Polen

Ein Jischuw in Niederschlesien

Es gibt verschlafene kleine Orte, die kaum jemand kennt. Sie werden in Reiseführern nur am Rande als touristische Ziele erwähnt, in denen höchstens der malerische alte Markt und eine Kirche die flüchtige Aufmerksamkeit von Durchreisenden wecken. Ein solcher Ort ist, so könnte man meinen, auch das polnische Städtchen Dzierzoniów in Niederschlesien, das vor dem Krieg Reichenbach hieß und von polnischen Juden nach dem Krieg kurze Zeit Rychbach genannt wurde.

Nur wenige Eingeweihte wissen jedoch, welche große Geschichte dieser kleine Ort hat, in dem übrigens die frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, 1946 geboren wurde. Eine inzwischen vom Verfall bedrohte, reich verzierte Synagoge zeugt von dem einst florierenden deutsch‐jüdischen Leben in der Kleinstadt. Kaum zu glauben, aber nach 1945 wurde die Synagoge viel zu klein für die nach Rychbach strömenden polnischen Juden.

napoleon Bis 1945 teilte Reichenbach das Schicksal der Provinz Schlesien, die bis zum Siebenjährigen Krieg zu Österreich und danach zu Preußen gehörte. Die Stadtchronik verzeichnet aber zwei Ereignisse von europäischem Gewicht. Im Jahr 1790 kamen Repräsentanten aus Böhmen, Österreich, Preußen, Holland und Polen nach Reichenbach, um über den Österreichisch‐Türkischen Krieg zu verhandeln. Und am 27. Juni 1813 wurde die Konvention von Reichenbach unterzeichnet, mit der ein antinapoleonisches Bündnis zwischen Russland, Preußen und Österreich vereinbart wurde. Danach war es um Reichenbach still.

Doch Judenemanzipation und Industrialisierung führten im 19. Jahrhundert zum Zuzug von Juden, die unter anderem als Kaufleute und Textilfabrikanten der Stadt wie der jüdischen Gemeinde zu beachtlichem Wohlstand verhalfen.

Nach 1945 wurde die im Krieg nicht zerstörte Stadt, wie der größte Teil Niederschlesiens, polnisch. Selbst die Synagoge blieb, als einzige in der Region, unzerstört, weil sie von der Stadt Reichenbach 1938 an Konrad Springer, den nichtjüdischen Gärtner des jüdischen Friedhofs, verkauft wurde. Als »nichtjüdisches Eigentum« blieb sie vom Vandalismus der »Reichskristallnacht« verschont.

Danach wurde die Synagoge zum Hauptquartier der Hitlerjugend von Reichenbach. 1945 gab sie Springer an die jüdische Gemeinde zurück. Nachdem Reichenbach in den Einflussbereich der sowjetischen Truppen gekommen war – der Krieg war noch nicht zu Ende –, geschah in der Stadt etwas Ungewöhnliches, etwas, das in den Geschichtsbüchern leider keine Würdigung findet und nur wenigen Eingeweihten und Historikern bekannt ist: Unmittelbar nach dem Holocaust entstand in Reichenbach die selbstverwaltete »jüdische Republik« Reichenbach/Rychbach. Wie kam es dazu?

sowjets Zig Tausende überlebende Juden aus dem Arbeitslager Groß‐Rosen und seinen Außenstellen, die unter unmenschlichen Bedingungen als Arbeitssklaven beim unterirdischen Geheimprojekt »Riese« der Nazis eingesetzt waren, strömten in die idyllische, vom Krieg unberührte Stadt Reichenbach. Sie folgten dem Ruf des jüdischen Sowjetoffiziers Jakub Egit. Mit anfänglicher Unterstützung der sowjetischen Militärbehörden wurden in Reichenbach anstelle der geflohenen und vertriebenen deutschen Bevölkerung überlebende Juden aus den Konzentrationslagern angesiedelt.

Die Motivation für die Ansiedlung von Juden in Niederschlesien beschrieb Jakub Egit in der Zeitschrift »Nowe Zycie« (Neues Leben) wie folgt: »Es geht darum, in Niederschlesien ein neues jüdisches Leben aufzubauen. (…) Warum in Niederschlesien? Vor allem deshalb, weil sich in Niederschlesien Konzentrationslager für Juden befanden, die standhaft ihre Verwurzelung in Polen demonstriert haben und sofort nach der Befreiung begannen, ihr Polentum zu festigen. (…) Zweitens, weil hier 7.000 Juden überlebt haben, die gewillt waren, in diesem Landstrich ihr neues, eigenes Leben aufzubauen. Darin sahen sie eine Möglichkeit, ihr Bedürfnis nach Rache zu befriedigen, aber auch einen zumindest partiellen Ausgleich für das ihnen zugefügte Leid zu erhalten. Drittens deshalb, weil es in den südlichen Gemeinden Niederschlesiens (…) keine nennenswerten kriegsbedingten Schäden gab.«

Siedlung Die zunächst kleine Gruppe von meist polnischen Juden wurde immer größer. Zu den aus KZs befreiten Häftlingen kamen Tausende Juden aus der Ukraine, Weißrussland, Litauen und aus Zentralpolen dazu. Es wurde eine Selbstverwaltung geschaffen, es entstanden jüdische Schulen, Krankenhäuser, Waisenhäuser, es wurden landwirtschaftliche Kibbuzim, Handwerksgenossenschaften, Theater, Zeitungen und ein Buchverlag gegründet. Als Fortsetzung der Vorkriegstradition entstanden mehrere jüdische politische Parteien. Die Synagoge wurde wieder als Gebetshaus genutzt. Die in der Stadt traditionelle Textilindustrie lebte wieder auf, hinzu kam als weitere Branche die Elektronik. Reichenbach erlebte eine neue Blüte. Man besserte die Straßen aus, errichtete Häuser und legte Parks an.

