Andorra

Beten in La Vella

Der Weg hinauf in den kleinen Pyrenäenstaat Andorra ist lang und kurvig. Das Auto schraubt sich die Gipfel hoch, die Vegetation wird immer karger – ein Hauch von Alpen im Süden Europas. Die Gipfel des winzigen Landes recken sich bis auf 2942 Meter.

Andorra hat nur rund 70.000 Einwohner. Hauptstadt ist das von Bergen eingekesselte Andorra La Vella (Alt-Andorra). Hier lebt man hauptsächlich vom Tourismus und vom Handel: Wandern, Ski und Shopping, so könnte man das Motto beschreiben. Andorra ist ein Steuerparadies, die Mehrwertsteuer liegt bei 4,5 Prozent, eine Einkommensteuer existierte bislang nicht, soll aber dieses Jahr eingeführt werden. Lange Zeit zog das kleine Land auch Steuerflüchtige an, doch auf Druck der EU musste Andorra sein Bankgeheimnis aufweichen und unterzeichnete Verträge über den Austausch von Informationen.

angriff Amtssprache ist Katalanisch, aber auch Spanisch und Französisch hört man häufig. Die meisten Andorraner sind Katholiken. In den 60er-Jahren wanderten sefardische Juden aus Marokko nach Andorra ein. Zur Gemeinde gehören heute rund 70 Personen, verteilt auf 25 Familien.

Ihre Synagoge versteckt sich in einem unscheinbaren Gebäude zwischen Niederlassungen von Autofirmen und Bankenhochhäusern. Gelegentlich holt der 42-jährige Gemeindepräsident Isaac Benchluch Ayach Gäste an einer Bushaltestelle ab. Zu Fuß geht er dann mit ihnen die kurze Strecke zum Gemeindehaus. Unterwegs, mitten im Geschäftsviertel, öffnet sich eine Aussicht auf einen märchenhaften Gebirgsbach, Pfade winden sich durch die Schlucht, die Wildnis bricht sich immer wieder Bahn. Ayach führt seine Besucher ins Untergeschoss eines modernen Wohnhauses, in dem sich die Synagoge und ein kleiner Festsaal befinden.

stiefel Die derzeitige Situation der jüdischen Gemeinde ist jedoch keineswegs so idyllisch, wie man beim Anblick der Landschaft meinen könnte. Vor einigen Monaten gab es zum ersten Mal in der Geschichte Andorras einen antisemitischen Gewaltakt. Die Medien berichteten, dass ein 20-Jähriger nach dem Besuch einer Diskothek brutal angegriffen wurde. Die Täter provozierten ihn mit den Worten »Hitler hat nicht genügend Juden getötet.« Der junge Mann antwortete: »Sagt das nicht! Manche meiner Vorfahren sind in Auschwitz umgekommen.« Daraufhin trat ihm einer der Männer mit einem Stiefel ins Gesicht und verletzte ihn schwer.

Die Polizei konnte die Täter fassen. Seine Gemeinde und auch er selbst hätten sich in Andorra bis dahin nie bedroht gefühlt, sagt Isaac Benchluch Ayach. Meistens habe er sogar seine Haustür offen gelassen, der Schlüssel steckte.

Angst Die Nachricht von dem brutalen Angriff kratzt an Andorras Image als friedlichem Touristenziel, wo es kaum Kriminalität gibt. Unter den wenigen Juden im Land macht sich Angst breit. Dies könnte noch mehr von ihnen zur Auswanderung veranlassen. Ohnehin schwindet die traditionelle, aber nicht orthodoxe Gemeinde. In den 60er-Jahren lebten hier rund 200 Juden. Doch seit einigen Jahren wandern viele in die USA oder nach Israel aus.

Wenn in der Gemeinde ein Kind geboren wird, kämen alle in die Synagoge, erzählt Ayach. Ansonsten käme man eigentlich fast nur an den Hohen Feiertagen zusammen. In der abgelegenen Bergwelt ist es kaum möglich, orthodoxer Jude zu sein, es gibt nicht einmal einen Rabbiner. Man behilft sich mit Rabbinern aus Frankreich und Spanien; doch auch ein israelischer Rabbi ist häufig zu Gast. »Ansonsten übernimmt das mein Onkel, der gut vorbeten kann«, sagt Isaac Benchluch Ayach.

Die Gemeinde unterhält weder einen koscheren Laden noch einen Friedhof. »Wenn jemand stirbt, müssen wir ihn in Toulouse oder Barcelona beerdigen.« Beide Städte sind mehr als 100 Kilometer entfernt.

generationen Manche fragen sich, ob es in Andorra dauerhaft eine lebendige Gemeinde geben wird. Das ist nicht sicher, auch wenn viele Juden ihr kleines Land lieben, in dem sie seit Generationen zu Hause sind und gar nicht daran denken, es zu verlassen. So wie Isaac. Der Gemeindevorsitzende hat beobachtet, dass die Stimmung in Andorra nicht »so griesgrämig« ist wie in Frankreich.

Von der Wirtschaftskrise bekommt man nur wenig mit, auch wenn das Wachstum leicht zurückgeht. Die Arbeitslosenquote liegt zwischen drei und vier Prozent. Die meisten Juden arbeiten im Handel, der aufgrund niedriger Steuern floriert. Tatsächlich geht man in Andorra auf Schritt und Tritt an Parfümerien, Sportgeschäften und Läden vorüber, in denen Alkohol und Zigaretten verkauft werden. Die Stange kostet hier nur um die 30 Euro.

Ein immer wichtiger werdender Wirtschaftszweig ist der Tourismus. Im Sommer kommen Wanderer, im Winter Skiläufer. Andorra ist inzwischen sogar zu einem Anziehungspunkt für israelische Touristen geworden. Viele sehen in dem kleinen Land eine günstige Alternative zu Frankreich: Für das, was man in Paris oder Toulouse für eine Pizza auf den Tisch legt, bekommt man in Andorra ein ganzes Menü – mit Wein. Und ein Zimmer in einem guten Mittelklassehotel ist bereits ab 50 Euro zu haben. Das wird in den kommenden Jahren vermutlich noch mehr Israelis anziehen.

Piero Terracina

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