London

Crashkurs Seder

Im hinteren Bereich der modern eingerichteten St. John’s Wood Synagogue im Nordwesten Londons sitzen an einem langen Tisch rund 15 Gemeindemitglieder und hören einen Vortrag. Auf dem Tisch stehen Gebäck und Früchte. Der Vortrag soll sie auf Pessach vorbereiten, es ist schon der zweite seiner Art.

Heute geht es ganz praktisch darum, wie man den Sederabend durchführt. Einer der beiden Referenten, die hierzu eingeladen wurden, ist David Roselaar. Er ist Rabbiner in einer Gemeinde in Hendon im Norden Londons. Sein Thema: »Die richtige Haggada für jeden Gast«.

Damit alle potenziellen Gäste, die bei einem Sederabend auftauchen, in die Betrachtung der Haggada miteinbezogen werden, hat Roselaar sie in die vier traditionellen Kategorien der Söhne des Pessachseders eingeteilt.

Chacham Es gebe Gäste, sagt er, die eher dem Chacham (dem Weisen), dem Tam (dem Einfältigen), dem Rascha (dem Ungezogenen) oder dem »Eino jodea lischol« (dem, der nicht weiß, wie man fragt) ähneln.

Mit dem Chacham anfangend, entschuldigt sich Roselaar zunächst. Die ihm liebste Haggada – er hebt das Buch hoch und zeigt es allen – hat auf ihren Seiten Spuren von Essen und Wein. »Ich habe sie, wie man sieht, schon oft benutzt«, sagt er. »Diese Haggada, An Exalted Evening, von Rabbiner Josef B. Soloveitchik, behandelt jede Frage zu Pessach tiefgehend«, fährt er fort. Auch die Haggada mit den Kommentaren des iberisch-jüdischen Gelehrten Don Isaac Abarbanel (1437–1508) ist einer seiner Favoriten.

Neben diesen traditionellen Texten gebe es aber auch Gutes über eine Haggada namens Shirat Miriam von Rav Yosef Zvi Rimon zu sagen. Sie sei ideal für einen Chacham, »der gerade aus der Jeschiwa kommt und mehr wissen will«, meint Roselaar. »Gebt ihm diese Haggada, und er hat etwas zu lesen.«

rascha Der Rascha sei hingegen jener Gast, der möglicherweise gar nicht kommen wollte. Einige in der Gruppe lächeln verlegen, vielleicht erinnern sie sich an so einen Gast – oder waren selbst ein solcher. »Wie kann man so einen Gast zufriedenstellen?«, fragt der Rabbiner und gibt auch gleich die Antwort: Man müsse die »richtige Haggada« nehmen – nämlich die, die ein früherer Rabbi dieser Gemeinde verfasst hat, Großbritanniens ehemaliger Oberrabbiner Jonathan Sacks. Er habe das Talent, seine Leser zu fesseln mit Themen, die sie zum Nachdenken bewegten, sagt Roselaar. So etwas helfe Rascha-Gästen.

Eine andere, »eher unorthodoxe Haggada«, wie er sie nennt, sei A Different Night, weil sie die Leser mit hervorragenden Fragen herausfordere. Roselaar nennt ein Beispiel: »Was bedeutet es zu behaupten, dass auch wir dieses Jahr Sklaven waren?«

Für den »einfacheren Gast« empfiehlt Roselaar die Haggadah with Answers von Yaakov Wehl. Sie enthalte durchgehend Fragen, die aber während des Seders beantwortet werden.

Auch die Haggada des polnisch-jüdischen Künstlers Arthur Szyk (1894–1951) erwähnt Roselaar, doch meint er hinzufügen zu müssen, er habe gehört, dass Szyk keineswegs religiös gewesen sei. Angeblich habe er die Zeichnungen »mit einem Schinkenbrot in der Hand gemalt«, berichtet er. Trotzdem seien Szyks Illustrationen unvergleichbar, genau richtig, um den »Tam-Gast« zu begeistern.

Für welche Haggada man sich letztendlich entscheide, sei im Grunde egal, meint Roselaar. Wichtig sei allerdings, dass man sich mit dem Text auseinandersetzt, besonders am Schabbat Hagadol kurz vor dem Pessachfest.

