Raoul Wallenberg

»Der Engel von Budapest«

Raoul Wallenberg Foto: ullstein bild - ullstein bild

Raoul Wallenberg

»Der Engel von Budapest«

Er rettete in der Schoa Tausende Juden – und verschwand spurlos. Schweden erklärt den Diplomaten jetzt für tot

von Margret Karsch  02.11.2016 11:07 Uhr

Im Sommer wäre er 104 Jahre alt geworden, doch seit 1947 gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Anfang der Woche erklärte das schwedische Finanzamt Raoul Wallenberg für tot. Seine Familie hatte im März einen Antrag gestellt und erklärt, sie habe »nun beschlossen, Raoul in Frieden ruhen zu lassen«. Mit dem formalen Akt, ihn für tot erklären zu lassen, will die Familie das Trauma verarbeiten, mit dem sie gelebt hat. »Uns ist Raouls Schicksal unbekannt«, betonten die Angehörigen. Ein eventueller Todestag könne fiktiv sein, aber er lege der weiteren Erforschung von Wallenbergs Schicksal keine Hindernisse in den Weg.

Schwedens Finanzamt hatte nach der Antragstellung offiziell dazu aufgerufen, Wallenberg selbst und alle, die etwas über ihn zu sagen hätten, mögen sich bis zum 14. Oktober melden. »Raoul Wallenberg hat sich nicht gemeldet. Und auch sonst weist nichts darauf hin, dass er noch lebt«, schrieb die Behörde in ihrem Beschluss vom 31. Oktober. Damit seien die Bedingungen erfüllt, ihn für tot zu erklären.

Da es Hinweise darauf gibt, dass Wallenberg bis Ende Juli 1947 noch gelebt hat, und das Gesetz vorschreibt, ein Datum mindestens fünf Jahre danach zu wählen, gilt nun der 31. Juli 1952 als sein Todestag. Wie viele andere geht Wallenbergs Familie jedoch davon aus, dass er bereits 1947 in sowjetischer Gefangenschaft gestorben ist.

Biografie Raoul Wallenberg wurde am 4. August 1912 geboren und wuchs in Stockholm auf. Seine Familie war gut vernetzt und wohlhabend. Nach dem Architekturstudium in den USA arbeitete Wallenberg in Südafrika und Palästina. 1941 übernahm er die Leitung der Import-Export-Abteilung einer Lebensmittelfirma in Budapest.

Dort wurde er Zeuge, wie SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann nach der Besetzung Ungarns durch die deutsche Wehrmacht die Judenvernichtung vorantrieb. Von Mai bis Juli 1944 wurden rund 440.000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert und ermordet. In Budapest selbst verzögerten sich die Gefangennahme der jüdischen Bürger und ihre Einweisung in ein Ghetto. Als sich im Oktober 1944 die Rote Armee der Stadt näherte, verschärften die deutschen und ungarischen Machthaber ihre antijüdischen Maßnahmen.

Diplomat Das von US-Präsident Franklin D. Roosevelt gegründete War Refugee Board der amerikanischen Regierung suchte um diese Zeit einen schwedischen Vermittler, der eine Rettungsaktion leiten sollte. Wallenbergs Geschäftspartner Kalman Lauer, der sich in einem schwedischen Hilfskomitee engagierte, schlug Wallenberg vor, den er für mutig genug hielt, die Aufgabe zu übernehmen. Bei der schwedischen Gesandtschaft in Budapest arbeiteten Ivan Danielsson, Per Anger und andere bereits daran, Verfolgten sogenannte Schutzpässe auszustellen, um sie dem nationalsozialistischen Zugriff zu entziehen. Sie hatten erreicht, dass die ungarischen Behörden diese Pässe akzeptierten.

