Frankreich

»Das liegt an der Laicité«

Der Straßburger Peter Honigmann über die Wahlen, Marine Le Pen und Ängste von Juden

von Jo Berlien  27.03.2017 18:28 Uhr

Verließ 1984 mit seiner Frau, der Schriftstellerin Barbara Honigmann, die DDR und ließ sich in Frankreich nieder: Peter Honigmann Foto: Sabina Paries

Der Straßburger Peter Honigmann über die Wahlen, Marine Le Pen und Ängste von Juden

von Jo Berlien  27.03.2017 18:28 Uhr

Herr Honigmann, in wenigen Wochen sind in Frankreich Präsidentschaftswahlen. Erstaunlich viele Franzosen halten es für ausgeschlossen, dass Front‐National‐Chefin Marine Le Pen im zweiten Wahlgang siegt. Woher kommt diese Sicherheit?
Es ist die Erfahrung: Das war immer so. Aber alle wissen natürlich, dass die Wahrscheinlichkeit, es könnte diesmal doch passieren, noch nie so groß war. Die gaullistische Rechte ist durch die Scheinbeschäftigungsaffäre von François Fillon geschwächt, und die Sozialisten sind durch das auslaufende Mandat ihres amtierenden Präsidenten diskreditiert. Die Franzosen wünschen sich Veränderungen und sind zunehmend bereit, extremen Kandidaten ihre Stimme zu geben. Davon profitiert sowohl die nationalistische Rechte um Frau Le Pen als auch die extreme Linke, nur dass diese gespalten ist und es daher nicht so auffällt. Auch Emmanuel Macron ist auf seine Weise extrem, nicht so sehr durch den Inhalt als durch die Art seiner Präsentation. Er fasziniert inzwischen fast ebenso viele wie Le Pen. Aber ob er in einer Stichwahl die Mehrheit hinter sich bringen kann, erscheint mir zweifelhaft.

Was machen Sie, falls Marine Le Pen am 7. Mai Präsidentin werden sollte?
Dann warten wir erst einmal ab. Ich gehöre nicht zu denen, die dann so bald wie möglich das Land verlassen wollen. Natürlich ist einiges zu befürchten. Nationalismus war noch nie gut für Juden. Offiziell steht nichts Antijüdisches im Programm, aber man weiß, wie das funktioniert. Die expliziten Äußerungen sind eher gegen Muslime gerichtet. Und wir hätten dann wohl entsprechende Kollateralschäden zu beklagen. Wenn man gegen das muslimische Kopftuch vorgehen möchte, werden Juden aufgefordert, nicht mehr mit Kippa auf die Straße zu gehen. Da fehlt dann nicht viel, und so existenzielle Angelegenheiten wie Beschneidung oder Schechita könnten ins Räderwerk restriktiver Regulierungen geraten.

Erwarten Sie eine Zunahme des populären Antisemitismus?
Mehr noch als konkrete antijüdische Maßnahmen würde sich wohl ein Stimmungsumschwung zu unseren Ungunsten auswirken. Es gibt auch eine Kommunikation ohne Worte. Donald Trump etwa hat nie ein Wort gegen Juden gesagt, und trotzdem werden in den USA jetzt laufend jüdische Einrichtungen bedroht und Friedhöfe geschändet. Auch hier in Frankreich haben viele Angst, dass mit einem Machtwechsel einiges aus dem Gleichgewicht geraten könnte.

Ist Auswanderung ein Thema, wenn Sie mit Freunden über die zu befürchtenden Entwicklungen sprechen?
Auswanderung ist schon lange ein Thema. Von Israel geht eine große Anziehungskraft aus, und das trotz permanenter feindlicher Umzingelung und einem Alltag, der von Terror geprägt ist. Es ist eine Sehnsucht nicht nur nach einem Leben unter blauem Himmel – ich glaube, es ist vor allem eine Sehnsucht nach einem Leben in einer großen jüdischen Gemeinschaft. Die Juden haben verlernt, in der Diaspora zu leben, wie mein Sohn Ruben das einmal ausgedrückt hat.