Dekoration Nach diesen Textvorschlägen sorgt Rebbetzin Freda Kaplan für Aufmunterung, denn vor ihr stehen Boxen voller bunter Kleider und Masken. »Zu Purim verkleiden wir uns, aber für Pessach verkleiden wir unser Haus«, verkündet sie animierend.

Neben der Auswahl der passenden Haggada gebe es für das Haus keineswegs weniger zu tun. Sie meint damit nicht nur den intensiven Pessachputz und die Speisevorbereitungen, sondern sie erzählt, wie sie vor ein paar Jahren mit Eimern voller Sand die Spaltung des Schilfmeers auf dem Tisch dargestellt habe.

Wie Rabbi Roselaar fordert auch Rebbetzin Kaplan, dass beim Seder für alle etwas dabei sein soll, ganz besonders für die Kinder. »Ich gestalte immer verschiedene Ecken für sie: dort Legoblöcke, da eine Leseecke, hier ein Platz zum Verkleiden«, erzählt sie den Zuhörern. Sie greift in eine der Kisten, zieht ein paar Kostüme heraus und sagt: »Sie können verschiedenen Leuten einfach Rollen geben.« Einem Jungen, der ein bisschen abseits stand, gab sie einst die Aufgabe, von den Gesprächen am Tisch, »die andere nicht hörten«, zu erzählen. Ein anderes Kind, schlägt sie vor, könnte ein Reporter sein, der verschiedene Passagen des Exodus live kommentiert.

Kreativ sei es auch, den Gästen bereits im Vorfeld Aufgaben aufzutragen. Zum Beispiel könne man sie bitten, zum Seder Gegenstände mitzubringen, die für sie persönlich Freiheit symbolisieren.

Nun ist die Rebbetzin nicht mehr aufzuhalten, immer mehr fällt ihr ein: Man könne den Abend auf Sofas und Kissen beginnen, um beim Seder in der Art der »freien Menschen« zu liegen, meint sie. Oder wie wäre es mit Rätseln oder einem Quiz?« Man könne zum Beispiel etwas wegnehmen, das vorher da gewesen sei, und alle müssten raten, was fehlt, schlägt sie vor. »Oder wie wär’s mit einer Afikoman-Jagd mit Fragen, die beantwortet werden müssen, um das versteckte Stück Mazza zu finden?«

Mazza-uhr Auch an die Reihenfolge des Vorlesens hat Kaplan gedacht. Dazu fischt sie aus einer Kiste eine selbst gebastelte Mazza-Uhr aus Pappe. Der Zeiger lässt sich anstoßen und bleibt dann irgendwo stehen. Die Person, auf die der Zeiger zeigt, muss dann lesen.

Neben der Mazza-Uhr liegt ein kaputtes altes Telefon. »Direktverbindungen mit Personen aus dem Exodus«, erklärt sie. Auch Puppen- oder Ratespiele wie »Wer aus dem Exodus bin ich?« hätten sich bewährt, versichert Kaplan.

Einer ihrer wichtigsten neuen Bräuche sei jedoch »ein Selbstbezug des Dajenu-Lieds«, sagt sie. »Jeder am Tisch soll ein Ereignis aus seinem Leben im vergangenen Jahr erzählen, das er persönlich als Wunder empfunden hat.«

Spiegel am Tisch könnten die Anwesenden dazu ermutigen, sich zu fragen, was ihre derzeitige Gefangenschaft sei. Ein anderes neues Ritual sei, den Becher Elijahus von allen Anwesenden mit Wein füllen zu lassen, wofür sie Taten nennen müssten, durch die sie die Welt in den vergangenen Monaten verbessert haben. Der Kreativität sei keine Grenze gesetzt.

Ein älterer Herr ist am Ende des Vortrags besorgt und fragt, wie man das alles an einem Abend unterkriegt. Kaplan beruhigt ihn. Das seien nur Vorschläge, von denen er einen oder zwei wählen könne.

Kaplan glaubt, viele Menschen konzentrierten sich nur auf eine oder zwei Sedernächte. Doch das Spielen, Rätseln und gemeinsame Lernen könne sich auch über den Rest der Feiertage erstrecken. »Wer so die ganze Woche füllt, dem reicht das Glück von Pessach bis tief in den Monat Nissan.«

Sarah Hurwitz

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