Im Juli 1944 stieß Wallenberg dazu. Sein großer persönlicher Einsatz, sein diplomatisches Geschick und die Finanzierung aus den USA trugen dazu bei, dass die Zahl der ausgestellten Pässe wuchs. Außerdem organisierte er Schutzhäuser unter dem Dach der schwedischen Gesandtschaft, wo 10.000 Juden Unterkunft und Essen erhielten und medizinisch versorgt wurden. Wallenberg trat den Mördern entschieden entgegen und riskierte dabei sein Leben. Unter Juden nannte man ihn den »Engel von Budapest«.

Verhaftung Anfang 1945 verhafteten Sowjetsoldaten Wallenberg wegen Spionageverdacht und brachten ihn nach Moskau. Einige Dokumente enthalten Hinweise auf einen Tod im Gefängnis im Juli 1947. Zeugen geben allerdings an, ihn noch Jahrzehnte danach in russischen Lagern getroffen zu haben.

Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrte Raoul Wallenberg 1963 als »Gerechten unter den Völkern«. Aron Verständig, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Stockholm, betont: »Wir bewahren Raoul Wallenbergs Andenken und werden es auch künftig tun.« Dass er für tot erklärt wurde, sei nur ein administrativer Beschluss. Dies setze weder der Erinnerung noch der Forschung ein Ende. »Noch sind nicht alle Archive geöffnet.«

Michigan

Anschlag auf Synagoge: »Gezielter Gewaltakt gegen die jüdische Gemeinschaft«

Der Täter fährt mit einem Fahrzeug in die Synagoge »Temple Israel«. Dort wird er erschossen, bevor er Gemeindemitglieder ermorden kann

 13.03.2026

Trondheim

Vorfall vor Synagoge in Norwegen

Im norwegischen Trondheim drang ein bewaffneter Mann in die Synagoge ein. Die Polizei konnte ihn festnehmen

 12.03.2026

Michigan

Amokläufer fährt mit Truck in Synagoge

Ein Amokläufer hat im Nordwesten von Detroit ein jüdisches Gemeindezentrum angegriffen, in dem sich auch ein Kindergarten befindet

 12.03.2026 Aktualisiert

Irak

»Ich wurde von Idioten entführt«

903 Tage lang war die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov als Geisel in der Gewalt pro-iranischer Terroristen. Dies ist ihre persönliche Feldstudie zur Brutalität autoritärer Regime

von Elizabeth Tsurkov  12.03.2026

Belgien

Steckt der Iran hinter dem Terroranschlag von Lüttich?

Ein Bekennervideo, das die Explosion vor der Lütticher Synagoge am frühen Montagmorgen zeigt, deutet auf einen islamistischen Hintergrund der Tat hin

 12.03.2026

Supercentenarians

Älteste Holocaust-Überlebende Mollie Horwitz wird 110 - oder gar 113

Mit 110 Jahren steigen Hochbetagte auf in die Gruppe der »Supercentenarians«, von denen es nicht viele auf der Welt gibt. Gehört Mollie Horwitz jetzt dazu oder schon seit drei Jahren, wie Wissenschaftler vermuten?

von Christiane Laudage  11.03.2026

Brüssel

Belgische Juden fordern Antisemitismusbeauftragten

Nach dem Sprengstoffanschlag auf die Synagoge von Lüttich verlangt der jüdische Dachverband CCOJB größere Anstrengungen der Politik im Kampf gegen Judenhass

 10.03.2026

Antisemitismus

Schweiz: Dauerbelastung durch Judenhass

In seinem Jahresbericht zum Antisemitismus verzeichnet der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) zwar einen Rückgang bei tätlichen Angriffen - aber einen massiven Zuwachs im Online-Bereich

von Michael Thaidigsmann  10.03.2026

Polen

Wenige Juden, viele Debatten

Jüdisches Leben pendelt seit 1989 zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden. Eine Begegnung mit dem früheren Dissidenten, Aktivisten und Publizisten Konstanty Gebert

von Nicole Dreyfus  09.03.2026