Nachruf

Die tschechische Familie

Madeleine Albright (1937–2022) Foto: IMAGO/ZUMA Wire

Nachruf

Die tschechische Familie

Erinnerungen an die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright

von Tomas Kraus  07.04.2022 08:35 Uhr

Die 90er-Jahre werden in Tschechien im Rückblick als die goldenen angesehen. Die ganze Welt, auch Israel und die USA, stand uns plötzlich offen. Wir fanden dort schnell neue Freunde. Einer war Mark Talisman, der auf der anderen Seite des Atlantiks als Experte für tschechisch-jüdische Geschichte galt. Anfang 1997 rief Mark mich an.

Er teilte mit, dass bald ein Geschwisterpaar nach Prag kommen würde und ich den beiden helfen solle. Alles müsse aber diskret vonstattengehen. John Korbel und Kathy Silva wollten die Familiengeschichte ihrer Eltern recherchieren, welche vor Hitler aus Prag geflohen waren. Es ging ihnen hauptsächlich um ihre Schwester.

politszene Die war zu jener Zeit bereits eine prominente Figur in der amerikanischen Politszene. Madeleine Albright war mit 55 zur US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen ernannt worden. Nachdem Bill Clinton als Präsident wiedergewählt worden war, bat er sie, das Amt der Außenministerin zu übernehmen. Doch es gab da ein kleines Problem.

Einer der Schlüsselbereiche der amerikanischen Außenpolitik war der Nahost-Friedensprozess. Obwohl Washington Israels wichtigster Verbündeter war, bemühte sich die US-Diplomatie um einen möglichst ausgewogenen Dialog mit beiden Seiten. Konnte da eine Frau mit jüdischen Wurzeln Außenministerin werden? War sie objektiv?

Madeleine erklärte damals, dass sie zuvor nichts über ihre jüdische Herkunft erfahren habe. Die Eltern hätten ihr immer gesagt, dass die Großeltern während des Zweiten Weltkriegs in Böhmen gestorben seien. Doch viele, nicht zuletzt in jüdischen Kreisen, glaubten ihr nicht.

schoa Also fingen John, Kathy und ich an, die Sache zu überprüfen. Wir fanden heraus, dass drei ihrer Großeltern tatsächlich in der Schoa ermordet wurden. Der vierte – Madeleines Großvater mütterlicherseits, Alfred Spiegel – war schon vor dem Krieg verstorben und lag auf dem jüdischen Friedhof in Žamberk begraben.

Die Familie stammte aus Ostböhmen. Ihre Vorfahren hatten viel zur Entwicklung der Region beigetragen. Die Körbels besaßen eine Streichholzfabrik, welche vielen Einheimischen den Lebensunterhalt sicherte. Auch wegen unserer Recherchen konnte Madeleine glaubhaft machen, dass sie tatsächlich erst sehr spät erfahren hatte, was ihren Vorfahren in der Zeit des Holocaust widerfahren war.

Ich werde sie als Mensch vermissen, als Freundin, als Mitglied einer imaginären Großfamilie, die weder sie noch ich wegen des Holocaust je hatten.

Persönlich trafen wir uns das erste Mal in der Residenz des US-Botschafters in Prag, in der die neue Außenministerin im August 1997 einige Tage lang weilte. Sie wollte unbedingt unsere jüdischen Sehenswürdigkeiten besuchen und auch nach Theresienstadt fahren.

Fast nichts davon kam zustande, denn der Autounfall, bei dem Prinzessin Diana ums Leben kam, machte einen Strich durch unsere Pläne. Es sah eine Weile so aus, als müsste Madeleine zur Beerdigung nach London fliegen. Am Ende blieb sie dann doch in Prag. Ihr Statement, das wir zuvor Wort für Wort zusammengestellt hatten, gab sie symbolisch vor dem Eingang des Jüdischen Rathauses in der Maiselova-Straße ab.

sympathie Madeleine und ich waren uns sofort sympathisch. Sie hatte einen eher feindselig eingestellten Offiziellen einer jüdischen Organisation erwartet, der ihrer Geschichte skeptisch gegenüberstehen würde. Doch das war bei mir nicht der Fall. Ich verstand sofort, dass ich da jemanden vor mir hatte, der aus dem gleichen Umfeld stammte wie meine eigenen Eltern.

Die Prager jüdische Gemeinschaft der Vorkriegszeit hatte einige Besonderheiten. Jiddisch wurde nie gesprochen, wenn, dann Deutsch. Die Synagogen besuchte man nur an hohen Feiertagen; viele Juden feierten sogar Weihnachten. Das war einer der Gründe, warum Madeleine mich schnell davon überzeugen konnte, dass sie über ihr Judentum nichts wusste. Bei ihr zu Hause habe immer ein Weihnachtsbaum gestanden. Ich erklärte ihr, dass wir einen solchen auch hatten. Oft stand er direkt neben dem Chanukkaleuchter. Das brachte sie zum Lachen.

Unsere Freundschaft dauerte 25 Jahre. Wir tauschten uns über die politische Situation in der Welt aus. Auch die Erinnerung war uns wichtig. Im Kolumbarium von Theresienstadt installierten wir eine Gedenktafel mit den Namen von Madeleines ermordeten Angehörigen.

Nach Madeleines Tod lesen wir vieles über ihre glanzvolle politische Karriere, ihre starken Ansichten, ihre Rolle bei der NATO-Erweiterung, und so weiter. Ich werde sie als Mensch vermissen, als Freundin, als Mitglied einer imaginären Großfamilie, die weder sie noch ich wegen des Holocaust je hatten.

Der Autor war viele Jahre Geschäftsführer der Föderation der Jüdischen Gemeinden in Tschechien.

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