Crowdfunding

Denkmal auf Zelluloid

In einem Wiener Wirtshaus fließt der Alkohol in Strömen, es klirren die Gläser, und das Gespräch fällt wieder einmal auf die Juden. Rat Bernart, der Abgeordnete der Großdeutschen und ein kugelrunder Mann mit fedrigem Schnauzer, legt los: »Ich behaupte, dass die Juden an all unserem Elend schuld sind.« – »Warum ausgerechnet die Juden?«, fragt ein anderer Gast. – »Das werden Sie sehen, wenn sie weg sind.«

Was der Antisemit Bernart androht, wird bald traurige Wirklichkeit: Man vertreibt die Juden aus der Hauptstadt. In Eisenbahnwaggons müssen sie in andere europäische Großstädte emigrieren: London, Genf, Berlin. In einer beispiellosen, staatlich organisierten Aktion verlieren die Wiener Juden ihre Heimat, die bald darauf geistig und wirtschaftlich verkümmert.

Hans Moser Es ist eine Stummfilmszene in Schwarz-Weiß aus dem Jahr 1924, und der damals noch keinem breiten Publikum bekannte Hans Moser spielt den Rat Bernart. Der österreichische Stummfilm Die Stadt ohne Juden drückt beinahe prophetisch aus, was wenige Jahre später in noch viel schlimmerer Form Realität werden sollte: die Vernichtung der Juden.

Der Film (Regie: Hans Karl Breslauer) ist für Nikolaus Wostry, den Sammlungsleiter des Filmarchivs Austria, ein bedeutendes »antifaschistisches Manifest«. Er geht auf einen Roman des Satirikers und Schriftstellers Hugo Bettauer zurück. Dessen Leben endete tragisch: Er wurde ein Jahr nach Erscheinen des Films von einem Nationalsozialisten erschossen. Seine kritische publizistische Tätigkeit, in der er Doppelmoral, den Einfluss der Kirche und die Mächtigen anprangerte, war Großdeutschen wie Konservativen ein Dorn im Auge.

Die Stadt ohne Juden blieb indes verschwunden, bis 1991 eine Kopie in einem Amsterdamer Filmmuseum auftauchte. Der Fund dieses bedeutenden Stummfilms war eine Sensation, erzählt Wostry, wenngleich auch das Ende und mehrere Szenen fehlten, was textliche Überleitungen erforderlich machte.

Flohmarkt Nun haben die Filmarchivare eine neue Sensation zu vermelden. Eine zweite Fassung wurde Ende 2015 auf einem Pariser Flohmarkt entdeckt. Das Filmarchiv Austria erwarb das Nitromaterial. Nikolaus Wostry gerät ins Schwärmen, wenn er von der neuen, der Pariser Fassung erzählt. Sie sei »deutlich besser« als die Amsterdamer Version. Der Grund: In der Amsterdamer Fassung fehlen viele explosive Szenen. In den 20er-Jahren bereits dürften Kinobesitzer mit der Schere an die Filmrollen gegangen sein, um den Inhalt zu glätten.

Die Pariser Fassung beinhaltet also Szenen von Übergriffen und Vertreibung: der Antisemitismus von unten. Im alten Film wird die Vertreibung der Juden als Entscheidung der Regierung dargestellt, das gesellschaftliche Moment fehlt. Aber auch Innenansichten des jüdischen Lebens der 20er-Jahre, etwa Szenen in einer Synagoge, sind neu. Für Wostry sind sie als Zeitdokumente wichtig, da aus dieser Zeit kaum Filmmaterial erhalten geblieben ist. »Der Film hat in dieser Weise nicht existiert«, sagt der Sammlungsleiter. Die Neufassung sei »viel jüdischer und politischer«.

Digitalisierung Das Nitromaterial ist alt und porös, Reparatur und Digitalisierung sind teuer. Aus dem laufenden Budget des Filmarchiv Austria können diese Mehrkosten nicht bezahlt werden. Von öffentlichen Fördergebern erhielt man Absagen.

Also entschloss sich der Direktor des Filmarchivs, Ernst Kieninger, zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Die Filmrettung wurde zu einem Crowdfunding-Projekt auf der österreichischen Plattform »We Make It«. Private Sponsoren sind aufgerufen, Geldbeiträge zu spenden. Die Kampagne verlaufe »sehr erfreulich«, sagt Kieninger. Rund 55.000 Euro von insgesamt 75.500 Euro sind bereits finanziert. Die Kampagne läuft noch bis zum 10. Dezember.

Pro & Contra

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ja, sagt Jessie Katz: »Sie anzunehmen sollte schon nur aus dem Grund, um die Sicherheit für die jüdische Bevölkerung zu verbessern.« Nein, findet Zsolt Balkanyi-Guery: »Ein Einwanderungsstopp verspricht nur vordergründig Sicherheit und ist für jüdische Menschen keine Antwort auf die tatsächlichen Herausforderungen des Antisemitismus.«

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  11.06.2026

Fußball

Fußball auf dem Appellplatz von Buchenwald

Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald im Internet an Fußballer, Funktionäre und Spiele im ehemaligen Konzentrationslager. Der Appellplatz war Spielstätte, Häftlinge konnten kurz dem Lageralltag entfliehen

von Matthias Thüsing  09.06.2026

WM 2026

Schweizer Fußball-Stars begeistern jüdische Kinder

Kinder und Jugendliche einer jüdischen Schule in San Diego haben mit der Schweizer Nationalmannschaft Fußball gespielt

von Nicole Dreyfus  09.06.2026

Daniel Jositsch, Zürcher SP-Ständerat, am letzten Donnerstag, dem Tag seines Austritts aus der Partei

Meinung

Daniel Jositsch und der Preis der Klarheit

Daniel Jositsch verlässt nach seiner Nichtnomination in den Ständerat die SP. Der Fall zeigt, wie eng der Raum für sozialliberale und proisraelische Stimmen in der Linken geworden ist, nicht nur in der Schweiz

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.06.2026

Frankreich

Shosanna rennt weiter

»Inglourious Basterds«-Star Mélanie Laurent ist zurück – und nimmt in »Fauda 5« Rache

von Sophie Albers Ben Chamo  07.06.2026

Großbritannien

Grünen-Chef will Ermittlungen gegen Briten, die in Israels Armee dienen

Zack Polanski gehört ebenso wie Jeremy Corbyn zu den Unterstützern einer Kampagne, die sich gegen britische Staatsbürger im israelischen Militär richtet

 05.06.2026

Meinung

Entlarvte Gesinnung

Ausgerechnet jener Schweizer Politiker, der sich im Parlament gegen das Hamas-Verbot stellte, lädt die französische Abgeordnete und Israelhasserin Rima Hassan nach Bern ein

von Nicole Dreyfus  04.06.2026

Großbritannien

Unterhausabgeordneter unterstellt Israel »Blutdurst«

In einer Parlamentsdebatte zu Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon verstieg sich ein Parlamentarier zu antisemitischen Aussagen

 04.06.2026

Essay

Sündenfall des Big Apple

New Yorks Bürgermeister macht den Nahostkonflikt zur Innenpolitik und feiert BDS, während seine Frau den 7. Oktober rechtfertigt. Hinter der Fassade der Wohltäter steht die harte Ideologie der Ausgrenzung

von Louis Lewitan  04.06.2026