Niederlande

Der niemals lockerlässt

Als Physiotherapeut bei Ajax Amsterdam half Salo Muller, so manche Trophäe zu gewinnen. Ein Porträt

von Tobias Müller  07.05.2019 11:06 Uhr

Hält »den Finger am Puls«: Salo Muller (83) Foto: imago/VI Images

Als Physiotherapeut bei Ajax Amsterdam half Salo Muller, so manche Trophäe zu gewinnen. Ein Porträt

von Tobias Müller  07.05.2019 11:06 Uhr

Zwei Worte reichen Salo Muller aus, wenn er seine Arbeitsweise bei Ajax Amsterdam beschreiben soll: »Hands on« – intensive Aufmerksamkeit für die Kicker, viele Anwendungen, oft Kneten. Doch das ist nicht alles. Mullers Fach, die Physiotherapie, steckte im Profi‐Fußball der 60er‐Jahre noch in den Kinderschuhen.

Der junge Masseur mit der markanten schwarz umrandeten Brille trug durch neue Ideen und Eigeninitiative wesentlich dazu bei, es zu entwickeln. Rinus Michels, der legendäre Ajax‐Trainer, bescheinigte ihm einst: »Du bist kein Physiotherapeut, du musst Professor werden.«

Pensionierung Salo Muller sagt über sich selbst: »Ich beiße mich in allem fest, was ich tue.« Lange nach seiner Pensionierung kann nun auch die niederländische Eisenbahn ein Lied davon singen. Zweieinhalb Jahre lang hat Muller sie bearbeitet, damit sie deportierten Juden und ihren Nachkommen Entschädigungen zahlt. Er schrieb Briefe und traf sich mit Vertretern des Unternehmens, schaltete erst die Medien ein und später eine Anwältin.

Er ging vor, wie Salo Muller eben vorgeht – und gelangte mit Ausdauer, Herzblut und einer List ans Ziel. Als die Bahn im vergangenen Winter einwilligte, nannten ihn viele einen Helden. Er selbst kann damit wenig anfangen. »Ich bin kein Held«, sagt er, »sondern ein Pitbull.«

»Ich bin kein Held, sondern ein Pitbull«, sagt Salo Muller.

Ein paar Wochen später empfängt der Pitbull in seiner Wohnung in Buitenveldert, dem einzigen Viertel Amsterdams, in dem es heute so etwas wie eine jüdische Infrastruktur gibt. Salo Muller ist adrett gekleidet. Am Sakko‐Revers heftet eine königliche Auszeichnung, er trägt eine dunkle Hose und elegante schwarze Schuhe. In den Regalen seines Arbeitszimmers stehen Fotoalben mit Schnappschüssen aus seiner Ajax‐Zeit, liebevolle Basteleien der Enkelkinder zieren die Wände.

Entbehrungen Salo Mullers Ausdauer und sein Durchsetzungsvermögen kommen nicht von ungefähr. Vermutlich sind sie das Ergebnis eines Leidenswegs voller Entbehrungen und tiefster Erschütterungen.

Seine Geschichte beginnt in einem unauffälligen Eckhaus aus dunklem Backstein im Amsterdamer Stadtteil Rivierenbuurt. Dort verbringt Salo Muller, 1936 geboren, das bisschen unbeschwerte Kindheit, das ihm die Deutschen lassen. Heute liegen im Gehweg vor dem Haus zwei Stolpersteine. Sie sind seinen Eltern gewidmet. Lena Blitz und Louis Muller wurden 1943 in Auschwitz ermordet.

Was aus ihnen wurde, weiß der kleine Salo in den folgenden Jahren nicht. Als die Nazis seine Eltern 1942 verhaften und ins Durchgangslager Westerbork deportieren, wird er über den jüdischen Kindergarten in Sicherheit gebracht.

Es folgt eine Odyssee durch acht verschiedene Verstecke, die ihn über die nordholländische Provinz bis nach Friesland führt. Überall muss er sich an eine neue Umgebung gewöhnen. Salos einzige Konstante ist die Einsamkeit. Er hält sich versteckt, hat weder Freunde noch Vertraute, kein Spielzeug – und bald auch keine Ahnung mehr, wie er wirklich heißt.

 

Als Kind war er an acht Orten versteckt. Er hatte weder Freunde noch Vertraute – und bald auch keine Ahnung mehr, wie er wirklich heißt.

