Buenos Aires

Brecht und Goethe in der Calle Freire

Buenos Aires. Aula des »Colegio Pestalozzi«. Nach dem Klavierspiel eines Schülers bittet der Schriftsteller Robert Schopflocher das zahlreich erschienene Publikum, sich zu erheben, um die Verstorbenen zu würdigen. Alle stehen auf. Die 90‐Jährigen, die 50‐, die 20‐Jährigen, die noch jüngeren. Robert Schopflocher nennt die Namen der ersten Lehrer und Gründer der Schule.

Vor 80 Jahren, am 2. April 1934, wurde das Colegio Pestalozzi in der argentinischen Hauptstadt gegründet, um der Gleichschaltung, sprich, Nazifizierung der deutschsprachigen Schulen in Argentinien entgegenzuwirken, die örtliche Nazis und eigens dazu Entsandte aus Berlin erzwangen. Anfänglich »nur« eine antifaschistische Gegenwehr zum Schutz für argentinische Kinder mit deutschem Hintergrund, deren Eltern nicht wollten, dass sie mit »Heil Hitler« grüßen, das Horst‐Wessel‐Lied singen und Mein Kampf lesen sollten, wurde die Schule bald eines der wichtigsten Refugien für die Kinder deutsch‐jüdischer Flüchtlinge – die inzwischen 90‐jährigen, die hier stehen und ihren damaligen Lehrern bis heute dankbar sind, dass sie ihnen halfen, Argentinier zu werden und Deutsche bleiben zu können. Mit welchem Pass auch immer.

ehemalige Robert Schopflocher liest auf Spanisch und Deutsch aus seinen Büchern über Opfer der argentinischen Militärdiktatur, über chancenlose Kinder in Südamerika, die keinen Schutz wie die Pestalozzischule hatten oder haben. Der 91‐Jährige spricht ein altmodisches Deutsch, das noch ein wenig seine Fürther Herkunft verrät, obwohl er seit 1937 in Argentinien lebt. Danach fröhliche Schulpausenstimmung. Alte und junge Freunde begrüßen sich, quatschen. Eine hübsche Mittvierzigerin mit pechschwarzen Haaren erzählt: »Ich bin Argentinierin, habe nichts mit Deutschland zu tun, aber ich habe die ›Pesta‹ geliebt. Meine Tochter macht jetzt auch ihr Abitur hier.«

»Hoffentlich«, sagt die Tochter verlegen. Eine 88‐jährige silberhaarige Dame macht der jungen Frau Mut: »Natürlich schaffst du das. Ich bin hier 1938 eingeschult worden, vier Wochen nach meiner Ankunft. Von dem Moment an habe ich gewusst, dass mir nichts mehr passieren kann.« Ihre gleichaltrige Freundin erzählt: »Nach meiner Ankunft im November 39 musste ich arbeiten gehen und habe nie mehr eine Schule besucht. Aber ich bin in die Leseveranstaltungen hier gegangen. Die Buddenbrooks! Die ersten 20 Seiten waren ganz schön anstrengend.« Sie lacht. Dann: »Unsere Heimat konnten sie uns rauben. Aber unsere Sprache und Kultur nicht.«

Diese Liebe zur deutschen Sprache und Kultur war eines der Hauptmotive, die Schule zu gründen: als Zeichen, dass es ein anderes Deutschland als die Nazidiktatur gab. Innerhalb nur eines Monats wurde die Schule aus dem Boden gestampft. Was in dieser knappen Zeit an pädagogischen Richtlinien festgelegt wurde, war nicht nur für damalige Verhältnisse äußerst fortschrittlich, sondern so vorausblickend, dass die Pestalozzischule bis zum heutigen Tage als eine der besten Schulen Argentiniens gilt und ihre Integrationsarbeit über die Landesgrenzen hinaus mit internationalen Preisen gewürdigt wurde.

neutralität Hauptinitiator der Schule war Ernesto Alemann, Herausgeber des deutschsprachigen »Argentinischen Tageblatts«, das im 19. Jahrhundert von seinem Vater, einem Schweizer Einwanderer, gegründet wurde und schon seit langem vehement gegen Hitler Stellung bezog. Mit einer kleinen Gruppe von Gleichgesinnten entwickelte er die Prämissen: Damit die Schule von keiner Seite vereinnahmt werden konnte, wurde auf jegliche Form privatwirtschaftlicher und staatlicher Unterstützung verzichtet, also alles auf Spenden und Schulgeld ausgelegt.

Die Schule wurde als argentinische Lehranstalt definiert, die sich an örtlichen Lehrplänen orientierte, auch wenn die Unterrichtssprache Deutsch war. Um sich besser von den anderen deutschsprachigen Schulen abzugrenzen, entschied man sich statt für den ursprünglich vorgesehenen Namenspaten Gotthold Ephraim Lessing lieber für den Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi, auch, um die Unparteiischkeit zu betonen, »strengste politische, religiöse, nationale Neutralität«, wie es der erste Schuldirektor Dr. Alfred Dang formulierte, ein linker politischer Flüchtling aus Hitlerdeutschland. Wie er waren alle deutschsprachigen und argentinischen Lehrer der »Pesta« erwiesene Gegner der Nazis.

