Harvey Weinstein

Der Prozess des Jahres

Filmproduzent und Hollywoodmogul Harvey Weinstein Foto: imago

Wenn Harvey Weinstein am Montag das Oberste Gericht des Staates New York betreten wird, ist die Welt eine andere als 2017, als der Filmmogul zum Symbol sexueller Übergriffe geworden ist. Zum Hassobjekt einer weltweiten Bewegung, die in der Zwischenzeit eine Lawine der Vorwürfe auch gegen unzählige weitere Männer losgetreten hat. Entscheidend beim Prozess des Jahres wird ab dem 6. Januar sein, ob der Fall, der die MeToo-Ära eingeläutet hat, auch vor einem Strafgericht besteht. Der Ausgang ist völlig offen.

Doch beim Prozess geht es nicht nur um Gerechtigkeit für Weinsteins mutmaßliche Opfer. Das Urteil, das am Ende steht, dürfte entweder Genugtuung oder Entsetzen bei Millionen Opfern von sexueller Gewalt auslösen. Für viele wird nicht nur über den Multi-Millionär Gericht gehalten, sondern über ein Muster männlichen Machtmissbrauchs.

öffentlichkeit Und Weinstein gilt für viele als ihr krassestes Beispiel: Wer im Jahr 2020 im Internet nach »Sexual Predator« (»Sexualstraftäter«) sucht, kommt an dem Foto des 67-Jährigen mit dem groben Gesicht und den ungleichen Augen nicht vorbei. Ob Weinstein schuldig ist? Die Öffentlichkeit scheint sich ihr Bild schon längst gemacht zu haben. Doch nun müssen die Staatsanwälte juristisch beweisen, dass er sich der Vergewaltigung, krimineller sexueller Handlungen und räuberischer sexueller Übergriffe schuldig gemacht habe. Weinstein betonte immer wieder, jegliche Handlungen seien einvernehmlich gewesen.

Einen ganz eigenen Blick auf seinen Fall offenbarte Harvey Weinstein derweil vor einigen Tagen in einem Interview mit der »New York Post«.

Die Geschichte der Vorwürfe von Dutzenden Frauen gegen den Produzenten begann lange vor dem Dammbruch 2017, denn seine angeblichen sexuellen Übergriffe waren in Hollywood und in der Schauspielszene New Yorks jahrzehntelang ein offenes Geheimnis. Bereits 1998 sagte Schauspielerin Gwyneth Paltrow über Weinstein: »Er wird dich zu ein oder zwei Sachen zwingen«, was sie damals im Zusammenhang mit PR-Terminen für Filme sagte. Später jedoch erklärte sie, von ihm belästigt worden zu sein.

Sängerin Courtney Love antwortete 2005 auf die Frage einer Reporterin, was sie jungen Schauspielern in Hollywood rate: »Wenn Harvey Weinstein dich zu einer privaten Party ins »Four Seasons« einlädt, gehe nicht hin.« Es dauerte trotzdem bis zum Oktober 2017, dass die »New York Times« und der »New Yorker« trotz aggressiver Klage-Drohungen über die Vorwürfe mehrerer Frauen berichteten.

ENTHÜLLUNGEN Den später mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Artikeln folgte eine Welle neuer Enthüllungen. Dutzende Frauen - darunter bekannte Schauspielerinnen wie Angelina Jolie, Ashley Judd, Uma Thurman oder Salma Hayek - beschuldigten Weinstein, sie angefasst, sich ihnen aufgedrängt und in einzelnen Fällen auch vergewaltigt zu haben. Weinstein gab Fehler zu, bestritt aber kriminelle Handlungen.

Die sich mehrenden Vorwürfe ergaben ein Muster: Der schwerreiche Weinstein, der die Branche dominierte und mit Filmen wie »Pulp Fiction«, »Good Will Hunting« oder »Shakespeare in Love« Oscars einheimste, nutzte seine Macht und versprach jungen Frauen die große Karriere, um sie gefügig zu machen. Und wenn es doch Probleme gab, erkaufte er sich ihr Schweigen mit außergerichtlichen Einigungen.

Als die Anschuldigungen gegen Weinstein ans Tageslicht kamen, erkannten viele Frauen und auch einige Männer überall auf der Welt ihre eigenen Geschichten in denen der Weinstein-Opfer wieder. Sie begannen, sie unter dem Schlagwort »Metoo« (»ich auch«) zu sammeln. Das Spektrum reichte von blöden Sprüchen, unflätigem Verhalten über Machtmissbrauch bis hin zu jahrelanger Gewalt. Ein Jahr später gab es insgesamt 19 Millionen Tweets mit dem mittlerweile weltbekannten Hashtag.

Die entfesselten Geschichten brachten vor allem in den USA eine Reihe von mächtigen Männern zu Fall.

