Interview

»Ein paar Verrückte gibt es«

Daniel Sieradski (32) gilt als jüdische Stimme der »Occupy Wall Street«-Bewegung. Er gehört zu den Gründern des linken jüdischen Blogs »Jewschool« und bloggte außerdem als »Orthodox Anarchist« und unter der Überschrift »Radical Torah«. Von 2007 bis 2009 war er Direktor für elektronische Medien bei der Jewish Telegraphic Agency in New York. Die Wochenzeitung Forward zählt Daniel Sieradski zu den 50 einflussreichsten Juden in Amerika.

Herr Sieradski, wann haben Sie angefangen, sich für die »Occupy Wall Street«-Bewegung einzusetzen?
Ein Freund von mir war bei der ersten Vollversammlung der Initiative. Er erzählte mir, es sei eine Katastrophe gewesen, die Leute hätten kaum Erfahrung. Ich habe sie dann besucht und dachte zuerst: Das sind lauter weiße Collegekids, mit denen verbindet mich nicht viel.

Warum sind Sie doch wieder hingegangen?
Ich wollte ein Gefühl dafür bekommen, was da abläuft. Ich war schon lange in der Antikriegs‐ und Antiglobalisierungsbewegung aktiv. An Erew Rosch Haschana habe ich dann versucht, im Zuccotti‐Park ein Potluck Dinner zu organisieren. 30 Leute kamen zusammen, und es war wirklich nett. Ein paar Tage später bekam ich eine Mail von Rabbi Arthur Waskow: Ich solle versuchen, einen Kol‐Nidre‐Gottesdienst zu organisieren. Ich dachte: Der Typ hat sie nicht mehr alle. Es war drei Tage vor Jom Kippur!

Wie haben Sie es dennoch geschafft?
Ich studierte die Haftara von Jeschajahu, die wir am Morgen des Jom Kippur lesen, und alles ergab so viel Sinn! Im Text heißt es: »Was ist das Fasten, das ich von dir verlange? Du sollst die Nackten und die Obdachlosen kleiden, den Hungrigen zu essen geben.« Also schrieb ich einen Blogeintrag und warb auf Facebook. Ich hoffte, wir würden 20 Leute zusammenkriegen, einen egalitären Minjan. Aber innerhalb eines Tages meldeten sich 100 Leute an, zwei Tage später waren es bereits 600. Am Ende kamen rund 1.000 – eine Riesenmenge. Es wurde die tiefste religiöse Erfahrung meines Lebens.

Und dann?
Dann beschlossen wir, Sukkot zu feiern. Ich rief meine Freunde bei Chabad an, und sie stellten uns eine Pop‐Up‐Sukka zur Verfügung. Es war uns aber im Zuccotti‐Park nicht erlaubt, Hütten aufzubauen. Wir hatten deshalb Journalisten informiert sowie juristische Beobachter, und es gab eine Klezmerkapelle. Ich schlief die erste Nacht in der Sukka. Es regnete.

Aber sonst lief alles glatt?
Nun ja, am nächsten Tag wollte die Polizei den Park räumen, unter dem Vorwand, er müsse gesäubert werden. Wir stellten die Sukka also in der Mitte auf. Wenn die Polizei den Park räumen wollte, musste sie mich mit Gewalt aus der Sukka ziehen – und das in einer Stadt, in der 20 Prozent der Einwohner Juden sind. Als am Morgen die Polizei kam, waren 5.000 Leute da, um sie zu stoppen. Es kam letztlich nicht zur Räumung, aber im Chaos wurde die Sukka so beschädigt, dass sie nicht mehr von allein stehen konnte.

Das war dann das Ende von Sukkot im Zuccotti‐Park …
Nein, ich zog abends los und kaufte eine viel schönere Sukka. Und ich sagte zu den anderen: Hört zu, wenn ihr Juden seid, dann baut euch Hütten, denn die Halacha verpflichtet uns dazu. Am Ende sagten die Besetzer: Heute sind wir alle Juden.

Aber zahlreiche Medien haben berichtet, die »Occupy Wall Street«-Bewegung sei antisemitisch.
Die Einzigen, die eklig zu uns gewesen sind, waren rechte Juden. Alle anderen waren total nett und liebevoll.

