Ukraine

Eine Stadt wacht auf

Lemberg – dieses Wort hatte einen besonderen Klang in den Ohren der Juden Europas. Einst als das Jerusalem des Ostens bekannt, war es das kulturelle Zentrum Galiziens. Während der Schoa eines Großteils ihrer jüdischen Bevölkerung beraubt, darbte die Stadt lange im Grau des Ostblocks, weit hinter dem Eisernen Vorhang.

Die Abwanderung nach Israel, in die USA und nach Deutschland ließ die Reste der jüdischen Gemeinde schwinden. Doch seit einigen Jahren besinnen sich viele junge Juden und Nichtjuden der Wurzeln der Stadt, beleben die jüdische Musik, Kunst und die Gemeinde.

theater Eine von ihnen ist Alexandra »Sascha« Somisch. »Ich bin seit meiner Kindheit im Theater unterwegs. Schon in den 90er‐Jahren wurde das jiddischsprachige Theater in Lemberg wiederbelebt«, erzählt sie. Schauspieler wie Somisch knüpfen damit an eine mehr als 100 Jahre alte Tradition des jiddischen Theaters in Lwiw an, wie die Stadt auf Ukrainisch heißt.

1889 war Lemberg Gründungsort von »Gimpels Theater«. Die Bühne machte die Stadt zum Zentrum der jüdischen Thea­terwelt Osteuropas. Viele Schauspieler gingen später an die jiddischsprachigen Bühnen New Yorks. Heute fahren Lemberger Künstler dorthin, um Jiddisch zu lernen. Auch Somisch war dort. »Ich würde es gern noch besser können und dazu beitragen, diese schöne Sprache am Leben zu erhalten.«

Zusammen mit ihrer Chefin Ada Dianova von der Lemberger Kulturorganisation Hesed Arieh schrieb Somisch ein Stück über das Schicksal der Lemberger Jüdin Janina Hescheles. Die war als Kind von Nichtjuden versteckt worden und überlebte dadurch die Schoa. »Sie wollte nie wieder in die Stadt zurückkehren, aber ihre Kinder haben sie überredet«, erzählt Somisch, die in dem Stück die Rolle der Janina spielte. »Das hat sie unglaublich gerührt und mit dieser Stadt versöhnt. Sie nennt uns jetzt ihre Lemberger Familie, und wir sind bis heute regelmäßig in Kontakt mit ihr«, erzählt Somisch.

Klezmer Auch musikalisch wurde das jüdische Lemberg in den vergangenen Jahren wiederbelebt. In der Stadt, in der einst die Broder‐Sänger in den Kneipen die Leute unterhielten, ist heute der Klezmer wieder zu Hause. »Eigentlich konnte ich gar nicht professionell singen, aber ich habe mich in die Klezmermusik verliebt«, erzählt Sascha Somisch. »2007 habe ich meine eigene Band gegründet. Heute besteht die Gruppe ›Varnitshkes‹ aus 16 Musikern im Alter zwischen 15 und 80 Jahren.«

Mit der Bandgründung wuchs auch in der Stadt das Interesse am Klezmer. Gemeinsam mit anderen Künstlern stellte Somisch das »Lviv Klezfest« auf die Beine. Das größte Klezmerfest in Galizien wächst seitdem ständig und ist zu einem der bekanntesten in der Ukraine geworden. Oft organisiert Somisch die Events mit nur ganz wenig Geld. »In einem Land, in dem Krieg herrscht, bleibt für Kultur nicht viel übrig«, sagt sie. Der Krieg, den Russland im Donbass gegen die Ukraine führt, hat auch ihr Verhältnis zu ihrem Heimatland verändert. »Früher habe ich gesagt, dass ich eine Weltbürgerin bin. Heute bin ich Ukrainerin. Unser Land braucht unsere Unterstützung«, sagt Somisch.

Sie selbst stammt aus einer »bunten Familie«, wie sie gern sagt: Der eine Großvater war ein Jude aus Charkiw, der andere ein Ukrainer aus den Karpaten; eine Großmutter war Russin, die andere ukrainisch. Somisch will Brücken bauen zwischen den Kulturen. »Denn Ukrainer können die jüdische Kultur besser verstehen, wenn sie öfter damit in Kontakt kommen.«

auswanderung Auch Sascha Nazar trägt dazu bei, dass das Judentum in Lemberg wieder sichtbar wird. »Ich habe von 1991 bis 2005 die Sonntagsschule hier besucht. Das war ein wichtiger Treffpunkt.« Schon Nazars Großeltern wa­ren in der jüdischen Gemeinde aktiv. Sein Großvater, der in Bessarabien geborene Boris Dorfman, gilt als der letzte Jiddisch‐Muttersprachler in Lemberg.