Asthma Nach der Befreiung ist der Junge an Leib und Seele gezeichnet. Er ist ängstlich und oft krank, er stottert, leidet an Asthma. Wann sein Geburtstag ist, hat er vergessen, ebenso die niederländische Sprache. Im letzten Versteck wurde nur Friesisch gesprochen. Seine Tante, die ihn dort abholen kommt, ist ihm fremd.

Bei ihr und ihrem Mann wächst er nach der Schoa in Amsterdam auf. Es sind schwierige Jahre voller Unsicherheit, geprägt vom tiefen Bedürfnis nach Stabilität und einem Zuhause. Salo Muller, so wird er später in den Memoiren seines Überlebens schreiben, will in dieser Zeit nie wieder weggehen.

Doch es kommt anders. Sein Ausbilder auf der Massageschule ist beeindruckt von Salos Fähigkeiten. Da der Mann zugleich die Fußballmannschaft Ajax Amsterdam betreut, stellt er seinen Schüler dort vor. Eigentlich wollte Salo Muller Arzt werden, doch seine Schullaufbahn war für diesen Berufsweg »zu wechselhaft«.

Vertrauter Nun findet er bei Ajax ein Feld vor, das er beackern kann. Bislang wurden Verletzungen dort mit Schmerztabletten behandelt. Der junge Physiotherapeut wird Freund und Vertrauter der Kicker – und ein Motor der Professionalisierung, die den Verein an die europäische Spitze bringen wird.

Eigentlich wollte Salo Muller Arzt werden, doch seine Schullaufbahn war für diesen Berufsweg »zu wechselhaft«.

viehwaggon Über das, was er durchgemacht hat, spricht Salo Muller in dieser Umgebung kaum. Wohl wundert er sich bei Reisen zu Auswärtsspielen, dass offenbar alle die Bahn als ganz normales Verkehrsmittel ansehen. Es fällt ihm schwer, sich vorzustellen, dass er sich im Zug einen Kaffee kaufen oder zur Toilette gehen kann – während seine Eltern zu den rund 107.000 niederländischen Juden gehörten, die zusammengepfercht in einem Viehwaggon deportiert wurden.

Einmal weigert er sich, eine solche Zugreise anzutreten: zu einem Europacupspiel nach Nürnberg – »ausgerechnet Nürnberg!« Das Match findet an Jom Kippur statt, dem einzigen Tag im Jahr, an dem Salo Mullers Eltern nicht arbeiteten. Um ihrer zu gedenken, hat er diesen Brauch übernommen. Als Salo um einen freien Tag bittet, droht Ajax, ihn zu entlassen.

Gedanken über den Hintergrund des jungen Physiotherapeuten scheint man sich beim Klub nicht zu machen – symp­tomatisch für den Umgang der niederländischen Gesellschaft mit den wenigen überlebenden Juden. Als Salo Muller sich über eine antisemitische Bemerkung des Teamarztes be­schwert, wiegelt die Direktion ab.

Erst Jahrzehnte später, nachdem Salo in einer Lesung vor der Traditionsmannschaft »Lucky Ajax« davon erzählt, kommt Bennie Muller, der – ebenfalls jüdische – Mittelfeldspieler und einst auch Kapitän des Nationalteams, aufgebracht auf ihn zu: »Warum hast du nichts gesagt? Wir hätten ihn uns vorgeknöpft.«

An Jom Kippur wollte er nicht zu einem Europacupspiel nach Nürnberg reisen. Ajax drohte, ihn zu entlassen.

Was Salo Mullers berufliche Beziehung zu Ajax beendet, ist jedoch etwas anderes: Jahrelang hat er bis zu 80 Wochenstunden gearbeitet. Anfang der 70er‐Jahre weist seine Frau ihn darauf hin, dass, wie sie sagt, »so gut wie nichts übrig bleibt«. Kein Wunder: Der Stundenlohn war extrem niedrig. Muller bittet vorsichtig um eine Gehaltserhöhung – woraufhin Ajax ihn vor die Tür setzt.

praxis In der Folgezeit baut er seine eigene Physiotherapiepraxis auf, in die viele prominente Kunden kommen. Er tut es mit sehr großem Einsatz. »Ich habe immer hart gearbeitet, um nicht an früher denken zu müssen«, sagt er einmal in einem Interview.