So entstand eine autonome jüdische Siedlung, ein Jischuw in Niederschlesien. Im Jahr 1946 lebten rund 18.000 jüdische Einwohner in der kleinen Stadt, die vor der Nazizeit eine gerade mal 70‐köpfige jüdische Gemeinde hatte.

1946 benannten die polnischen Behörden die Stadt in Dzierzoniów um, nach dem Priester und Bienenforscher Johann Dzierzoniów. Man kann darüber spekulieren, ob die Benennung der damals vorwiegend von Juden bewohnten Stadt nach einem katholischen Priester ein bewusster Affront gegen ihre Bewohner sein sollte.

Der unermüdliche Organisator Jakub Egit trat der polnischen kommunistischen Nachkriegspartei PPR bei und wurde zugleich Vorsitzender des Niederschlesischen Jüdischen Wojewodschaftskomitees. Die unter seinem Einfluss in Dzierzoniów entstandenen kollektiven Wirtschaftsstrukturen waren wesentlich von sozialistischen Ideen geprägt.

birobidschan Für kurze Zeit wurde die Stadt zu einer polnischen Version der autonomen Sowjetrepublik Birobidschan. Egits Initiative einer jüdischen Autonomie erfreute sich anfänglich der Unterstützung seitens der neuen kommunistisch orientierten Behörden, die offiziell eine jüdische nationale Minderheit in Polen anerkannten. Zeitgleich wurden im nahe gelegenen Ort Bolków (Bolkenhain) Kämpfer der Hagana in einem Trainingslager auf ihren Kampf für einen unabhängigen sozialistischen Staat Israel vorbereitet, der nach Stalins Vorstellung ein Verbündeter im Nahen Osten im Kampf gegen die englische Vormacht werden sollte.

Doch schon bald änderte sich die Haltung der polnischen Regierung, die nach totaler Macht in einem zentralistischen Staat strebten. In ihren Augen untergrub die weitgehende jüdische Autonomie von Dzierzoniów ihre staatliche Autorität. Die Behörden entzogen Jakub Egit und seinem Projekt ihren Beistand. Das geschah 1949, in einer Zeit, als Stalin sich nach anfänglicher Unterstützung vom neu gegründeten Staat Israel abwandte.

Die bis dahin von der Sowjetunion unterstützte Idee des Zionismus wurde nun zum Verbrechen erklärt. In der Sowjetunion und in allen Ostblockstaaten kam es zu Schauprozessen gegen Partei‐ und Staatsfunktionäre jüdischer Herkunft, die bis zum Tode Stalins 1953 anhielten. Die kommunistischen jüdischen Gesinnungsgenossen wurden vor Gerichten als »Kosmopoliten« beschimpft und pauschal der ideellen Nähe zum Zionismus und zum kapitalistischen Westen verdächtigt.

Ende 1949 wurde Jakub Egit, dem kaum Zionismus unterstellt werden konnte, unter dem Vorwurf des jüdischen Nationalismus verhaftet. 1950 war er wieder auf freiem Fuß, verlor aber seine Position in den vom Staat kontrollierten jüdischen Gremien. Sein Ziel, in Dzierzoniów 50.000 Juden anzusiedeln, erreichte er nicht. Er zog nach Warschau und wurde dort Redakteur der jüdischen Zeitschrift »Jydisz Buch«. Seine »jüdische Republik« Dzierzoniów löste sich auf.

auswanderung Nach dem Schock des Pogroms von Kielce begann schon 1946 der Massenexodus der überlebenden Juden aus Polen. Ein großer Teil von ihnen verließ Polen und wanderte vorwiegend nach Palästina, in die USA, nach Kanada und Südamerika aus. Auch die meisten Juden von Dzierzoniów verließen nach der Gründung Israels die Stadt, um sich im Nahen Osten eine neue Existenz aufzubauen.

Desillusioniert verließ Jakub Egit 1957 Polen und siedelte sich in Kanada an. In Toronto wurde er ein prominentes Mitglied der jüdischen Gemeinde. Im Jahr 1991 veröffentlichte er seine Autobiografie unter dem Titel Die große Illusion. Er starb 1996 in Toronto. Sein flüchtiger Traum von der autonomen »jüdischen Republik« auf polnischem Staatsgebiet lebt in der Erinnerung der über die Welt verstreuten ehemaligen Bewohner von Dzierzoniów weiter.

Im Jahr 2004 kam Rafael Blau, ein Israeli aus Beer Sheva, nach Dzierzoniów zurück, wo er als Kind gewohnt hatte. Er gründete die Stiftung Beiteinu Chaj (Unser Haus lebt), die vorwiegend von ehemaligen jüdischen Einwohnern der kleinen polnischen Stadt finanziell unterstützt wird. Ziel der Stiftung ist es, die vom Verfall bedrohte Synagoge von Dzierzoniów originalgetreu zu restaurieren, um sie als Bethaus, Museum und jüdisch‐polnisches Bildungszentrum zu nutzen. Als nächstes soll eine Heizung eingebaut werden, um das Haus auch im Winter nutzen zu können. Doch bislang fehlt das Geld dafür.

www.de.synagoguefund.com/intro

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