Aber Sie hatten auch Ärger mit Nichtjuden, die Ihnen nachsagten, Sie seien ein Rassist.
Es gab ein paar Verrückte mit Schildern wie »Zionistische Bankiers kontrollieren Wall Street«. Vor allem ein betrunkener Obdachloser, der schon Wochen zuvor dort im Park umherlief. Er sprach für niemanden.

Als ich im Zuccotti‐Park war, bekam ich Flugblätter in die Hand gedrückt, auf denen stand, an 9/11 sei der Mossad schuld.
Ach, die »Truther«-Bewegung, die Antizionisten. Das ist eine andere Geschichte. Die unterscheiden sich von den normalen Antisemiten, die ihren Hass auf einen irrationalen Glauben stützen. Aber daneben gibt es auch noch Verschwörungstheoretiker, die auf politische und sozioökonomische Probleme hinweisen. Viele von ihnen sind Anhänger von Ron Paul – sie sind eigentlich Rechte. Sie halten die Federal Reserve, die amerikanische Zentralbank, für eine Verschwörung, hinter der die Juden stecken, und so weiter. Eigentlich sind das rechte Nationalisten …

… die zu »Occupy Wall Street« gehören.
Nein. Sie beteiligen sich weder an der Vollversammlung noch an Arbeitsgruppen. Sie übernachten auch nicht dort, sie sind nur immer wieder im Park aufgetaucht. Und dann gibt es noch Leute, die der israelischen Besatzungspolitik kritisch gegenüberstehen und denken, dass Amerika diese nicht militärisch unterstützen sollte. Ich betrachte diese Leute nicht als antisemitisch, obwohl mich beunruhigt, dass sie sich nur auf ein einziges Beispiel des westlichen Imperialismus konzentrieren.

Und mit wem genau hatten Sie nun ein Problem?
Mit radikalen propalästinensischen Aktivisten, also mit Antizionisten, die glauben, man sei Rassist, wenn man die Existenz des Staates Israel unterstützt. Das sind Leute, die Menschenrechte für jedermann wollen – außer für Juden. Ich glaube aber, die Frage, ob eine Zwei‐Staaten‐Lösung für Israelis und Palästinenser rassistisch sei, sollte die »Occupy Wall Street« nicht beschäftigen. Das war der Streit, den ich mit diesen Leuten hatte.

Wie ging er aus?
Sie beharrten: Wenn du den Staat Israel unterstützt, dann unterstützt du Rassismus. »Occupy Wall Street« sei aber antirassistisch, und ich sollte deshalb nicht Teil der Bewegung sein. Ich finde das unfair. Dieses Thema hat nichts mit der sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeit zu tun, mit der sich Amerikaner herumschlagen. Grundsätzlich führe ich die Diskussion mit diesen Menschenrechtsaktivisten sehr gern, aber nicht bei »Occupy Wall Street«. Darum geht es bei unserer Bewegung nicht.

Gibt es viele propalästinensische Aktivisten bei »Occupy Wall Street«?
Ja, aber die meisten von ihnen vertreten die Linie: Wir wollen, dass Israelis und Palästinenser friedlich Seite an Seite leben. Nur ein paar gehören zu jener Fraktion, die eine Ein‐Staaten‐Lösung für das einzig Gerechte hält. Jedenfalls gilt das für New York. Ich kann nicht für Auckland oder Boston sprechen, wo die Leute ihren propalästinensischen Aktivismus viel ernster nehmen.

Zum Schluss noch eine Frage: Was ist Gerechtigkeit?
Ich kann Ihnen vor allem sagen, was Ungerechtigkeit ist. Wir brauchen als Gesellschaft ein Gespräch darüber, was Gerechtigkeit bedeuten könnte. Wie sähe eine Situation aus, in der wir uns alle respektiert fühlen, in der niemand diskriminiert wird? Ich kann nicht sagen, was Gerechtigkeit ist, da sie für jeden Menschen in seinem Dilemma etwas anderes bedeutet. Sie ist etwas Subjektives.

Das Gespräch führte Hannes Stein.

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