Vom Fußball hat sich Salo Muller bald entfernt. Ganz anders ist das mit der Schoa und dem verzweifelten Hadern damit, wie es dazu kommen konnte. Der Gedanke an das Leiden seiner Eltern peinigt Salo Muller. Seine Memoiren, die 2005 in den Niederlanden erscheinen, zeugen von unermesslichem Schmerz – etwa, als er sich fragt, ob die Eltern in Auschwitz noch die Kraft hatten, an ihren Sohn zu denken.

Er hält Lesungen vor Schulklassen und Betrieben, veröffentlicht den autobiogra­fisch gefärbten Roman De foto – und im­mer wieder ist da die Idee, bei den Zügen anzusetzen, bei der niederländischen Bahn, die sich von den deutschen Besatzern das Deportieren der Juden bezahlen ließ.

Im Dezember 2014 liest Salo Muller in der Zeitung, dass die französische Bahn überlebenden Juden und ihren Nachkommen in den USA eine Entschädigungssumme von 60 Millionen Dollar zahlen wird.

 PR‐Abteilung »Warum sollte das nicht auch in den Niederlanden möglich sein?«, denkt er sich. In einem Brief an die Direktion der Nederlandse Spoorwegen erzählt er seine Geschichte. Es dauert lange, bis er Antwort erhält – von der PR‐Abteilung. »Man hatte meinen Brief zur Kenntnis genommen, bedauert alles außerordentlich, doch von Entschädigung keine Rede.«

Offenbar hat man in der PR‐Abteilung keine Ahnung, mit wem man es zu tun hat. »So leicht kommen Sie nicht davon«, schreibt Salo Muller zurück. »Ich will ein Gespräch.«

Die Bahn lehnt ab. Doch Muller wäre nicht Muller, ließe er sich davon entmutigen. Er bittet einen befreundeten Fernsehjournalisten um Hilfe. Bald sorgt ein Beitrag zu dem Thema im renommierten TV‐Nachrichtenmagazin »Nieuwsuur« für Aufmerksamkeit. Und tatsächlich signalisiert die PR‐Abteilung der niederländischen Bahn nun Gesprächsbereitschaft.

Da greift Muller zu einer List: Roger van Boxtel, der Bahndirektor, war einst ein hoher Funktionär bei Ajax. Also ruft Muller beim Klub an und sagt, er habe van Boxtels Handynummer verloren. Er bekommt sie und hat den Chef direkt an der Strippe. Am Ende werden Salo Muller und seine Frau nach Utrecht in die Direktion eingeladen.

Drei Monate später folgt ein zweites Gespräch. Muller macht sich große Hoffnungen – und wird bitter enttäuscht. Die Bahn lehnt individuelle Entschädigungen erneut ab. Das Denkmal, das man für die deportierten Juden vor dem Bahnhof von Utrecht errichtet hat, und Geld für Erinnerungsprojekte seien genug, heißt es.

Klage Nun zieht Salo Muller, der sanfte Pitbull, das nächste Register. Er findet Liesbeth Zegveld, eine bekannte Anwältin, die ihm zur Seite stehen will, um eine Klage vorzubereiten – zum halben Stundensatz. Doch weil auch der auf einen erheblichen Batzen hinauszulaufen droht, bittet Muller Freunde um Unterstützung.

Ende 2018 erhält er eine weitere Einladung in die Bahndirektion. Auch eine Filmcrew von Nieuwsuur ist ausdrücklich willkommen. Ein gutes Vorzeichen, ahnt Muller – und liegt richtig. Der Bahnchef gratuliert ihm und merkt an: »Durch deine Ausdauer ist es gelungen!«

Demnächst soll eine Anlaufstelle eröffnen, bei der sich Betroffene melden können.

Man ahnt nach diesem Verlauf, dass Salo Muller sich nun keinesfalls zurückziehen wird. »Schneller als schnell«, sagt er niederländischen Medien, müsse die Sache nun vorangehen. »Die Menschen, um die es geht, sind alt. Viele leben schon gar nicht mehr.«

Im Januar wird Amsterdams ehemaliger Bürgermeister Job Cohen zum Vorsitzenden der Kommission ernannt, die offiziell »Individuelles Entgegenkommen der Opfer von Bahntransporten im Zweiten Weltkrieg« heißt. Demnächst soll eine Anlaufstelle eröffnen, bei der sich Betroffene melden können.

Aus seiner Wohnung in Buitenveldert verfolgt Salo Muller den Lauf der Dinge. Lockerlassen wird er nicht. Vor einigen Wochen, kurz vor seinem 83. Geburtstag, schickte er eine E‐Mail: »Ich halte den Finger am Puls.«

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