Porträt

Ein jüdischer Held

Präsident Wolodymyr Selenskyj am 13. März in Kiew Foto: IMAGO/UPI Photo

Bei seinen abendlichen Videobotschaften ist dem stets mit einem olivgrünen Pullover oder T-Shirt gekleideten Staatschef Wolodymyr Selenskyj die Erschöpfung ins Gericht geschrieben. Doch mit der kratzigen Stimme des früheren Schauspielers schafft der 44-Jährige es auch nach fast einem Jahr Krieg, die Menschen wachzurütteln.

Er ruft zum Durchhalten auf. Vor allem der Winter mit den Stromausfällen, der Dunkelheit und Kälte, verursacht durch die russischen Drohnen- und Raketenangriffe auf die Energieinfrastruktur, verlangt dem Präsidenten und Millionen Ukrainern alles ab.

Viele Menschen beklagen, dass von den Milliardenhilfen für die Ukraine, deren Haushalt längst abhängig ist von der Unterstützung des Westens, kaum etwas bei ihnen ankomme. Dass Selenskyj bei seinem ersten offiziellen Auslandsbesuch in den USA im Dezember gefeiert wurde wie ein Superstar, dort vom Magazin »Time« zur Person des Jahres gewählt wurde und auch sonst im Westen wie ein Held verehrt wird, feiern seine Anhänger zwar als Triumph. Aber nicht alle Ukrainer teilen Selenskyjs Optimismus, dass am Ende dieses Krieges ein Sieg des Landes stehen wird. 

Sicher ist aber: Kein Präsident der Ukraine hat international je solch eine Bekanntheit erlangt – und solch einen Einfluss auf die Weltpolitik. Bis zu seiner Wahl 2019 war der Mann, der Rechtswissenschaften studiert hat, aber nie als Jurist arbeitete, ein erfolgreicher Komiker und Produzent. Mit einem historisch guten Ergebnis von 73,2 Prozent der Stimmen im Rücken versprach Selenskyj damals, Frieden und Wohlstand zu bringen. Es kamen Krieg und Armut.

Statt Flucht bot Selenskyj Kremlchef Putin die Stirn

Gleichwohl bewundern viele Ukrainer den Mut, mit dem Selenskyj Kremlchef Wladimir Putin beim russischen Angriff am 24. Februar die Stirn bot. Die Geschichte kennt viele Beispiele, in denen Präsidenten das Weite suchten. »Wir sind alle hier. Unsere Soldaten sind hier. Die Bürger sind hier. Wir sind alle hier, um unsere Unabhängigkeit zu verteidigen. Und das wird so bleiben«, sagte Selenskyj damals.

Er hat es nicht nur geschafft, die Führung weitgehend zusammenzuhalten - und damit Russlands Hoffnung auf einen raschen Zerfall der Regierung zerstört. Der Kommunikationsprofi, der die sozialen Medien meisterlich beherrscht, hat im Westen eine Welle beispielloser Unterstützung mobilisiert.

Auch wegen seiner fast täglichen Versprechen, alle besetzten Gebiete der Ukraine zu befreien, und der vielen Erfolge dabei gilt er vielen gut ein Jahr vor der Präsidentenwahl in der Ukraine als unantastbar. Der in der immer wieder auch beschossenen Industriestadt Krywyj Rih am 25. Januar 1978 geborene Selenskyj, der mit seiner Frau Olena zwei Kinder hat, wird von weiten Teilen der Bevölkerung vor allem auch wegen seiner menschlichen Art geschätzt.

2023 für Selenskyj ein entscheidendes Jahr - Konkurrenz in Sicht

Selenskyj war jahrelang in der populären TV-Comedy-Serie »Diener des Volkes« in der Rolle des Präsidenten zu sehen. Aber 2023 dürfte für ihn nicht nur auf dem Schlachtfeld des Krieges, sondern auch innenpolitisch entscheidend werden. Es ist das Jahr der Vorbereitung auf die nächste Präsidentenwahl, die im März 2024 angesetzt werden dürfte - falls das Kriegsrecht sie nicht stoppen sollte.

Wer in Kiew auf der Straße nach dem beliebtesten Ukrainer fragt, bekommt allerdings sehr oft auch einen anderen Namen zu hören: den des Oberkommandierenden Walerij Saluschnyj. Den 49-Jährigen halten viele Ukraine wegen der vielen Niederlagen der russischen Invasoren für den eigentlichen Helden des Krieges. Da hilft Selenskyj auch nicht, dass er sich – anders als Kremlchef Putin – immer wieder an der Front tapfer auch ohne Helm und Schutzweste zeigt.

