Usbekistan

Die letzten Bucharen

Friedhofsdirektor Emmanuel Elnatanow Foto: Jutta Sommerbauer

An diesem Schabbat sind alle Plätze in der Synagoge in Buchara besetzt. Das geschieht eigentlich nur noch dann, wenn die Touristen kommen. Dieses Mal sind es 30 schwedische Juden, die eine Usbekistanreise unternommen haben. Vor den Gästen stehen dampfende Teetassen und Schalen mit Nüssen. Vorn im Aron Hakodesch liegt die Tora, 1000‐jähriges Zeugnis der Juden in Buchara, im hinteren Teil des Raums knistern im gußeisernen Ofen die Holzscheite. In der Mitte steht Abram 
Ischakow am Lesepult und setzt zum Gebet an.

Es ist ein melodischer Gesang, wie er seit Jahrhunderten hier ertönt. Andächtig lauschen die Besucher. In Schweden wird, wie in den meisten aschkenasischen Gemeinden, anders gebetet. Ischakow, weißes Haar, schwarze Kleidung, ist Sänger und zugleich ein begnadeter Entertainer. Sei es beim Gebet oder bei seinem Lieblingsthema, der großen Vergangenheit und der hoffungsvollen Zukunft der Juden hier in der Stadt Buchara – er versteht es, sein Publikum zu begeistern.

Nachfahren Juden gibt es im heute mehrheitlich islamischen Usbekistan bereits seit dem sechsten Jahrhundert. Die Bucharen sind Nachfahren derer, die im Babylonischen Exil leben mussten. Über Jahrhunderte hinweg gedieh die Gemeinde und entwickelte sich prächtig. Rund 23.000 Mitglieder zählte sie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der Niedergang begann in den 70er‐Jahren, als Juden erstmals in größerer Zahl aus der Sowjetunion, zu der Usbekistan damals gehörte, auswandern durften. Einen Höhepunkt erlebte die Abwanderung in den späten 80er‐ und den 90er‐Jahren, als sich die Wirtschaftslage verschlechterte und die Ausreisebestimmungen weiter gelockert wurden.

Die Bucharen sind Nachfahren derer, die im Babylonischen Exil lebten.

Große bucharische Gemeinden gibt es heute deshalb außer in Israel auch in New York, Berlin, Hannover oder Wien. In Buchara selbst sind so wenige Juden geblieben, dass kaum noch jemand da ist, der emigrieren könnte – laut Gemeinderegister nämlich nur 156 Personen. Nimmt man die halachischen Maßstäbe nicht ganz so genau, dann leben in Buchara maximal 500 Menschen jüdischer Herkunft.

Außer den Gästen aus dem Ausland sind an diesem Schabbat daher nur wenige Senioren sowie ein Vater mit seinem Sohn in die Synagoge gekommen. »Niemand fährt mehr weg«, erklärt Ischakow sehr bestimmt. »Unsere Gemeinde ist nicht groß, aber was soll’s?«

Seit die Regierung die Visabestimmungen für Bürger aus zahlreichen Ländern gelockert oder sogar ganz abgeschafft hat, kommen auch mehr Besucher. Laut dem Gemeindechef dürften es wohl ungefähr 150 am Tag sein. Zumeist handelt es sich um Reisegruppen, die durch die kleine Synagoge geführt werden und zum Abschied ein paar Tausend Som, so heißt die Landeswährung, in die Spendenbüchse werfen.

Ihre beiden Kinder hat Ljubow Machatowa ins Ausland geschickt, damit sie dort jüdische Partner finden.

Erbe Ein Euro sind knapp 10.000 Som. Auf einige Tausend Som am Tag summieren sich die Zuwendungen der Touristen. In Usbekistan ist das bereits viel Geld, das der Gemeinde dann zugutekommt. Davon kann man irgendwie leben. Auch ein paar Rückkehrer aus Israel gebe es, berichten einige. Die Rede ist aber von nur vielleicht zwei oder drei Familien. Für das jüdische Buchara sind das schon stattliche Zahlen.

Generell stellt sich daher die Frage, ob die Gemeinde überhaupt noch eine Zukunft hat. Und wenn ja, vielleicht nur als Hüterin des kulturellen Erbes einer einst blühenden Gemeinschaft, die heute nur noch ein Schatten ihrer selbst ist?

