USA

Der älteste Teenager der Welt

»Wenn du nur zu Hause rumsitzt und die Neugier an der Welt verlierst, dann kannst du dich auch gleich in die Kiste legen«: Iris Apfel Foto: imago images/Everett Collection

Wenn man Iris Apfel in diesen Tagen zu Gesicht bekommen möchte, dann muss man zur Mittagszeit ihre Sendung beim Homeshopping-Netzwerk HSN einschalten. Da sitzt sie dann, per Video ins Studio zugeschaltet, wie eh und je in eines ihrer exzentrischen Outfits gekleidet und bewirbt quirlig die bunten Kleider und Tücher ihrer Modelinie.

Die persönlichen Auftritte der New Yorker Stilikone sind hingegen rarer geworden als vielleicht noch vor fünf Jahren, als sie bei den großen gesellschaftlichen Ereignissen in New York omnipräsent war und regelmäßig die Seiten von Mode- und Klatschmagazinen zierte.

Apfels Rückzug hat nicht nur etwas mit der Pandemie zu tun. Das Alter holt nun schließlich auch sie ein. Apfel wird in diesen Tagen 100 Jahre alt. Noch mit 95 gab sie die Devise aus, man dürfe sich unter keinen Umständen dem Alter beugen. Es gelte, die Schmerzen, die jeder in ihrem Alter habe, unter allen Umständen zu ignorieren und sich jeden Morgen dem Tag zu stellen. Doch mit 100 ist das selbst für Iris Apfel nicht mehr so einfach.

RUHM Immerhin, man kann Iris Apfel nicht vorwerfen, sie habe sich nicht mit aller Macht gegen das Unabwendbare gestemmt. Als ein Reporter des Londoner »Guardian« im Jahr 2015 versucht hatte, sich mit ihr zu einem Interview zu treffen, entbrannte eine Schnitzeljagd um die halbe Welt. Der Treffpunkt wurde erst von Florida nach New York verlegt, schlussendlich gelang es dem Journalisten, Apfel in Barcelona abzupassen. Dort musste er sich dann die Frage anhören, wo er sich denn die ganze Zeit herumgetrieben habe.

Damals, vor gerade einmal sechs Jahren, war Apfel auf dem Höhepunkt ihres Ruhms angelangt. Sie genoss in vollen Zügen ihre zweite Karriere, die erst im Alter von 84 so richtig Fahrt aufgenommen hatte.

Ihre zweite Karriere nahm erst im Alter von 84 so richtig Fahrt auf.

Seinerzeit bekam Apfel einen Anruf von Harold Korda, dem Mode-Kurator des New Yorker Metropolitan Museum. Korda war auf der Suche nach Ideen für eine Ausstellung an Apfel verwiesen worden, weil sie, dem Raunen in der New Yorker Gesellschaft nach, eine einzigartige Sammlung an Schmuck und Accessoires besaß.

Apfel hatte von ihren vielen Reisen rund um die Welt aus jedem Winkel Stücke mitgebracht, die sie inspirierten. Arm- und Halsketten aus Afrika, Ringe von nordamerikanischen Ureinwohnern, Ohrringe aus China und Japan. Für ihr umtriebiges Leben auf New Yorker Bällen und Festveranstaltungen hatte sie diese oft auffälligen Stücke mit selbstkomponierten Kostümen kombiniert.

So sah man sie bei der Met-Gala oder im Museum of Modern Art mit dicken, grellbunten Reifen um den Hals und an den Handgelenken. Dazu trug sie Couture-Blusen, enge Jeans, afrikanische Tücher und ihre überdimensionalen Eulen-Brillen, die zu ihrem Markenzeichen geworden sind.

Apfel konnte der Idee einer Ausstellung mit ihren Sachen zunächst nicht viel abgewinnen, doch als Korda bei ihr zu Hause vorbeischaute, reifte beim Stöbern in Apfels Garderobe zwischen den beiden schnell ein Konzept: Statt einer Ausstellung über Schmuck würde es am Met eine Ausstellung über Iris Apfel geben. Die exotischen Accessoires würden in den Sälen des altehrwürdigen Museums nicht isoliert, sondern zusammen mit von Apfel komponierten Outfits gezeigt.

