Syrien

Eine fast verschwundene Gemeinde

Die Al-Frenj-Synagoge in Damaskus, das letzte noch funktionierende jüdische Bethaus im Land Foto: Rania Kataf

Syrien

Eine fast verschwundene Gemeinde

Die Fotografin Rania Kataf hat sich mit der Kamera im alten jüdischen Viertel von Damaskus umgesehen

von Jérôme Lombard  12.12.2020 17:38 Uhr

Wer heute durch das jüdische Viertel in der Altstadt von Syriens Hauptstadt Damaskus streift, muss ganz genau hinschauen, um Spuren dieser einst größten jüdischen Gemeinschaft im arabischsprachigen Raum zu finden. Da ist zum Beispiel die alte Schule inmitten einer staubigen kleinen Gasse, an deren Türsturze man noch den eingravierten Davidstern erkennen kann.

Da ist der ehemalige Shamaya-Palast – früher eines der prächtigsten Häuser im Viertel, heute enge Wohnungen in schlechter Bausubstanz –, an dessen Eingang man ein steinernes Fresko der abgerissenen Privatsynagoge finden kann. Da ist die historische Al-Frenj-Synagoge, das letzte noch funktionierende jüdische Bethaus im Land.

Architektur Die syrische Dokumentarfotografin und Journalistin Rania Kataf hat sich in ihrer Heimatstadt mit der Kamera auf die Suche nach den architektonischen Spuren des einst so vielfältigen jüdischen Lebens in Damaskus gemacht. Entstanden sind bewegende fotografische Einblicke in das Innenleben einer aus biblischen Zeiten stammenden Gemeinschaft, die im Jahr 2020 im Verschwinden begriffen ist. Von den ehemals 30.000 bis 50.000 Juden in ganz Syrien vor dem Zweiten Weltkrieg sind heute nur noch wenige verblieben, genau gesagt zwölf Menschen, die alle fortgeschrittenen Alters sind und in Damaskus leben.

Rania Kataf hat während ihrer Recherchen einige der letzten verbliebenen Juden in der Stadt zum Gespräch über ihr Land und ihre Identitäten zwischen arabisch, jüdisch und syrisch getroffen.

Zu sehen sind die Fotos aus der Hauptstadt eines durch den seit Jahren im Land wütenden Bürgerkrieg gezeichneten Staates derzeit in der Ausstellung Tür an Tür – Syrisch-jüdische Geschichte(n) im Projektraum SCOTTY in Berlin-Kreuzberg. Wegen der Corona-Pandemie sind die Aufnahmen im Rahmen eines virtuellen Rundgangs online zu sehen. Die Interviews werden in einer Publikation zugänglich gemacht.

Kuratorin »Die Fotos von Rania Kataf berühren und werfen mit dem Blick auf die architektonischen Spuren aus der Vergangenheit die Frage auf, was es heute noch an jüdischem Leben in Syrien gibt«, sagt Ausstellungskuratorin Tanja Lenuweit. Dass 2020 überhaupt noch Juden in Damaskus leben, habe sie selbst überrascht. »Die Interviews, die Rania Kataf mit Gemeindemitgliedern geführt hat, geben spannende Einblicke in die Gedankenwelt dieser Menschen«, sagt Lenuweit.

Die Ausstellung ist Teil des Projektvorhabens »Der Gang der Geschichte(n)«.

Die Ausstellung ist Teil des Projektvorhabens »Der Gang der Geschichte(n)«. Das Projekt untersucht Narrative über Juden, die Schoa und Israel in Herkunftsländern von Zugewanderten und den entsprechenden Communitys in Deutschland. Das Ziel dabei: Grundlagenwissen zu gewinnen und dieses für die politische Bildung nutzbar zu machen. Gefördert wird das Projekt der Initiative »Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung« von der Bundeszentrale für politische Bildung sowie vom Auswärtigen Amt.

Geschichten »Die Nachforschungen von Rania Kataf und die Geschichten, die sie über die letzte verbliebene Generation von Juden in Damaskus zusammengetragen hat, ist die erste von den auf direkten Erzählungen basierenden Publikationen, die wir im Rahmen des Projektes erarbeiten wollen«, sagt Kuratorin Lenuweit.

In der Publikation werden Geschichten wie die von Albert Qamoo zu finden sein. Der 1940 in Damaskus geborene Mann ist das letzte Mitglied seiner Familie, das noch in Syrien lebt. Rania Kataf hat sich im Oktober 2019 mit dem Vorsitzenden der kleinen jüdischen Gemeinschaft in Damaskus zum Interview getroffen und seine Geschichte aufgeschrieben. In dem Gespräch erzählt Qamoo über das Zusammenleben mit der muslimischen Mehrheit im Wechsel der Zeiten, die radikalen Veränderungen durch die Staatsgründung Israels und darüber, was es bedeutet, im heutigen Syrien jüdisch zu sein.

In Qamoos Erzählungen schwingt stets eine gewisse Melancholie mit über eine Gemeinschaft und ein Leben, das es schon seit Langem nicht mehr gibt. Aber auch der Wille der letzten verbliebenen Gemeindemitglieder, das jahrhundertealte Erbe ihrer Vorfahren wachzuhalten, wird deutlich spürbar.

Die Ausstellung ist noch bis zum 19. Dezember im Projektraum SCOTTY, Oranienstraße 46, in Berlin zu sehen. Als Projektraum trotz Corona geöffnet donnerstags und freitags von 15 bis 19 Uhr und samstags von 14 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung.

Virtueller Rundgang online unter https://vimeo.com/479565774

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