Die Touristen und Rückkehrer sind für Ljubow Machatowa nichts als eine schöne Illusion. »Sie kommen und gehen«, betont sie. Machatowa ist 46 Jahre alt und mittlerweile ziemlich erschöpft. Die zarte Frau mit dem dunklen Haar kümmert sich aufopfernd um die zweite Synagoge von Buchara, die sich irgendwo versteckt im Inneren der Altstadt befindet. Besucher verirren sich selten in dieses architektonische Kleinod. Am Schabbat kommen maximal 20 Beter, sonst sind es vielleicht zehn. Im Innenhof hängen vergilbte Fotografien aus alten Zeiten. Zu sehen sind ein Hochzeitspaar in dicken, mit Goldfäden bestickten Mänteln oder eine Gruppe aufgeweckter Jugendlicher. »Früher war hier viel los. Jetzt macht es keinen Spaß mehr«, sagt Machatowa und seufzt.

Umfeld Für die traditionsbewusste Jüdin ist die Frage des Fortbestands der Gemeinde die allergrößte Sorge – ganz konkret der Mangel an Heiratspartnern. Gerade einmal 20 jüdische Kinder gehen auf die jüdische Schule, die übrigen 400 Schüler sind Muslime. Diese seien gute Nachbarn, aber für eine Ehe kommen sie für Machatowa nicht infrage. Wie sonst hätte die Gemeinde viele Jahrhunderte lang in dem muslimischen Umfeld überleben können?

Ihre beiden Kinder hat Ljubow Machatowa ins Ausland geschickt, damit sie dort jüdische Partner finden. »Der Sohn ist schon verheiratet, die Tochter studiert noch.« Auch sie würde am liebsten auswandern, wenn sie nur könnte. Doch da ist der kranke Schwiegervater, den Ljubow Machatowa pflegen muss.

Die größte Sorge der Juden ist die Frage, ob es eine Zukunft gibt.

Selbst Begräbnisse sind in Buchara selten geworden. Das letzte fand vor einem Jahr statt und war besonders traurig, weil es die Beerdigung von Bucharas Rabbiner Aron Sijanow war. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf einem kargen Areal, wo nicht viel mehr wächst als ein paar Grashalme: der in unmittelbarer Nähe zur Altstadt gelegene jüdische Friedhof von Buchara. Ein Grabmal reiht sich an das nächste, überall schmucklose, auf dem Boden liegende gravierte Steine sowie mächtige schwarze Tafeln, auf denen die Gesichter der Toten gezeichnet sind. Eine Künstlerin mit perlenbesticktem Stirnband, ein Schriftsteller, Ingenieure, Ärzte. Eine riesige Totenstadt, ein steinerner Spiegel der einst blühenden Gemeinde. Mehr als 10.000 Gräber zählt der Friedhof.

Angehörige Emmanuel Elnatanow halten die vielen Toten auf Trab. Der 46‐jährige Hüne mit dem Dreitagebart ist der Chef des Gräberfelds. Was das Auswandern betrifft, hat er klare Ansichten: »Ich muss nicht wegfahren, die Welt reist zu mir.« Fast täglich bekommt er Besuch aus den Vereinigten Staaten, aus Österreich, Russland und natürlich aus Israel. Im Winter weniger, im Sommer mehr. Es sind Angehörige, die die letzte Ruhestätte ihrer Vorfahren auf dem siebeneinhalb Hektar großen Gelände suchen und dafür Elnatanows Ortskenntnis brauchen. Einige wollen die verwitterten Grabsteine res­taurieren lassen, andere einen Verwandten beerdigen. »Unsere Alten wollen hier sterben«, sagt der Friedhofsdirektor.

Die kleinen Steine, die nach jüdischer Tradition zur Ehrerbietung für die Toten auf den Grabstein gelegt werden, befestigt man in Buchara mit Mörtel, damit sie bei dem kräftigen Wind und Regen nicht abfallen. Später dann im Gespräch lässt Elnatanow durchblicken, dass auch er schon ans Weggehen gedacht hat. Seine Verwandtschaft ist größtenteils ausgewandert. Doch aus den Plänen wurde nie etwas. Gottes Ruf hält ihn in Buchara, sagt er. »Ich werde hier gebraucht.« Der Mann hat Verständnis für die Lebenswege seiner Mitmenschen: »Warum sollten sie nach Buchara zurückkehren, wenn wir uns alle eines Tages in Jerusalem wiedersehen?«

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