Den Hype, den die Ausstellung auslöste, hatte niemand kommen sehen. Die Show wurde zum Blockbuster des Museums, die Presse überschlug sich mit euphorischen Kritiken. Iris Apfel, die vorher außerhalb von New York kaum jemand kannte, war rund um die Welt in aller Munde. Ihr Telefon hörte nicht mehr auf zu klingeln, die Journalisten standen vor ihrem Apartment an der Park Avenue Schlange.

Nicht lange danach erschien ein Buch mit ihrem Namen auf dem Cover und ihren schicksten Outfits in einem opulenten Bilderbogen. Und der legendäre Dokumentarfilmer Albert Maysles begann, über sie einen Film zu drehen.

Iris Apfel, die sich selbst gern als ältester Teenager der Welt bezeichnet, hielt ihre späte Berühmtheit für einen Segen. Ihr Leben im Ruhestand, der immerhin schon im Jahr 2000 begonnen hatte, langweilte sie, sie war dankbar dafür, wieder mit beiden Beinen im Leben zu stehen. »Wenn du nur zu Hause rumsitzt und die Neugier an der Welt verlierst«, sagte sie einmal mit ihrer charakteristischen New Yorker Schnodderigkeit, »dann kannst du dich auch gleich in die Kiste legen.«

Dass jemand wie Iris Apfel auch im Alter nicht still sitzen kann, ist bei ihrer Vita kaum verwunderlich. Die mehr als 40 Jahre zuvor, in denen sie gemeinsam mit ihrem Mann um den Globus reiste und bei den Reichen und Mächtigen der Welt ein- und ausging, erscheinen auf den vielen Fotos, die ihr Ehemann Carl über die Jahre schoss, wie ein Märchentraum. Heute Rio, morgen Peking und übermorgen Ghana.

AFFINITÄT Iris Apfel begann bereits während des Zweiten Weltkriegs gemeinsam mit einer Freundin, die Interieurs von exklusiven Wohnungen in Manhattan zu entwerfen. Die Affinität zu den schönen Dingen und die Liebe zu gediegenem Ambiente war ihr in die Wiege gelegt worden. Ihr Vater stellte Spiegel und Glasfenster für Wohnräume her, ihre russischstämmige Mutter hatte eine Modeboutique im Stadtteil Queens. »Sie hat mich als Kind immer mit Stoffresten spielen lassen«, erinnert sich Apfel. Und wenn sie sich gut benahm, durfte sie einen Fetzen behalten.

Dieses Spiel machte sie endgültig zu ihrem Lebensinhalt, nachdem sie 1947 Carl kennenlernte und zusammen mit ihm ihre gemeinsame Geschäftsidee entwickelte. Die beiden würden rund um die Welt die feinsten Textilien einkaufen, die sie finden konnten, und damit die Wohnungen der oberen Zehntausend in New York ausstatten.

Das Geschäft wurde ein Hit. Die Firma »Old World Weavers« konnte sich innerhalb kürzester Zeit vor Aufträgen nicht retten. Sie statteten nicht nur Park-Avenue-Apartments und die Villen New Yorker Bankiers auf Long Island aus, sondern auch das Weiße Haus in der Zeit von neun US-Präsidenten. »Einer der einfachsten Jobs«, wie Apfel verrät. »Man muss so wenig verändern wie nur irgendwie möglich.«

Probleme hatte sie bei diesem Gig allein mit Jackie Kennedy. Der Geschmack der First Lady und der von Iris Apfel bissen sich, die beiden Frauen kamen nicht gut miteinander aus. »Sie wollte ein französisches Schloss aus dem Weißen Haus machen«, sagt Apfel noch heute pikiert. Apfel war das zu prätentiös.