Zwar hat Saluschnyj, dessen Porträts es an Souvenirständen in Kiew zu kaufen gibt, bisher keine Ambitionen auf das Präsidentenamt erklärt. Aber Selenskyj hat längst den Ruf weg, politische Konkurrenten aus dem Feld zu räumen, falls sie seine Macht gefährden könnten. Dem früheren Schauspieler wird nachgesagt, nicht nur gern die Hauptrolle selbst zu spielen, sondern auch süchtig nach Applaus zu sein.

So eng das Land im Krieg zusammensteht, der Machtkampf in Kiew dürfte in den kommenden Monaten an Fahrt gewinnen. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko gilt aktuell als wichtiger Konkurrent. Alle Versuche Selenskyjs, den Ex-Boxweltmeister loszuwerden, scheiterten bisher. Im Krieg treten die beiden nicht gemeinsam auf.

Kritik an Selenskyjs Umgang mit US-Warnungen vor Putins Kriegs

Auch an Selenskyj gibt es Kritik. Dass er im Westen glorifiziert wird, ist für viele Ukrainer, die den politischen Betrieb für durch und durch korrupt halten, kaum nachvollziehbar. »Ich habe Selenskyj gewählt 2019, weil er versprochen hat, den Krieg im Donbass zu beenden«, sagt ein älterer Mann in Kiew auf dem spärlich beleuchteten Prachtboulevard Chreschtschatyk mit Blick auf den seit 2014 schwelenden Konflikt in der Ostukraine. Über Selenskyj werde kaum öffentlich gesprochen. Viele seien zu beschäftigt mit ihrem Leben. Eine Frage, die aber sehr wohl diskutiert wird, ist Selenskyjs Umgang mit den US-Geheimdienstinformationen und Warnungen vor dem Krieg. Die Gefahr eines Angriff Putins hatte er stets heruntergespielt.

Die Folge: Tausende Ukrainer überlebten wegen fehlender Warnungen und rechtzeitigen Evakuierungsmaßnahmen nicht. »Präsident Selenskyj gibt keine Antwort auf die Frage, warum genau er gelogen und es versäumt hat, sich auf den Krieg vorzubereiten«, sagte der bekannte Journalist Jurij Butussow im November. Auch der Rollenwechsel Selenskyjs zum harten Kämpfer werde ihm nicht helfen, sich der Verantwortung für die Versäumnisse vor dem Krieg zu entziehen, meinte der Chefredakteur der Nachrichtenseite censor.net. Solche Meinungen sind eher selten, auch weil es eine Kriegszensur in der Ukraine gibt. Dabei hatte Selenskyj, dem bisweilen autoritäre Tendenzen nachgesagt werden, schon vor dem Krieg etwa prorussische Medien verbieten lassen.

Insgesamt ist die Kritik am Präsidenten auch verhalten, weil niemand in den Verdacht geraten will, russischer Kriegspropaganda Vorschub zu leisten. Moskau hält Selenskyj für eine Marionette der USA.

Karlspreis für Selenskyj: »Vorbild für sein Volk«

Klar ist aber auch, dass viele Ukrainer und wohl auch der Kreml, Selenskyjs Standhaftigkeit unterschätzt haben. Noch im Januar fand über die Hälfte der Ukrainer in einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie, dass Selenskyj die Rolle des Befehlshabers bei einer russischen Invasion nicht effektiv ausfüllen könne. Mit Kriegseintritt änderte sich das schlagartig.

Aus dem adrett gekleideten Mann mit dem jungenhaften Gesicht wurde ein demonstrativ kämpferischer Mann mit Dauerdreitagebart. Selenskyjs Zustimmungswerte stiegen auf über 90 Prozent, nachdem im Dezember vor einem Jahr zwei Drittel der Ukrainer sein Handeln noch abgelehnt hatten. Vergessen waren die Skandale um Firmenkonstruktionen in Steuerparadiesen und Postenvergaben an gute Freunde. Und gerechtfertigt schien sein Durchgreifen gegen Andersdenkende.

Kürzlich hat die Karlspreisgesellschaft Aachen ihm dem Preis für die Einheit Europas 2023 zu erkannt. Unter Selenskyj hat das Land in Rekordzeit den begehrten Kandidatenstatus für einen möglichen EU-Beitritt erhalten. »Er ist Halt und auch Vorbild für sein Volk«, hieß es in der Begründung für die Verleihung. »Selenskyj zeigt Mut, Führungsfähigkeit, taktisches Einfühlungsvermögen, und er beweist einen neuen, klaren und unmissverständlichen politischen Stil.«

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026