Oxford

Buße und Bibelworte auf Hebräisch

Die Christ Church Cathedral in Oxford Foto: imago images/Godong UIG

Am 17. April 1222 trat in Oxford auf Initiative des damaligen Erzbischofs von Canterbury, Stephen Langton, eine Kirchensynode zusammen. Nach einigen Wochen der Beratung beschlossen die führenden christlichen Würdenträger Englands 50 Erlasse.

Darunter waren auch eine Anzahl von antijüdischen Beschlüssen. So wurde es Juden untersagt, neue Synagogen zu bauen, Kirchen zu betreten oder dort ihre Wertsachen zu lagern. Sie durften fortan bestimmte Berufe nicht mehr ausüben und mussten in der Öffentlichkeit ein besonderes Erkennungsmerkmal – ein den biblischen Gesetzestafeln nachempfundenes Stofftuch - tragen, das sie als Juden äußerlich erkennbar machte.

Edikt Knapp sieben Jahrzehnte später folgte dann der nächste, noch drastischere Schlag: König Edward I. erließ ein Edikt, in dem bestimmt wurde, dass alle Juden binnen vier Monaten das Land verlassen müssten. Rund 3000 Personen wurden so gezwungen, England den Rücken zu kehren. Erst 1657 wurde dieser Bann von Oliver Cromwell wieder aufgehoben.

Fast auf den Tag 800 Jahre nach der berüchtigten Oxforder Synode fand nun in der Christ Church Cathedral der Universitätsstadt ein ungewöhnlicher interreligiöser Gottesdienst statt, mit dem sich die Anglikanische Kirche offiziell für die Erlasse und für den christlichen Antisemitismus des Mittelalters entschuldigte - auch wenn die Church of England damals noch gar nicht existiert hatte.

RITUALMORDLEGENDE In einer Ansprache stellte die Journalistin und Schriftstellerin Rebecca Abrams die Bedeutung der Beschlüsse der Synode von 1222 heraus: »Wie viele Menschen wissen heute, dass England das erste Land in Europa war, in dem das Tragen eines Erkennungszeichens für seine jüdische Bevölkerung vorgeschrieben wurde - sieben Jahrhunderte vor den Nazis? Wie viele Menschen wissen heute, dass in England die Ritualmordlegende erfunden wurde, jene haltlose Anschuldigung, nach der Juden Christen töten würden, um ihr Blut für jüdische Rituale zu verwenden? Das war ein völliges Hirngespinst, das im Lauf der Jahrhunderte zum Tod von Tausenden unschuldiger Juden führte.«

Jonathan Chaffey, Erzdiakon von Oxford, sagte, auch die römisch-katholische Kirche sei mit der Entschuldigung für den mittelalterlichen Antisemitismus einverstanden. Im 13. Jahrhundert gehörten die Diözesen in England noch zu Rom; erst 1531 spaltete sich die englische Kirche unter König Heinrich VIII. ab.

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Vor drei Jahren hatte die Church of England in einer Erklärung festgehalten, dass das Handeln der Kirche im Mittelalter über Jahrhunderte hinweg ein »fruchtbarer Nährboden für mörderischen Antisemitismus« gewesen sei. Deswegen müssten Christen heute »Buße tun« und aktiv gegen antijüdische Einstellungen und Stereotypen vorgehen, heißt es in dem Dokument.

KRITIK Doch es gab von jüdischer Seite auch Kritik an dieser Erklärung. So monierte der britische Oberrabbiner Ephraim Mirvis, dass Kreise der anglikanischen Kirche weiterhin versuchten, Juden zu missionieren und zu einer Konversion zu bewegen.

Tony Kushner, Professor an der Universität Southampton, sagte der Sonntagszeitung »The Observer«, der schwierigste Schritt für die Kirche sei nicht die Feststellung, dass Blutverleumdungen, Massaker und Vertreibungen falsch gewesen seien, sondern vielmehr »zu akzeptieren, dass Juden und ihre Religion eine Daseinsberechtigung haben.« Die jetzige Entschuldigung für die Synode von Oxford spiegelt laut Kushner »die Besorgnis über den heutigen Antisemitismus« wider. Sie sei Teil einer umfassenderen Neubewertung von Ideen und geschichtlichem Erbe.

GELEGENHEIT Dennoch herrschte am Sonntag auch auf jüdischer Seite eher Zufriedenheit vor über die »Vergangenheitsbewältigung« innerhalb der Kirche. Der britische Oberrabbiner Ephraim Mirvis, der die Kathedrale aus religiösen Gründen nicht betrat, sagte im Anschluss daran, es sei ein »besonderes, erstaunliches und historisches Ereignis« gewesen. Der Gottesdienst werde »von unserer jüdischen Gemeinde sehr geschätzt« und werde hoffentlich zu einer »Stärkung« der Freundschaft zwischen Christen und Juden führen.

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Der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, das geistliche Oberhaupt der Church of England, schrieb auf Twitter: Der Gottesdienst sei »eine Gelegenheit, sich zu erinnern, zu bereuen und wieder aufzubauen«. Er fügte hinzu: »Lasst uns beten, dass er die Christen von heute dazu inspiriert, die heutigen Ausprägungen von Antijudaismus und Antisemitismus abzulehnen und das Geschenk unserer jüdischen Nachbarn wertzuschätzen und anzunehmen.«

In der Kathedrale las der Rabbiner von Maidenhead, Jonathan Romain, auf Hebräisch eine Passage aus dem dritten Buch Moses vor und sagte anschließend: »Die Juden von 1222 wären erstaunt und erfreut gewesen, hebräische Worte in dieser Kathedrale zu hören«.

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