Litauen

Dokumente im Kirchenkeller

Schauen Sie, welchen Schatz wir gehoben haben«, sagt Jolanta Budriuniene und hebt mit andächtiger Miene ein dickes Bündel loser Blätter aus einem zerschlissenen Karton. Diese vergilbten Papierfetzen seien nur ein Bruchteil des legendären Fundes und für die Litauische Nationalbibliothek von unschätzbarem Wert, unterstreicht die Leiterin der Abteilung für Kulturforschung.

»Viele dieser handgeschriebenen Texte stammen aus dem Ghetto von Wilna, die meisten aber aus der Vorkriegszeit und beweisen, wie vielfältig das jüdische Leben einst in Litauen gewesen ist.«

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten mehr als 220.000 Juden in Litauen, die Hauptstadt Vilnius wurde liebevoll »Jerusalem des Ostens« genannt. Aber nur wenige haben den Holocaust überlebt.

Umso bedeutsamer ist der Fund von mehr als 170.000 Dokumenten, die vor einem Jahr entdeckt wurden. Versteckt waren die wertvollen Papiere im Keller der St.-Georgs-Kirche in Vilnius. Das Gebäude wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den sowjetischen Machthabern zur Lagerung von Büchern, zum sogenannten Bücherpalast, umfunktioniert und der Nationalbibliothek angegliedert.

Bücherpalast Im vergangenen Jahr wurde das Gotteshaus an die katholische Kirche zurückgegeben und sei deshalb entrümpelt worden, sagt Budriuniene. »Niemand hat gewusst, dass im Keller des ›Bücherpalastes‹ Schriften der jüdischen Gemeinde aufbewahrt wurden. Das hat der ehemalige Direktor Antanas Ulpis heimlich getan. Von den sowjetischen Machthabern wären sie sonst sofort vernichtet worden.«

Antanas Ulpis zählte zu jenen Enthusiasten, die nach dem Zweiten Weltkrieg durch die litauischen Dörfer zogen, um Bücher zu retten, die von den Kommunisten zensiert oder vernichtet werden sollten. Dabei ging es vor allem um Texte mit religiösem Hintergrund, die von den sozialistischen Ideologen abgelehnt wurden. Auch die Dokumente der jüdischen Gemeinden zählten dazu.

In der neu eröffneten Judaica‐Sammlung der Litauischen Nationalbibliothek freut sich Kristina Dudaite über den spektakulären Fund, auch wenn bisher erst wenige Dokumente identifiziert werden konnten. Jedes Manuskript gebe ihr nicht nur einen neuen Einblick in die jiddische Umgangssprache, sagt die Kulturhistorikerin, sondern beweise auch, dass die jüdische Geschichte ein Teil des kulturellen Lebens in Litauen gewesen ist.

Eindeutig erkennen konnte sie bereits eine Handschrift des jiddischen Dichters Avrom Sutzkever, der nicht nur das Ghetto von Vilnius überlebte, sondern gemeinsam mit seinem Freund Schmerke Katscherginski auch viele Schriften aus dem Ghetto retten konnte.

»Diese Retter wurden als ›Papierbrigade‹ bezeichnet«, sagt Kristina Dudaite. »Die Nazis hatten sie beauftragt, die wichtigsten jüdischen Schriften auszuwählen, damit diese angeblich später in einem jüdischen Museum in Deutschland ausgestellt werden könnten.«

Ghetto Die Papierbrigade um Avrom Sutzkever und Schmerke Katscherginski versuchte allerdings, einen Teil der jüdischen Schriften im Ghetto unter Dielen zu verstecken – dort seien die Dokumente nach dem Krieg von dem Litauer Antanas Ulpis gefunden und im »Bücherpalast« versteckt worden.

