Russland

»Die pro-israelische Lobby wird nicht verlieren«

Der Moskauer Kreml Foto: picture alliance / imageBROKER

Steht der Republikaner Donald Trump schon als Sieger bei der bevorstehenden Wahl in den Vereinigten Staaten fest? Oder hat die amtierende Vize-Präsidentin Kamala Harris doch noch eine Chance? Während in Europa über diese Fragen erbittert diskutiert wird, zeigt man sich in Moskau gelassen, ja sogar desinteressiert: Eine Verbesserung der bilateralen Beziehungen sei ohnehin nicht in Sicht, heißt es aus dem Kreml. Der Ausgang der bevorstehenden Wahl würde daran grundsätzlich nichts ändern.

Diese Einschätzung teilt auch der Petersburger Politikwissenschaftler Alexander Sergunin. Er kann bereits heute den wohl wichtigsten Profiteur benennen: die »pro-israelische Lobby«, die mit den beiden großen amerikanischen Parteien eng vernetzt sei und auf jeden Fall auf der Siegerstraße bleibe.

Sergunin lehrt als Professor an gleich drei Petersburger Hochschulen, darunter auch an Wladimir Putins Alma Mater, der Staatlichen Universität Sankt Petersburg. Zudem arbeitet er als Experte für die regierungsnahe Denkfabrik »Russian International Affairs Council«.

Der Politologe Sergunin knüpft an die berüchtigte antisemitische Tradition der Sowjetunion an

In einem Interview mit der Putin-treuen Onlinezeitung »Lenta.ru«, in dem es um die Rolle der pro-israelischen Lobby in den USA gehen soll, muss Sergunin das Rad nicht neu erfinden. Seit den 80er-Jahren beschäftigt er sich mit dem Lobbyismus in den USA und knüpft dabei an die berüchtigte Tradition der sowjetischen US-Forschung an, welche die Vorherrschaft der »zionistischen Lobby« und damit die jüdische Dominanz in den USA suggerierte.

Das Thema ist brisant, und Sergunin will nicht den Vorwurf riskieren, er sei Antisemit. Also argumentiert er vorsichtig und kann doch auf einen Seitenhieb nicht verzichten: Die US-»Zionisten« seien Russlandhasser, sagt er; sie würden Russland für ein »barbarisches« und zudem »antisemitisches« Land halten. Eine Erklärung dafür, warum wohl so viele jüdische Amerikaner Russland gegenüber sehr kritisch eingestellt sind und welche Rolle dabei der sowjetische Staatsantisemitismus spielte, bleibt der Forscher schuldig.

Stellen Sergunins altsowjetisch anmutende Narrative eine Ausnahme dar? Eher nicht. Das jüdisch-israelische Thema taucht in russischen Publikationen über die USA immer häufiger auf. Das Moskauer Außenministerium pflegt ein gutes Verhältnis zur islamistischen Terrororganisation Hamas und prangert gleichzeitig eine rasante Verbreitung des Antisemitismus in den Vereinigten Staaten zynisch an, für die es die demokratische Biden-Administration verantwortlich macht.

Trump wird in Russland hingegen als Israels glühender Freund kritisiert, wobei seine proisraelische Position in erster Linie auf seine zum Judentum konvertierte Tochter Ivanka und ihren jüdischen Ehemann Jared Kushner zurückgeführt werden.

In Russland weist man stets auf die jüdische Herkunft von Kamala Harris’ Ehemann Douglas Emhoff hin

Trumps Rivalin Kamala Harris wird in Russland oft rassistisch und sexistisch diffamiert. Ihr distanzierter Umgang mit Israel wird zwar nicht verheimlicht, jedoch weist man stets auf die jüdische Herkunft ihres Ehemanns Douglas Emhoff und ihre »jüdische Stieftochter« Ella hin. Das Model Ella Emhoff wird dabei gezielt als Jüdin dargestellt, obgleich sie keine jüdische Identität hat. Für etliche Verschwörungstheoretiker, die im Auftrag des Kremls gegen die USA hetzen, ist Harris ohnehin eine Marionette des »Deep State«, der wiederum von »den Juden« kontrolliert würde.

Bleibt noch der demokratische Gouverneur von Pennsylvania, Josh Shapiro, der jüdisch ist und als möglicher Vize-Präsident unter Harris gehandelt wurde. Das Interesse an Shapiro ist in Russland spezifisch und hängt primär mit seinem Nachnamen zusammen, der zu den bekanntesten jüdischen Nachnamen im postsowjetischen Raum gehört und nicht selten in antisemitischen Witzen verwendet wird. Ein Shapiro an der Spitze der USA hätte zum Feindbild des »jüdischen Amerika« bestens passen können. Harris‘ Entscheidung gegen Shapiro war somit eine Enttäuschung – sowohl für viele Juden als auch für radikale Antisemiten in Russland.

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