Für Direktor Dang war das Ziel, trotz »Terror und brauner Barbarei die deutsche Kulturtradition in Argentinien aufrecht zu erhalten«, und zwar, wie er im Lehrplan formulierte, unter »Hochachtung vor einem Austausch mit anderen Völkern«. Viele der rund 45.000 deutsch‐jüdischen Flüchtlinge in Argentinien sahen diese pädagogische Programmatik allerdings eher skeptisch. Viele konnten auch nicht das Schulgeld aufbringen, obwohl das »Colegio Pestalozzi« auch mittellose Kinder aufnahm. Und viele lehnten den modernen und – aller politischen Neutralität zum Trotz – linken Ansatz der Schule ab. Der Zulauf war dennoch groß. 300 Schüler aus elf Nationalitäten lernten bald an der »Pesta«.

1938 wurde ein neues Schulgebäude in der Calle Freire bezogen und ein Kindergarten eröffnet. Albert Einstein, Thomas Mann, Heinrich Mann und Lion Feuchtwanger gratulierten aus ihren Exilen, Stefan Zweig richtete das Wort an die Schüler, persönlich, auf einer Schallplatte eingraviert.

Pädagogisch folgte die Schule den Lehren ihres Namensgebers Pestalozzi. Die Schüler paukten nicht Geschichtsdaten oder Namen von Nebenflüssen, sondern lernten, Zusammenhänge zu verstehen. »Verständnis für die großen Probleme der Gegenwart« sollte sie im späteren Leben befähigen, menschenwürdige und tolerante Entscheidungen zu treffen.

lehrplan Damals neue Fächer wie Werken, Sport, Handarbeit und Hygiene‐/Sexualkundeunterricht standen auf dem Lehrplan. Für die deutschen Flüchtlingskinder gab es Zusatzunterricht in Spanisch, außerdem für alle Englisch und Französisch. Natürlich wurden auch Musik und Kunst unterrichtet. Carl Meffert, ein Schüler von Käthe Kollwitz, der sich auf seiner Flucht vor den Nazis in Clement Moreau umbenannt hatte, war einer der Lehrer.

1936 kam August Siemsen, ein bekannter Bildungspolitiker und Mitbegründer der linkssozialistischen SAP aus dem Schweizer Exil nach Argentinien und wurde der von Herzen bewunderte Deutschlehrer. Siemsen schrieb 1936: »Ich wage die Ketzerei, dass es nicht darauf ankommt, eine Dichtung bis ins letzte zu begreifen. (…) Es geht uns nur darum, Freude an echter Dichtung zu erwecken.«

Er brachte ein Buch heraus, Deutsche Gedichte von Goethe bis Brecht. Die Auswahl der 74 Gedichte sollte für Kinder verständlich sein: Goethe, Schiller, Heine, Mörike, Morgenstern, Eichendorff, Brecht, dazu Volks‐ und Arbeiterlieder. »Durch Dr. Siemsen und seinen Unterricht gab es bei mir nie einen richtigen Bruch mit Deutschland«, schrieb einer seiner Schüler Jahrzehnte später.

Ein Kernkonzept der Pestalozzischule war und ist bis heute soziale Hilfsbereitschaft, betont der jetzige Direktor Michael Röhrig: »Wir wissen, dass wir durch das Schulgeld elitär sind. Leider ist das nicht zu ändern, da wir nun einmal eine private Institution sind und nicht mehr Stipendien ausschreiben können, als wir tun. Aber nichts ist uns wichtiger, als dass die Kinder den Kontakt zur Realität nicht verlieren und sich sozial engagieren, gerade in diesem Kontinent, wo es so viel Elend gibt. Sie lernen Landschulen kennen, arbeiten in Sozialprojekten.«

interkulturalität Ebenso wichtig ist es Röhrig, Toleranz gegenüber anderen Völkern und Kulturen zu vermitteln: »Für uns gibt es keine Minderheiten, sondern nur Unterschiede, die wir als Vielfalt schätzen, um voneinander zu lernen. Nur, wenn man sich kennenlernt, können Vorurteile unterbunden werden.« Nicht zufällig war die »Pesta« nach dem Krieg die erste bilinguale Schule Argentiniens und betreibt bis heute einen regen Schüleraustausch weltweit, bis nach Neuseeland.

»Es geht um die Interkulturalität, um das Zulassen und Miteinander von verschiedenen Kulturen. Nur dann kann Integration und Völkerverbindung gelingen«, sagt Schuldirektor Röhrig. Auch wenn Argentinien im Vergleich zu Deutschland heute längst nicht mehr ein so bedeutendes Einwanderungsland sei: Muslime gäbe es kaum, auch an der »Pesta« trage nur ein Mädchen das Kopftuch, eine Deutschtürkin. Deutschland sei inzwischen eigentlich der viel größere Schnelztiegel.

Vielleicht am besten fasst den Geist des »Colegio Pestalozzi« am Rand der Jubiläumsfeier eine 91‐jährige Dame zusammen, die Deutschland 1938 mit ihrer Familie verließ, in Bolivien Exil fand und später nach Argentinien kam, wo sie ihre Tochter auf die Pestalozzischule schickte. Auf die Frage, ob sie ihre Geschichte jemals erzählt habe oder noch erzählen möchte: »Nein. Ich habe immer nur das Gute erzählt. Es gab auch gute Menschen, sonst hätten wir nicht überleben können. Mit dem Schlimmen wollte ich meine Kinder nicht belasten. Es gab auch das Gute.«

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