Er kann sich noch gut an Lembergs jüdisches Leben vor einigen Jahrzehnten erinnern. »Unser Kulturzentrum war voll mit Menschen. Es gab eine Jeschiwa. 20.000 Juden lebten in der Stadt«, erzählt sein Enkel. Doch vor allem in den 90er‐Jahren gingen viele von ihnen nach Israel, in die USA oder nach Deutschland. Die Reihen leerten sich. »Heute gibt es hier kaum noch 2000 Gemeindemitglieder.«

Auch die Sonntagsschule wurde 2005 aufgegeben. »Da hat mir etwas gefehlt.« Im Jahr 2008 kam Sascha Nazar dann erstmals zurück in die alte chassidische Sy­nagoge, die als eine von zweien die Schoa überdauert hat und bis 1962 als letzte unter den Sowjets geöffnet war. »Das Dach drohte einzustürzen«, sagt er.

wurzeln Er begann, andere junge Erwachsene an­zusprechen, die jüdische Wurzeln hatten, und mit der Zeit engagierte er sich immer mehr. 2010 initiierte die Gruppe einen gemeinsamen Schabbat. »Die Idee dahinter ist, vor allem jungen Menschen ihre jüdischen Traditionen näherzubringen.« So wird der Schabbat dort wie in der Familie begangen. »Ich lese den Segen, und wir reichen Challa. Danach sprechen wir über die Tora oder über jüdische Traditionen«, erklärt Sascha Nazar.

Freitags besuchen die jungen Menschen ältere Gemeindemitglieder zu Hause und bringen ihnen Challot. Für viele junge Besucher sei es der erste Kontakt mit der Kultur ihrer Großeltern, sagt Nazar. »Viele wissen kaum etwas über diese Traditionen, denn in der Sowjetunion war das Praktizieren von Religion sehr beschränkt.«

Seit 2014 leitet Nazar ein Freiwilligenzentrum. Er begann, mit den jungen Leuten jüdische Friedhöfe von Unkraut zu befreien, Müll und Schutt aus den verfallenen Synagogen zu räumen. In der Kleinstadt Staryj Sambir setzten sie vergangenen Sommer ein neues Dach auf die alte Synagoge. Als Nächstes wollen sie die alte Glanzer‐Schul in der Krakauer Vorstadt wieder auf Vordermann bringen, ein kleines Museum einrichten und den großen Saal für Kulturveranstaltungen herrichten.

Auch für Lembergs jüdische Gemeinde hat Nazar Hoffnung. Viele junge Juden be­suchen die Stadt und interessieren sich für die Herkunft ihrer Großeltern und das jüdische Erbe der Region. »Vielleicht bleiben einige hier«, sagt er. Schließlich habe man in Polen eine ähnliche Entwicklung erlebt.

GEdichte Eine der jungen Jüdinnen, die das reiche jüdische Erbe der Stadt fasziniert, ist Asya Gefter. »Vor zweieinhalb Jahren haben mich Freunde aus Russland und der Ukraine nach Lwiw zum Buchforum eingeladen«, erzählt sie. Die größte Buchmesse der Ukraine zieht jedes Jahr Zehntausende Besucher und Hunderte Autoren an.

In Lemberg hörte Gefter dann erstmals von einer der vergessenen Töchter der Stadt, der jiddischsprachigen Dichterin De­bora Vogel. »Ich war sofort fasziniert von ihr«, sagt sie. Vogel war eine aktive Schriftstellerin im Vorkriegs‐Lemberg und eng mit dem Schriftsteller Bruno Schulz befreundet. Neben Gedichten schrieb sie auch Artikel für die Kulturseiten der jiddischsprachigen Presse der Stadt. 1942 wurde sie im Ghetto von Lemberg zusammen mit ihrem Mann und dem fünfjährigen Sohn ermordet. Lange blieb sie vergessen, doch nach einigen Übersetzungen ihrer Gedichte wächst das Interesse an ihr wieder.

»Ich habe dann 2016 viel Zeit über das Jahr verteilt hier verbracht, Menschen interviewt, fotografiert und gefilmt«, erzählt Asya Gefter. Während dieses Monats entdeckte die Künstlerin viele der Gebäude des jüdischen Lemberg. »Ich bin erstmals im ehemaligen jüdischen Museum gewesen, das dann ein zentrales Motiv meiner Ausstellung wurde«, sagt sie.

ausstellung Im September vergangenen Jahres war die Ausstellung fertig. In der Schau mit dem Titel Fragments of Memory zeigte Gefter Fotografien und Videos von vorrangig jüdischen Orten der Stadt und setzte sie in Bezug zu Zitaten und Gedichten von heutigen und früheren Künstlern aus Lemberg. »Die Ausstellung gibt mir die Möglichkeit, das Leben der Menschen hier in der einen oder anderen Weise zu berühren.«

Asya Gefter ist froh, dabei helfen zu können, das Leben und Wirken von Debora Vogel aus der Vergessenheit zu holen. »Ich bin nicht die Erste, die sich mit ihr beschäftigt, aber ich kann zumindest etwas dazu beitragen«, sagt sie.

Als nächstes Projekt will Gefter Menschen zusammenbringen, die Zeitzeugen befragen. »Leider gibt es hier kaum noch Menschen, die bereits vor der Schoa in der Stadt gelebt haben«, sagt sie. Lemberg hat während der Schoa fast das gesamte jüdische Drittel seiner Vorkriegsbevölkerung verloren. Zudem wiesen die Sowjets nach dem Krieg fast alle polnischen Einwohner der Stadt nach Polen aus und tauschten sie im Gegenzug mit Ukrainern aus dem heutigen Ostpolen aus.

Doch bevor es ans nächste Projekt geht, will Gefter erst einmal mit ihrer derzeitigen Ausstellung auf Reisen gehen. »Die Geschichte von Lemberg ist ein Mikrokosmos des 20. Jahrhunderts. Das kann man überall zeigen.«

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