Zürich

Die Wylers und die Blochs

Zürich, Oktober 1925. Im noblen »Savoy«-Hotel versammeln sich Angehörige und Freunde der jüdischen Familien Bloch und Wyler. Alle sind in bester Stimmung: Der frisch promovierte Jurist Hugo Wyler (30) heiratet die knapp zehn Jahre jüngere Trudy Bloch. Standesgemäß wird gefeiert. »Das Menü war üppig, heute würde man solch ein Essen in zwei teilen«, wird sich die Braut später erinnern.

Die Schilderung dieser Hochzeit ist Ausgangspunkt des Buches Bürger und Juden, das der Zürcher Historiker Erich Keller ursprünglich als Dissertation verfasst hat. Sehr packend beschreibt der Autor die Wege der beiden Familien im Zürich der Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg.

Bürgertum Ausgangspunkt ist der Brautvater, der Jurist Martin Bloch (1874–1964). In Konstanz geboren, verbringt er seine Jugend vor allem in St. Gallen, später studiert er auch in München. Er ist der Hoffnungsträger einer Familie, die sich zwar zum aufstrebenden Bürgertum zählt, aber nicht auf Rosen gebettet ist und sich einiges vom Munde abspart, um dem jungen Mann ein Studium zu ermöglichen.

Bloch kehrt später in die Schweiz zurück und lässt sich in Zürich nieder. In der Limmatstadt macht er bald nicht nur beruflich Karriere, sondern auch in der Israelitischen Cultusgemeinde ICZ.

Dass beide Karrieren miteinander verwoben sind, soll ihm später zum Verhängnis werden. 1928 wird Bloch für drei Jahre Präsident der ICZ. Gleichzeitig vertritt er seine Gemeinde im Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG), unter anderem auch beim 16. Zionistenkongress in Zürich 1929. Dabei muss er über seinen eigenen Schatten springen, denn in seiner Jugend war er Antizionist, und auch Ende der 20er-Jahre steht er dem Zionismus (noch) ziemlich abwartend, wenn nicht gar ablehnend gegenüber.

Funktionär Wenige Jahre später verdunkelt sich auch in der Schweiz der politische Himmel und beeinträchtigt Blochs verheißungsvolle jüdische Funktionärskarriere. Mit Hitlers Machtantritt wird das politische Klima in der Schweiz rauer. In Zürich drängen die Schweizer Nazis, hier Frontisten oder Fröntler genannt, in den Vordergrund.

Bloch spürt das bald am eigenen Leib: Im November 1933 referiert er bei einer Veranstaltung über die Geschichte der Juden im Land und muss sich anschließend von anwesenden Frontisten die altbekannten antisemitischen Vorurteile vorhalten lassen. Er versucht, ihnen zu widersprechen. Doch die Zeitungen berichten über die Veranstaltung, und in der Gemeinde beginnen Diskussionen.

Der bürgerlich-konservative Bloch ist längst ins Fadenkreuz einflussreicher Gemeindemitglieder geraten, die es eher mit den Sozialdemokraten halten. Denn kurz vorher hat er etwas getan, das nicht nur linken Juden sehr verwerflich erscheint: Er hat sich dafür ausgesprochen, zwei jüdischen Anwälten, die aus Deutschland geflüchtet waren, in der Schweiz keine Arbeitsbewilligung zu erteilen. Sie seien Linke oder gar Kommunisten, argumentierte Bloch.

Protest Das aber ist sein politisches Todesurteil: Aus Bloch, einem Mann mit Zukunft, wird einer mit Vergangenheit, wie Keller es prägnant ausdrückt. Auf Druck nicht nur von links muss er von seinen öffentlichen Ämtern zurücktreten. Für Martin Bloch wird die Verknüpfung der beruflichen mit der jüdisch-öffentlichen Karriere zur persönlichen Katastrophe. In seiner Anwaltskanzlei, die er inzwischen mit seinem Schwiegersohn Hugo Wyler betreibt, bleiben jüdische Klienten nun vielfach aus Protest gegen Blochs ihrer Meinung nach opportunistische Haltung aus.

Keller beschreibt, wie Hugo Wyler versucht, sich und seine Familie unter diesen schwierigen Bedingungen über Wasser zu halten – was gerade so irgendwie gelingt – und wie Martin Bloch, dem eigentlich eine große Zukunft als jüdischer Funktionär vorausgesagt worden war, seine zweite Lebenshälfte mehr schlecht als recht verbringt.

Für den Autor scheint diese Entwicklung zwar durchaus seine innere Logik zu haben, aber er deutet auch an, dass Martin Blochs Karriere in der jüdischen Gemeinde möglicherweise anders hätte verlaufen können – zum Beispiel in einer politisch ruhigeren Zeit.

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