst? Pavol Gross antwortet: »Wenn Kotleba zu Besuch kommen möchte, lade ich ihn sofort ein.« Auch ihm würde er seine Geschichte erzählen – gerade ihm.

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