Andere Bücher seien tatsächlich nach Deutschland gekommen und wurden nach dem Krieg von den amerikanischen Soldaten entdeckt, erzählt Dudaite. Da Litauen mittlerweile von der Sowjetunion besetzt worden war, wurden Bücher und Dokumente in die USA verschifft. Dort legten sie unter anderem den Grundstein für das YIVO Institute in New York. Dieses war 1925 in Vilnius gegründet worden und untersucht bis heute die Geschichte der jiddischen und ostjüdischen Kultur.

Kein Wunder, dass man auch im YIVO begeistert ist über den jüngsten Dokumentenfund in Litauen. Gemeinsam mit der litauischen Nationalbibliothek will man so schnell wie möglich alle jüdischen Bücher und Kulturdokumente digitalisieren, um sie einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Zu dem Fund gehören zahlreiche meist hebräische Bücher aus der Bibliothek des Kaufmanns und Talmudgelehrten Matisjahu Strashun aus Vilnius. Er überließ Ende des 19. Jahrhunderts seine Bücher der jüdischen Gemeinde unter der Bedingung, dass sie dafür eine Bibliothek eröffnen würde.

Nach ihrer Eröffnung neben der großen Synagoge im damaligen Wilna sei die Bibliothek so beliebt gewesen, dass die Leute täglich Schlange standen, erzählt die Kulturhistorikerin Kristina Dudaite. Die »New York Times« habe damals ein Foto der Bibliothek sogar auf ihre Titelseite gesetzt.

Forschung Dudaite hat sich mit ihrer Forschung vor allem der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen verschrieben. Viele Litauer seien der Meinung, Juden und Litauer hätten getrennt voneinander gelebt, aber zahlreiche Dokumente bewiesen genau das Gegenteil, sagt sie.

Die Wissenschaftlerin will in Zukunft auch litauische Schüler über jüdische Kultur unterrichten. Immerhin habe sie in dem Schatz aus der St.-Georgs-Kirche auch ein Textbuch der berühmten »Wilnaer Truppe« entdeckt. Diese Theatergruppe aus Vilnius habe sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA und in Großbritannien einen Namen gemacht. »Die Wilnaer Truppe zählte zur Avantgarde«, sagt Kristina Dudaite. »Ihre Schauspieler waren frei wie die Dadaisten und allesamt Amateure. Als sie durch England tourten, blieben die Theater allerdings für das Publikum geschlossen, weil die englischen Schauspieler von ihnen lernen wollten.«

alltag Für Markers Zingeris sind die neu entdeckten Dokumente ein weiterer Beweis dafür, wie wichtig das Jüdische im litauischen Alltag gewesen ist. Zingeris leitet das Museum für jüdische Kultur, das Staatliche Jüdische Gaon‐von‐Vilnius‐Museum.

Um zu unterstreichen, welche bedeutende Rolle Juden in der Entwicklung des modernen Litauens spielten, plant Zingeris in Vilnius ein litauisches Identitätsmuseum. Es soll alte Bücher, Schriften und Manuskripte unter seinem Dach vereinen. »Ohne Juden hätte es keine städtischen Entwicklungen in Litauen gegeben. Das aber will die heutige Gesellschaft nicht wahrhaben. Sie trennen die litauische Geschichte von der Geschichte der Minderheiten.«

Zwar seien radikale Gruppen in Litauen marginal, sagt Markers Zingeris, und nicht, wie die AfD in Deutschland, auch im Parlament vertreten. Trotzdem helfe der legendäre Fund jüdischer Dokumente, vom nationalistischen Blick auf die litauische Geschichtsschreibung wegzukommen. »Die jüdische Geschichte muss integriert werden in die große Geschichtsschreibung Litauens. Das wird Litauen in der Welt sichtbar machen.«

Die Kulturhistorikerin Kristina Dudaite stimmt Zingeris zu. Sie träume davon, dass sie mit jedem neuen Dokument die Meinung der Litauer verändern könne, sagt sie. »Eines Tages werden meine Landsleute sehen, dass wir einst mit den Juden in einer Gemeinschaft lebten und nicht voneinander getrennt waren.«

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