Kanada

Das Rätsel von Montreal

Einer der Tatorte: die Synagoge Beth Rambam wenige Stunden nach dem Anschlag am 16. Januar Foto: beth rambam

Die Polizei in Montreal hat bislang noch keine Hinweise auf den Täter, der vor zehn Tagen Anschläge auf fünf Synagogen und eine jüdische Schule verübte. Bei den als »Akte des Vandalismus« bezeichneten Taten wurden Fenster der Synagogen und der Schule mit Steinen eingeworfen. »Die Ermittlungen dauern an«, sagte ein Sprecher der Polizei in Montreal der Jüdischen Allgemeinen.

»Dies ist ein Angriff nicht nur auf die jüdische Gemeinde, sondern auf die Vielfalt und Harmonie der Stadt Montreal. Alle Montrealer sollten dies sehr ernst nehmen«, sagt Rabbiner Reuven Poupko, Vorsitzender eines Koordinationskomitees für die Sicherheit der jüdischen Gemeinden in der zweitgrößten kanadischen Stadt. Er geht von einem Individualtäter aus. Eine Videokamera zeige einen Einzeltäter, berichtete der Rabbi dieser Zeitung. Die Aufnahmen seien aber nicht klar genug, um die Person zu identifizieren.

Videokameras Am frühen Morgen des 16. Januar wurden binnen weniger Stunden Fensterscheiben der Synagogen Beth Rambam, Tifereth Beth David Jerusalem und Beth Zion im Stadtgebiet Cote St. Luc sowie der Synagogen Dorshei-Emet-Synagoge in Hampstead und der Congregation Shaare Zedek in Notre Dame de Grace eingeworfen. Ferner ging ein Fenster der jüdischen Yavne-Schule in Cote St. Luc in Brüche. Die Polizei hat die Sicherheitsvorkehrungen, die nach früheren Anschlägen bereits verschärft worden waren, nochmals intensiviert. Sie analysiert derzeit die Aufnahmen von Videokameras und hofft, doch noch einen Hinweis auf den oder die Täter zu erhalten.

Dies sind nicht die ersten antisemitischen Akte in Montreal. Nach einem Brandanschlag auf die Talmud-Torah-Schule vor sechs Jahren, bei dem 15.000 Bücher zerstört oder beschädigt wurden, waren zwei Männer festgenommen worden, einer von ihnen wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Im Jahr 2007 wurden Brandanschläge auf ein Gemeindezentrum und eine orthodoxe jüdische Jungenschule verübt. Auch hier ermittelte die Polizei erfolgreich. Die beiden Täter wurden zu sieben beziehungsweise vier Jahren Haft verurteilt.

Anglofon In Montreal ist eine der größten jüdischen Gemeinden Kanadas zu Hause. Hier leben etwa 100.000 Juden. Toronto hat Montreal als Stadt mit der stärksten jüdischen Population abgelöst, als in den 80er- und 90er-Jahren auf dem Höhepunkt der Separatismusbewegung eine größere Zahl jüdischer Montrealer, die die Loslösung Quebecs von Kanada ablehnten, die Provinz verließen. In Quebecs überwiegend frankofoner Gesellschaft wurden Juden in der Regel als Teil der anglofonen Gesellschaft gesehen, weil ihre Muttersprache vor allem Englisch ist, auch wenn die meisten bilingual sind.

Der Vorsitzende des nach Unabhängigkeit Quebecs strebenden Bloc Quebecois, Gilles Duceppe, äußerte in einem Brief an den Präsidenten des Jüdischen Kongresses von Quebec, Adam Atlas, seine Empörung über die Anschläge. Der Hintergrund der Taten vom 16. Januar liege völlig im Dunklen. »Wir sollten sehr vorsichtig sein und nicht überreagieren«, mahnt auch Bernie Farber, Direktor des Kanadischen Jüdischen Kongresses. Er lehnt es ab, von einem »speziellen« Antisemitismus in Quebec zu sprechen, auch wenn dieser einen anderen historischen Hintergrund hat als der Antisemitismus in den anglofonen Provinzen.

Ebenso will Rabbi Poupka nicht spekulieren, wer und welches Motiv hinter den Anschlägen steht. Er verweist darauf, dass zwei Anschläge in der jüngsten Zeit von muslimischen Einwanderern als Reaktion auf die israelische Politik verübt worden sind. In Quebec ist die Ablehnung der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern sehr ausgeprägt. »Wir müssen bedauerlicherweise feststellen, dass der Antisemitismus in Quebec immer dann zu- nimmt, wenn sich die Lage im Nahen Osten verschlechtert«, stellte Atlas in einer Anhörung der Kanadischen Parlamentarischen Koalition zur Bekämpfung von Antisemitismus fest.

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Polizei stellt Suche ein

Europol hat die Ermittlungen im Fall der in Wien vermissten Israelinnen übernommen. Auch der Mossad soll vor Ort sein. Es wird davon ausgegangen, dass Mutter und Tochter nicht mehr in der Stadt sind

 14.08.2026

Antisemitismus

»Schade, dass Hitler den Job nicht vollendet hat«

Ein Mann aus Irland äußerte sich bei einer Begegnung mit jüdischen Touristen in einem französischen Supermarkt antisemitisch und drohte dem Paar gar mit Erschießung.

 14.08.2026

Wien

Vermisste Israelinnen: Gerüchte sorgen für Aktiensturz

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter in Österreich haben Gerüchte in den sozialen Medien zu einem Kurssturz bei der israelischen Bank geführt, bei der eine der Frauen arbeitet

 13.08.2026

Italien

Ein Tempel für alle

Über der Biennale in Venedig schwebt eine Synagoge. Was sich die ukrainische Künstlerin Anna Kamyshan dabei dachte und wie sie es geschafft hat

von Sophie Albers Ben Chamo  13.08.2026

Judenhass

Tourist mit Kippa in Rom zweimal attackiert

Antisemitische Vorfälle in Italien nehmen seit Jahren zu. Nun wurde ein junger Tourist in der Hauptstadt gleich zweimal angegriffen. Er trug eine Kippa

von Severina Bartonitschek  12.08.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität

von Nicole Dreyfus  12.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Familie befürchtet das Schlimmste

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter gibt es neue Details. Unter anderem über die Unterkunft in Wien. In Israel wurde eine Nachrichtensperre erlassen

 12.08.2026 Aktualisiert

Schweiz

Den eigenen Weg gehen

Kollektive Begeisterung macht blind und dumm, ganz gleich, ob sie von rechts oder links kommt, findet Berns Botschafter in Israel. Und liefert literarische und filmische Quellen als Inspiration für das Schwimmen gegen den Strom

von Simon Geissbühler  11.08.2026

Frankreich

Schrecken der Milliardäre

Der jüdische Ökonom Gabriel Zucman fordert eine stärkere Besteuerung der Superreichen. Beim Geldadel stoßen seine Ideen jedoch auf heftigen Widerstand

von Christine Longin  11.08.2026