In all diesen Jahren waren Iris Apfel und ihr Mann Carl ein unzertrennliches Team. »Wir haben immer alles zusammen gemacht«, erinnert sich Apfel. Die Reisen, die Galas, die großen Aufträge und natürlich ein zärtliches Privatleben, das geprägt war von einem gemeinsamen Humor und einer gemeinsamen Sensibilität. Ihre Wohnungen sahen immer aus wie gigantische Kinderzimmer, es gab Spielzeugeisenbahnen, überdimensionale Kermit-Frösche, aber auch große und kleine Mitbringsel von ihren vielen Reisen. »Wir sind nicht kindisch«, sagte Apfel einmal. »Aber es ist sehr gesund, kindlich sein zu können.«

Im Jahr 2014 feierten die beiden gemeinsam Carls 100. Geburtstag. »Ich möchte noch viele Dinge mit meiner Kindsbraut unternehmen und hoffe, dass der Herr mir das gestattet«, sagte Carl damals. Es war ihnen nicht vergönnt. Carl starb 2015 kurz vor seinem 101. Geburtstag, nach 68 Jahren Ehe.

Sicher wird auch Carls Tod damit zu tun haben, dass Apfel in den letzten Jahren einen Gang zurückgeschaltet hat. Doch ihrer Strahlkraft nicht nur als Stil-Ikone, sondern auch als Idol für Genera-tionen von Frauen hat das keinen Abbruch getan.

Apfel ist die Prophetin der Individua­lität. Ihre Botschaft war stets, den Mut zum eigenen Stil zu entwickeln. So sagte sie einmal zu Chanel-Kostümen: »Warum soll ich 15.000 Dollar ausgeben, um so auszusehen wie alle anderen?«

Mode bedeutet für sie, nicht nur hübsch auszusehen, sondern vor allem, sich selbst zu erschaffen und zu entdecken. Es ist kein Zufall, dass Iris Apfel im Metropolitan Museum gelandet ist. Mode ist für Apfel eine Kunst.

Sie stattete das Weiße Haus für neun Präsidenten aus.

»Ich bin gar keine große Anhängerin von Schönheit«, sagt sie in dem Dokumentarfilm, den Albert Maysles 2015 über sie gedreht hat. »Schönheit ist vergänglich.« Der einzige Grund, warum sie mit mehr 100 Jahren noch immer ein Star ist, ist, dass sie mehr zu bieten hat als Schönheit. Apfel hat Stil, sie hat Ausdruck.

Nicht zuletzt deshalb, macht sie die Fixierung der Modewelt auf die Jugend auch rasend. »Die großen Labels kreieren alle diese Outfits für 18-Jährige. Das ist total verrückt. Ich meine, 18-Jährige können sich das Zeug doch gar nicht leisten.«

ALTER Einen Stil zu haben, ist für Apfel keine Frage des Alters. Im Gegenteil, er braucht Zeit zum Reifen. Nicht zuletzt deshalb lieben die Frauen sie. Und nicht nur die Frauen. »Ich bekomme genauso viele Zuschriften von Männern. Und nicht nur von schwulen.« Iris Apfel macht jedem Mut, sich selbst zu erschaffen, egal welchen Alters, welchen Geschlechts, welcher Ethnizität oder welchen Aussehens.

Allerdings ist einen Stil zu kreieren auch deutlich anstrengender, als einfach den neuesten Trends zu folgen. Es ist Arbeit. Eine Arbeit, der Apfel ihr Leben gewidmet hat.

Bevor ihr Alter sie dazu gezwungen hat, ihre Zeit vorwiegend in den eigenen vier Wänden zu verbringen, war Apfel eine besessene Einkäuferin. Man konnte sie ebenso in den teuren Boutiquen der Fifth Avenue antreffen wie in Second-Hand-Läden in Harlem oder in der Bronx. Sie kaufte ebenso Schmuck von exklusiven Goldschmieden wie vom Flohmarkt. »Es gibt für mich immer nur ein Kriterium«, erklärte sie ihre Strategie: »Es muss etwas in mir auslösen.«

Das ist für Iris Apfel nicht nur ein Motto für das Einkaufen, sondern fürs ganze Leben. So hatte Apfel etwa damals, 1947, keinen Augenblick gezögert, als sie ihren Mann Carl kennenlernte. »Wir haben uns im Oktober getroffen, im Februar waren wir verheiratet.« Apfel wusste, dass er der Richtige war. Und sie traute ihrem Gefühl.

Es folgten viele Jahrzehnte einer erfüllten Ehe. Und nun kann sie auf 100 Jahre eines erfüllten Lebens zurückblicken. Ein Leben ohne Kompromisse, ein Leben ohne Zaudern.

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