Aus dem Internet erwuchs zusammen mit der Kampagne TimesUp (Deutsch: Die Zeit ist um) eine mächtige Bewegung gegen männlichen Machtmissbrauch, gegen Gewalt gegen Frauen und für Gleichberechtigung. Ihre Ausläufer erreichten die letzten Winkel vieler Gesellschaften - Büros, Sportvereine und Wohnzimmer. Viele nie erzählte Erlebnisse tauchten auf. Ob es der schmierige Onkel war, der grapschende Kollege oder der Fremde, der in der Straßenbahn onaniert. Fast jede Frau hat so etwas erlebt.

OSCARS Die entfesselten Geschichten brachten vor allem in den USA eine Reihe von mächtigen Männern zu Fall, die »New York Times« zählte vergangenen Herbst 201. Darunter der Komiker Louis C.K. und Oscar-Preisträger Kevin Spacey, der seine Titelrolle in der Politserie »House of Cards« verlor, auch wenn ihm nie der Prozess gemacht wurde. Als einziger Verurteilter der MeToo-Ära gilt bisher Entertainer Bill Cosby, der seit 2018 wegen sexueller Nötigung im Gefängnis sitzt. Die öffentlichen Vorwürfe gegen ihn aber begannen Jahre vor dem Skandal um Weinstein.

Zudem machten sich auch zunehmend Regierungen Gedanken über den Schutz von Frauen. In Schweden wurde ein Gesetz auf den Weg gebracht, demzufolge beim Sex beide Partner ausdrücklich und erkennbar mit Geschlechtsverkehr einverstanden sein müssen. Alles andere wird als Vergewaltigung gewertet. Die Luft ist dünner geworden für skrupellose Männer. Viele Männer beteuern, dass sie ihre Handlungen nun besser reflektierten.

Harvey Weinstein unterdessen freut sich auf seinen Prozess, um sich von den Vorwürfen reinwaschen zu können, wie seine Anwältin Donna Rotunna kürzlich sagte. Sie kündigte eine aggressive Verteidigung für ihren Mandanten an: »Nur, weil jemand etwas behauptet, macht es das noch nicht wahr«. Daniel Richman, Jura-Professor an der Columbia Universität in New York, sagt unterdessen, dass es für das Weinstein-Lager darauf ankommt, Zweifel zu säen: »Generell sieht man in Fällen wie diesen Versuche, die Erinnerung von Zeugen anzugreifen oder nahezulegen, dass sie ein Motiv haben, sich Dinge auszudenken.«

UNFALL »Das Ziel der Anklage wäre, zu zeigen, dass diese Frauen glaubhaft von Dingen berichten, die passiert sind, obwohl Erinnerungen verschwommen sein können«, so Richman weiter. Auch müsse erklärt werden, warum die Frauen nicht früher mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen seien. Eine weitere Hauptrolle im Prozess dürfte der Gesundheitszustand des 67-jährigen Weinstein spielen. Zuletzt kam er nach einem Autounfall mit einer Gehhilfe zu den Anhörungen im Gericht.

Der Schlüssel für beide Seiten ist dabei, die Jury für sich zu gewinnen. Sie allein entscheidet über Schuld oder Unschuld Weinsteins.

Der Schlüssel für beide Seiten ist dabei, die Jury für sich zu gewinnen. Sie allein entscheidet über Schuld oder Unschuld Weinsteins. »Alles ist möglich. Das heißt, die Geschworenen - wenn sie erst einmal ausgewählt sind - sind Menschen (...)«, sagt Experte Richman. Zwar hatten mehr als 80 Frauen Vorwürfe gegen Weinstein erhoben, doch beim Strafprozess werden nur zwei Vorfälle aus den Jahren 2006 und 2013 - erzwungener Oralverkehr und Vergewaltigung - verhandelt. Von ihnen erhofft sich die Anklage offensichtlich die besten Chancen auf eine Verurteilung. Falls Weinstein schuldig gesprochen wird, kann er Berufung einlegen.

Doch wie auch immer der Prozess ausgeht: Weinstein hat bereits viel verloren. Seine Filmproduktionsfirma existiert nicht mehr, sein Ruf in der Branche ist genauso zerstört wie seine ehemalige Machtposition. Es scheint selbst bei einem Freispruch ausgeschlossen, dass er je wieder an seine beruflichen Erfolge anknüpfen kann. Zumindest bei den zahlreichen Zivilklagen sah es zuletzt so aus, als sei der Schwerreiche einem für ihn vorteilhaften Vergleich nahe.

Einen ganz eigenen Blick auf seinen Fall offenbarte Harvey Weinstein derweil vor einigen Tagen in einem Interview mit der »New York Post«. Er beklagte, er fühle sich wie »der vergessene Mann« und forderte mehr Anerkennung für seine Verdienste für Frauen: »Ich habe mehr Filme produziert, die von Frauen gedreht wurden und die von Frauen handelten, als jeder andere«. Die Welle der Empörung folgte prompt.

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