USA

Boomtown Windy City

Essen hält nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern manchmal auch eine ganze Gemeinde. Das ist jedenfalls der Plan von »Milt’s BBQ for the Perplexed«, einem der zahlreichen Restaurants am Chicagoer Broadway. Was man erst erfährt, wenn man Platz nimmt: Milt’s steht unter der Aufsicht des Rabbinats von Chicago und ist koscher, glatt koscher sogar, damit auch die Orthodoxen zum Essen kommen.

»Wir bringen die Gemeinde zusammen«, sagt Michael Jacobson, der zweite Chef des Grillrestaurants: »Abends sitzen hier Ultraorthodoxe neben schwulen Pärchen.« Dazwischen finden sich auch reichlich Touristen aus aller Herren Länder und Religionen, die ihre Lust auf Spareribs stillen.

Lieblingsonkel Nur Insider bringen den Namen des Restaurants mit dem legendären Toragelehrten Maimonides aus dem 12. Jahrhundert in Verbindung. Von dessen religionsphilosophischem Hauptwerk Führer der Unschlüssigen ließ sich Besitzer Jeff Aeder bei der Namensgebung inspirieren. Gewidmet hat er das Restaurant der Erinnerung an seinen Lieblingsonkel Milt.

Neben allerlei Hühnerfleisch stehen nicht nur Suppen, Sandwiches und Burger zur Auswahl – sondern auch die »Wohltätigkeit des Jahres«. Bei der Bestellung darf der Gast festlegen, wo der mit dem Restaurantbetrieb erzielte Gewinn von »Milt’s BBQ« landen soll: bei jüdischen Studenten, bei Kranken oder bei Holocaust-Überlebenden. Denn Milt’s ist ein Non-Profit-Restaurant: Alles, was nach Abzug der Kosten übrig bleibt, wird gespendet. Seinen Lebensunterhalt verdient Jeff Aeder mit Immobilien. »Milt’s ist eine Art Freizeitvergnügen für Jeff«, sagt Michael. Ein Hobby, und vielleicht auch ein wenig Berufung, ein eigenes »Community Center« geschaffen zu haben.

»Milt’s ist der Schmelztiegel der Gemeinde«, bestätigt Dean Bell, Dekan des Spertus Institute for Jewish Learning and Leadership. Auch sein Zentrum versucht, für Juden aller Strömungen da zu sein. 1924 von und für Emigranten aus Europa gegründet und mit einem College für jüdische Studien und einem Führungskräfte-Training gestartet, beherbergt es in dem vor fünf Jahren bezogenen Neubau mittlerweile auch eine große Bibliothek, ein Theater und ein Kino.

Kochkurse Spertus fungiert als akademische Lehranstalt, organisiert aber ebenso Treffen von Jugendlichen mit Holocaust-Überlebenden wie Kochkurse oder Hip-Hop-Veranstaltungen für Orthodoxe. »Wir wollen allen das Gefühl geben, dass sie bei uns willkommen sind«, betont Bell. Dies gilt auch für Nichtjuden, die gerne bei Spertus vorbeischauen, um im reich bestückten Gift Shop ein passendes Geschenk zu finden.

Auch wenn bei der Planung des neuen Spertus-Institute Experten aus Israel zu Rate gezogen wurden und der Bau höchsten Sicherheitsstandards genügt – viel Aufhebens wird um die Besucher nicht gemacht. Anders als in jüdischen Einrichtungen in Deutschland muss niemand Metalldetektoren passieren. Jüdisches Leben ist in Chicago Normalität.

Zur Infrastruktur für die rund 300.000 Juden in der 2,7-Millionen-Metropole am Lake Michigan gehören verschiedenste Hilfs- und Unterstützungsorganisationen, Synagogen und Betstuben, neun Mikwes, Kindergärten, Schulen, Altersheime – und auch eine Russian Jewish Division. Doch das bedeutet nicht, dass sich die russischsprachigen Einwanderer separierten. Im Gegenteil: »Sie sind in Chicago sehr gut integriert«, sagt Bell.

steigend Anders sieht es bei den orthodoxen Familien aus, die derzeit in großer Zahl aus New York nach Chicago strömen. Sie stellen mittlerweile ein Zehntel der jüdischen Bevölkerung in der Stadt, und die Tendenz ist steigend. Die Skepsis auch. Inzwischen wird nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand befürchtet, dass die Orthodoxen die ohnehin schwindende Zahl der Reform- und konservativen Juden dominieren könnten. Deren Nachwuchs wiederum zieht es verstärkt nach Norden, beliebt ist beispielsweise Milwaukee.

Mit Misstrauen und einigem Unbehagen wird der Zustrom an orthodoxen Juden allerdings nur in den eigenen Reihen betrachtet. Denn grundsätzlich gilt Chicago – wie die gesamten Vereinigten Staaten – als Musterland in Sachen Einwanderung: Im Jahr 1841 etwa waren es Emigranten aus Deutschland, die den Grundstein für die jüdische Gemeinde Chicagos legten. Allein oder Exoten waren sie nicht – es kamen in dieser Zeit auch viele Iren, Briten und Schweden.

In Chicago war man an Einwanderer gewöhnt, niemand störte sich an den Neuankömmlingen. So standen auch den deutschen Juden alle Türen offen. Sie machten Karriere und gründeten die erste Synagoge in Chicago und damit zugleich im gesamten Staat Illinois: Kehilath Anshe Maariv (KAM). Ihr erster Rabbiner war der Ultraorthodoxe Ignatz Kunreuther. Seit 1922 teilt das Gebäude das Schicksal vieler ehemaliger Synagogen in Chicago: Es ist eine Kirche. Heute ist die Reformgemeinde »KAM Isaiah Israel Congregation« an der Ecke Greenwood Avenue und Hyde Park Boulevard zu Hause – die einzige Synagoge mit permanenter Polizeipräsenz. Aber nicht etwa aus Angst vor Antisemitismus, sondern weil gegenüber das Wohnhaus von Präsident Barack Obama steht.

Einfluss Die Chicagoer Juden leben über die ganze Stadt verteilt – und gerne grün: etwa am Albany Park, in der Gegend des Rogers Parks, am Hyde Park sowie im nördlichen Vorort Skokie. Sie hatten großen Einfluss auf die Entwicklung der Stadt, und das ist auch heute noch so: Julius Rosenwald baute den kleinen Versandhändler »Sears« zum größten Warenhauskonzern der Welt aus und finanzierte den Bau des Museum of Science and Industry. Die Gründung der Universität Chicago wurde ebenso aus jüdischer Hand gefördert wie ein Großteil des Millennium Parks, einer der Top-Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Der derzeit vermutlich prominenteste Jude in der Windy City ist zugleich der erste Mann in der Stadt: Vor drei Jahren wählten die Chicagoer den praktizierenden Juden, Demokraten und Obamas ehemaligen Stabschef Rahm Emanuel zu ihrem Bürgermeister. Nicht nur Politik-Insider werten das als weiteren Beleg für die Toleranz und Weltoffenheit der Chicagoer. Im Land der Cowboys und harten Kerle haben sie Emanuel nicht nur sein Judentum durchgehen lassen, sondern auch, dass der aufgrund seiner offensiven Art, mit Konflikten umzugehen, gerne als »Rahmbo« titulierte 54-Jährige sich einst zum Balletttänzer ausbilden ließ.

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