Immerhin ist Frankreich das Land mit der größten jüdischen Gemeinde Europas.
Ja, als wir vor mehr als 30 Jahren nach Frankreich kamen, waren wir erschrocken, wie stark sich die Juden mit diesem Land identifizierten. Ich kannte Leute, die es abgelehnt haben, auf der deutschen Seite, in Kehl, einkaufen zu gehen. Nicht, weil sie Angst vor einer Begegnung mit ehemaligen Nazis hatten, sondern weil sie nicht wollten, dass die Mehrwertsteuer dem französischen Staat verloren geht. Inzwischen ist einiges geschehen, und Juden müssen so manche Kränkung hinnehmen. Sie können das nicht ertragen und denken sofort an Auswanderung. Das gibt es schon lange, und in Hinblick auf eine mögliche Präsidentschaft von Marine Le Pen hat sich diese Reaktion lediglich gesteigert. Aber selbst die, die Frankreich bereits verlassen haben und nach Israel übergesiedelt sind, haben jetzt Angst.

Wovor?
Es heißt, bei einem Wahlsieg würde Marine Le Pen untersagen, dass französische Renten ins Ausland gezahlt werden. Da die meisten, die bisher nach Israel gegangen sind, dies nach einem Arbeitsleben in Frankreich getan haben und dort von der französischen Rente leben, kann man sich die Panik vorstellen, die dieses Gerücht auslöst. Ich halte es in der Tat für ein Gerücht. Aber es zeigt das Ausmaß der Befürchtungen. Und die Ankündigung, eine doppelte Staatsbürgerschaft bei Ländern außerhalb Europas nicht mehr zuzulassen, ist gut geeignet, dem Nahrung zu geben.

Sie sprachen vorhin von Kränkungen, die Juden hinnehmen müssten. Was meinen Sie damit?
Das hängt vor allem mit der »Laicité« zusammen. Das ist eine sehr französische Version der Trennung von Kirche und Staat. Ursprünglich, als das Gesetz 1905 erlassen wurde, war damit wohl die Neutralität des Staates gegenüber den verschiedenen Religionsgemeinschaften gemeint. Der Staat sollte keiner Religion den Vorzug geben, alle Religionen sollten sich gleichberechtigt entfalten können. In der Praxis läuft es jedoch immer mehr auf eine Unterdrückung jeder religiösen Äußerung im Bereich des öffentlichen Lebens hinaus.

Wie wirkt sich das im Alltag aus?
Jüdische Studenten und Lehrer haben enorme Schwierigkeiten, wenn sie den Schabbat halten wollen. Wenn ein Prüfungstermin auf einen jüdischen Feiertag fiel, genügte es vor zehn Jahren, ein »Certificat de Judéité« beizubringen, und man erhielt einen Ausweichtermin, jedenfalls im Elsass. In Paris war das schon damals viel schwieriger, und auch in Straßburg sind die jüdischen Studenten inzwischen immer mehr der Willkür des jeweiligen Administrators ausgeliefert. Es hat einschneidende Folgen für das Leben eines jungen Menschen, wenn er das ganze Studienjahr wiederholen muss, nur weil er den Schabbat hält.

Und das kommt häufig vor?
In Paris geschieht das laufend. Ich könnte noch andere Reibungsflächen benennen, die etwa mit der Einhaltung der Kaschrut oder mit dem Bau einer Laubhütte zu Sukkot zusammenhängen, aber das würde den Rahmen sprengen. Worauf es ankommt, ist die Tendenz. Ganz ohne Zweifel ergab sich die schleichende Verschlechterung für uns als Kollateralschaden aus der stetig zunehmenden Reibung des republikanischen Frankreich mit der islamischen Gemeinschaft. Wenn man die Kopftücher verbieten will, muss man in Frankreich das Tragen einer Kippa gleich mitverbieten. Auf eine Neubewertung der Religionen könnte man vielleicht bei François Fillon hoffen, aber nicht bei Marine Le Pen, sie würde die restriktive Auslegung der Laicité nur noch weiter treiben, das hat sie angekündigt.

Peter Honigmann lebt seit 33 Jahren in Straßburg. Bis 2016 leitete er das Heidelberger Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland. Mit ihm sprach Jo Berlien.

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