Serbien

Dauerfrost in der Weißen Stadt

Draußen vor der grauen Fassade der Synagoge »Sukkat Schalom« türmen sich die frisch gefallenen Neuschneemassen. Drinnen in der koscheren Kantine bleiben die Mittagstische wegen des kalten Wetters zwar leer, aber dennoch hat Koch Momcilo Petrovic alle Hände voll zu tun.

Sorgfältig inspiziert der freundliche Küchenchef noch einmal den Inhalt der aufgereihten Tragetaschen mit den abgepackten Mittagsmahlzeiten. Das koschere »Essen auf Rädern« ist für die älteren Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in Serbiens Hauptstadt Belgrad bestimmt, die sich im Schneegestöber nicht auf die vereisten Straßen wagen. Viele von ihnen wohnen am Stadtrand oder im Umland. »Vor allem diejenigen, die allein wohnen, sind bei der eisigen Kälte auf Hilfe angewiesen«, sagt Ela Rojnik, Leiterin der Sozialabteilung und »Mädchen für alles« in der Gemeinde.

Krisenstab Vorsichtig staksen die Passanten durch den Schneematsch in der Ulica Kralja Petra. Hier im Herzen von Dorcol, dem früheren jüdischen Viertel der »Weißen Stadt«, kommt in den hohen Büros der Jüdischen Gemeinde bereits seit drei Wochen jeden Tag der Krisenstab zusammen, der die »Kälte-Hilfe« für die gebrechlichen und bedürftigen Mitglieder koordiniert. Ständig klingelt das Handy von Milorad Rajevic, dem Sekretär der Gemeinde. »Wir haben Telefonlisten mit allen Älteren und Alleinstehenden angefertigt. Unsere freiwilligen Helfer rufen sie regelmäßig an, fahren vorbei, erledigen Einkäufe oder besorgen Medikamente«, sagt der Mann in dem dicken Wollpullover. »Inzwischen hat sich das alles sehr gut eingespielt. Insbesondere unsere Jugendabteilung ist sehr engagiert.«

Im Speisesaal der Kantine gleicht Nevena Pavlavic die Listen der Empfänger mit dem ab, was an koscheren Lebensmitteln und Früchten in den Taschen liegt. So oft sie kann, liefert die junge blonde Ärztin mit einem Fahrer selbst im wüsten Schneetreiben das Essen in Belgrad und Umgebung aus. »Die Leute sind zufrieden und froh, dass sich jemand um sie kümmert«, sagt sie. »Nur wenn sie uns bitten, noch ein wenig länger bei ihnen zu bleiben, müssen wir sie enttäuschen. Es warten noch so viele andere auf uns.«

Schon seit drei Wochen hält eine eisige Kältewelle den Balkan im klammen Griff. Auch diese Woche sind in Serbien trotz leichten Temperaturanstiegs neue Schneefälle angesagt. Die 80-jährige Mimica Stajner und ihr 86-jähriger Mann Egon haben denn auch schon seit 23 Tagen keinen Fuß vor ihre verschneite Haustür gesetzt. Trotzdem fühlen sie sich von der Welt keineswegs abgeschnitten. »Die Leute von der Gemeinde kaufen für uns ein, schauen regelmäßig rein oder rufen an«, berichtet Mimica Stajner zufrieden. »Sie kümmern sich sehr rührend um uns.« Die 83-jährige Rea Zivkovic sagt, die Betreuung durch den freiwilligen Besuchsdienst bedeute ihr sehr viel. »Für mich ist nicht nur die Hilfe wichtig, sondern vor allem das Gefühl, dass sich jemand um mich kümmert. Das gibt mir Sicherheit.«

Mit Unterstützung des American Jewish Joint Distribution Committee (JOINT oder JDC) wurden in den vergangenen Tagen Hunderte von Obsttüten an Belgrads bedürftige oder ältere Juden verteilt. Der vitaminreichen Winterhilfe liegt eine Grußbotschaft mit den Telefonnummern der Absender für jeden Notfall bei: »Die Jüdische Gemeinde Belgrad denkt an Sie und Ihre Probleme in diesen kalten Tagen. Melden Sie sich bitte mit jedem Problem, damit wir Ihnen helfen können.«

Die Kälte scheint die enge Gemeinschaft der rund 1.800 Belgrader Juden noch fester zusammenzuschweißen. Täglich würden zwei, drei Mitglieder für den Ausfahr- und Besuchsdienst eingeteilt, erzählt Daniel Bogunovic, der Vorsitzende der jüdischen Jugendorganisation. Doch auch für Sondereinsätze finden sich unter Belgrads jungen Juden immer genügend Enthusiasten. Für den Nachmittag habe er ein Dutzend Freiwillige fürs Schneeschippen vor der Synagoge organisiert, sagt Bogunovic.

Bedürfnisse Ohne Unterstützung des JDC ließe sich vieles kaum umsetzen: »Es finanziert den Großteil unser Sozial- und Jugendarbeit – und auch die Kältehilfe«, hebt Sekretär Rajevic hervor. Das Gespür für die Bedürfnisse und Nöte der Gemeinde schätzt Ela Rojnik am JDC am meisten. »Sobald hier etwas passiert, rufen die Leute vom JDC an und erkundigen sich, ob wir Hilfe brauchen. Sie denken einfach mit – und verschaffen uns das Netz einer gewissen Sicherheit.«

Die Sorge um die Älteren und sozial Schwachen in der Region habe der JDC in der gegenwärtigen Kältewelle ins Zentrum seiner Hilfsanstrengungen gestellt, sagt Robert Djerassi. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Sofia organisiert von Bulgarien aus die Kältehilfe in den Staaten des früheren Jugoslawien.

Außer Besuchsdiensten, der medizinischen Betreuung und Hilfspaketen mühe sich der JDC wegen der eisigen Temperaturen auch um extra Heizzuschüsse: »Im Kosovo finanzieren wir für die kleine jüdische Gemeinschaft in Prizren den zusätzlichen Kauf von Brennholz, und in Kroatien und Serbien auch Zuschüsse für die gestiegenen Stromrechnungen durch den verstärkten Gebrauch von Elektroheizungen.«

An Tassen mit heißem Pfefferminztee wärmen die Mitglieder des Krisenstabs die winterkalten Hände. Der Kindertag an Tu Bischwat, dem Neujahrsfest der Bäume, musste wegen der Schneekapriolen genauso abgesagt werden wie der Kiddusch in der Synagoge. Die freiwilligen Helfer Nevena, Iva, Aaron und Radova werden jedoch auch in den nächsten Tagen ihre betagten Schützlinge mit warmen Essen, lebensnotwendigen Medikamenten und aufmunternden Worten versorgen. »Noch eine Woche – dann ist das Schlimmste vorbei«, vermutet Miroslav Rajevic, der dem anhaltenden Schneechaos trotz aller Mühen auch positive Seiten abgewinnen kann. »Die Kälte lässt die Leute zusammenrücken – und wärmt die gegenseitigen Beziehungen.«

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